Letztes Geleit  Warum den Friedhöfen die Sargträger ausgehen

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 09.09.2022 17:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Heute kümmern sich fast immer Bestatter um alles, was mit dem Ableben eines Mitmenschen zu tun hat. Sie sind jedoch auf externe Sargträger angewiesen. Symbolfoto: Pixabay
Heute kümmern sich fast immer Bestatter um alles, was mit dem Ableben eines Mitmenschen zu tun hat. Sie sind jedoch auf externe Sargträger angewiesen. Symbolfoto: Pixabay
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Immer weniger Leute bringen die Toten zu ihren Gräbern. Einige Krummhörner Dörfer haben gar keine eigenen Sargträger mehr. Die Ursachen dafür sind vielseitig.

Greetsiel - Wenn früher ein Mensch auf dem Land starb, war die komplette Nachbarschaft auf den Beinen. Sie hielt den Hinterbliebenen tagelang den Alltag vom Hals, versorgte sie und organisierte die Beerdigung. Der Sarg des Toten stand geöffnet Zuhause und getrauert wurde schon vor der Beerdigung gemeinsam. Am Ende trugen dann ganz selbstverständlich die Nachbarn den Verstorbenen zu Grabe. Diese Zeiten haben sich jedoch gewandelt und heute wird es so auch immer schwieriger, Sargträger zu finden – trotz der inzwischen üblichen Bezahlung. Wie sich auf Nachfrage zeigt, gibt es auch in der Krummhörn in einigen Dörfern keinen einzigen Sargträger mehr.

Was und warum

Darum geht es: Dem Fischerdorf Greetsiel gehen die Sargträger aus und die Kirche wirbt um weitere Kräfte. Sie steht mit diesem Problem nicht alleine da.

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Deshalb berichten wir: Uns war der Gemeindebrief der Greetsieler Kirche aufgefallen, in dem auf das Problem aufmerksam gemacht wird.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Martin Janssen von Bestattungen Janssen aus Pewsum zählt als Beispiele Groothusen, Canum und Hamswehrum auf. „Da muss ich jedes Mal im Umland schauen, wer helfen kann“, sagt er unserer Zeitung. Teilweise müsse er bis nach Emden hin Anfragen stellen. Ulf Preuß, Sprecher der evangelisch-reformierten Kirche, bestätigt diese Entwicklung für ganz Ostfriesland. Wer jetzt schon hilft, mache das laut Janssen zwar auch weiterhin, aber es fehle eben der Nachwuchs. Zwar sind Senioren aufgrund ihrer Flexibilität die wichtigste Zielgruppe und immer mehr Menschen von außerhalb ziehen in die Krummhörn, um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Die könne man bislang aber noch nicht dafür gewinnen, zumal ihnen das Prinzip der freiberuflichen Sargträger meist unbekannt sei.

Lübben: „Keine Angst vor dem Gewicht“

Greetsiels Pastor Hartmut Lübben wirbt derweil in seinem Gemeindebrief um weitere Kräfte. Derzeit gebe es vier Sargträger, aber benötigt werden pro Beerdigung sechs, heißt es darin. Noch besser wären acht, die sich zur Verfügung stellen, damit auch mal jemand ausfallen könne. Immerhin sei niemand von ihnen gezwungen, an jeder Beerdigung teilzunehmen, macht Lübben auf Nachfrage deutlich. Aufgrund der kurzfristigen Einsätze sei das auch nicht immer einfach.

Angst vor zu viel Gewicht müsse man allerdings nicht haben. Zwar wiege alleine schon der leere Sarg „locker“ 60 Kilogramm. Getragen werde der aber nur vom Kirchenraum zum Sargwagen und dann nochmal am Grab, wo der Tote mit Muskelkraft ins Erdreich hinuntergelassen werde. Vier Personen halten dabei den Sarg fest, während zwei weitere die Holzbohlen am Grab entfernten, erklärt der Pastor. Pro Einsatz seien heute Sätze von rund 30 bis 40 Euro üblich.

Zukunft der Urnenbestattungen ungewiss

Laut Bestatter Janssen sind es heute zwar mehr als 80 Prozent Urnen, die bestattet werden. Auch für diese brauche man aber Sargträger – wenn auch nur jeweils zwei. Die Urnen seien nämlich ebenfalls nicht ganz leicht und außerdem sei es würdevoller, die sterblichen Überreste nicht alleine über den Friedhof zu tragen. Dazu komme noch, dass die Zukunft der Krematorien gerade etwas in den Sternen stehe und die Zahl an Sargbestattungen vielleicht wieder zunehmen wird. Immerhin litten auch die Krematorien unter den immer weiter steigenden Energiekosten.

Laut Lübben und Preuß gibt es wohl ganz unterschiedliche Gründe dafür, warum die Zahl der Sargträger immer kleiner wird. Wie eingangs beschrieben, sei die Sterbekultur heute eine andere und der Tod sei immer weniger Teil des Alltags und schrecke die Menschen ab. Dazu komme noch, dass heute in Haushalten oftmals mehrere Personen berufstätig sind und es zeitlich schlechter einzurichten sei, regelmäßig auf den Friedhöfen auszuhelfen. Der Pastor bedauert das und spricht in Bezug auf die Sterbekultur von einer „Verarmung unserer Gesellschaft“. Dabei gehöre der Tod doch nun einmal zum Leben dazu und die Sargträger sammelten wertvolle Erfahrungen im Umgang damit, betont er.

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