Wirtschaft in Ostfriesland „Es geht ums nackte Überleben“
Explodierende Gaspreise, Lieferengpässe und schwindende Nachfrage. Viele Betriebe in der Region stemmen sich gegen eine existenzielle Krise. Wir haben mit ihnen gesprochen.
Ostfriesland - Seit der russische Präsident Ende Februar seinen Streitkräften den Überfall auf die Ukraine befahl, schießen die Preise für Energie in die Höhe. Für den Winter werden sogar Engpässe in der Gas-Versorgung befürchtet. Die anhaltende Inflation, die Unabwägbarkeiten des kommenden Winters, all das bereitet Unternehmen in Ostfriesland derzeit große Sorgen. Drei von ihnen berichten über ihre aktuelle Lage.
Was und warum
Darum geht es: Die Energiekrise bereitet Unternehmen in Ostfriesland Existenzsorgen.
Vor allem interessant für: Angestellte im produzierenden Gewerbe.
Deshalb berichten wir: Ob Industrie oder Handwerk: Die aktuelle Lage bedroht viele Betriebe in der Region. Wir wollen ein Stimmungsbild widergeben. Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de
Eigentlich habe man ein sehr nachhaltiges und umweltfreundliches Geschäftsmodell, sagt Helga Fischer, Werksleiterin von Zinkpower in Remels. „Wir verzinken für Solaranlagen, Windkraftwerke und Hochspannungsleitungen“, sagt sie. „Und wie wollen sie einen Flüssiggas-Terminal ohne Verzinkung bauen?“ Beim Verzinken wird auf Stahl eine feine Schicht Zink angebracht, die als langlebiger Rost-Schutz dient. Doch der Vorgang hat einen Haken: Zink muss hierfür auf 450 Grad Celsius erhitzt werden, damit es flüssig wird. In Remels wird der große Zinkkessel mit Gasbrennern erhitzt.
„Das ist existenzbedrohend“
Die hohen Gaspreise belasten das Unternehmen. „Wir sparen, wo wir können. In den vergangenen Monaten haben wir unseren Energieverbrauch bereits um 20 Prozent reduziert“, sagt Fischer. Dennoch sei die Lage gerade im Hinblick auf den Winter extrem angespannt. „Bei uns in Remels arbeiten 50 Menschen. Jeder hat auf seine Art Angst, vor dem was kommt“, sagt Fischer.
Der „Super-Gau“ sei ein Szenario, in dem von heute auf morgen das Gas ausgeht. „Wir brauchen Vorlaufzeit, um den Zink aus dem Kessel abzupumpen“, erklärt die Werksleiterin. Dieser müsse 24 Stunden an sieben Tagen der Woche beheizt werden. Falle die Temperatur unter den Schmelzpunkt von Zink, werde dieser hart und der Kessel sei ein Totalschaden. „Das ist existenzbedrohend“, sagt Fischer. „Alles oder nix – es geht ums nackte Überleben.“
Tierfutter, auch wenn das Gas knapp wird
Die Firma Landguth aus Riepe produziert Nassfutter für Hunde und Katzen. Dafür braucht das Unternehmen Gas. „90 % unseres Gasverbrauchs sind auf den Koch- und Sterilisationsprozess unserer Produkte zurückzuführen“, erklärt Focke Hagen vom Marketing des Unternehmens. Hinzu kämen kleinere Mengen Gas, die für die tägliche Reinigung mit heißem Wasser sowie dem Betrieb von Tiefkühlräumen und Verpackungsmaschinen benötigt werden. Wie fast alle produzierenden Unternehmen sei Landguth daher auch von der geplanten Gasumlage stark betroffen. Die Preiserhöhungen wolle man deshalb aber derzeit noch nicht an die Kunden weitergeben, so Hagen. „Geplant ist, die Gasumlage zumindest bis zum Jahresende selbst zu tragen“. Sollte die Gasumlage jedoch über den Jahreswechsel bestehen bleiben, sei man gezwungen, die Preise zu erhöhen.
Falls es zu einem völligen Lieferstop von Gas komme, solle die Produktion auf jeden Fall weiterlaufen können. „In diesem Fall sind wir mit möglichen Alternativen entsprechend vorbereitet und können einen Großteil des geplanten Produktionsvolumens gewährleisten“, erklärt Hagen.
Bäcker sieht sich im „Teufelskreis“ gefangen
Jannes Janssen ist Bäcker in dritter Generation. In seiner Backstube in Westoverledingen geht um 4 Uhr in der Früh der Ofen an. Doch seit Jahren machen sich in der kleinen Bäckerei mit seinen 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Sorgen breit. „Keiner weiß, wohin die Reise geht“, sagt Janssen. „Die Rohstoffpreise explodieren. Die Energie kommt noch dazu.“ Nicht nur Mehl, sondern auch Butter, Joghurt und Sahne hätten sich zuletzt extrem verteuert. „Sogar der Preis für Verpackungen hat sich fast verdreifacht“, sagt Janssen.
Der Bäcker stellt klar, dass sein Geschäft schon vor der starken Inflation mit Schwierigkeiten behaftet war. Immer weniger Personal sei zu finden, die Konkurrenz der Discounter, die Aufback-Brötchen zum Schleuderpreis verkaufen, sei gewaltig. Große Kunden aus der Gastronomie seien in der Pandemie weggebrochen. „Und ich kann nicht alle Mehrkosten auf die Kunden weiterleiten“, sagt Janssen. Der Bäcker macht aus seiner Verzweiflung keinen Hehl. „Man mag einfach nicht mehr weitermachen. Man arbeitet sich dumm und duselig und hat nichts mehr davon.“
Bauern in Sorge um Ernten und Lebensmittelversorgung
Klinikchef spricht bei Kundgebung
Ausnahmesituation für Unternehmen in den Häfen
Kliniken fordern Hilfe von der Politik
„Die Leute stehen heulend in unseren Shops“