Osnabrück ZDF-Film: Dürfen Eltern dem gehörlosen Kind die OP verweigern?
Gibt es eine Pflicht, seinem Kind das Hören zu ermöglichen? Um diese Frage dreht sich das ZDF-Drama „Du sollst hören!“.
Es sei „so eine Art Pionierarbeit“, sagt die Drehbuchautorin Katrin Bühlig. Gehörlose kämen im deutschen Fernsehen bislang allenfalls in kleinen Nebenrollen vor, „und dann versuchen meist hörende Schauspieler einigermaßen glaubwürdig zu gebärden“. In dem Spielfilm „Du sollst hören“ ist das ganz anders.
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Im Mittelpunkt steht das taube Ehepaar Conny und Simon Ebert (Anne Zander, Benjamin Piwko) und ihre beiden ebenfalls gehörlosen Kinder. Bei einer Untersuchung der dreijährigen Mila (Delia Pfeffer) stellt sich heraus, dass bei ihr ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden könnte. „Sie kann hören und sprechen lernen, ist das nicht eine großartige Nachricht?“, strahlt der behandelte Arzt, Prof. Dr. Theo Rotschild (Kai Wiesinger). Und das sei „doch der erste Impuls, den jeder hat“, sagt Katrin Bühlig. „Wenn ein Kind eine Chance auf ein normales Leben hat: Warum denn nicht?“
Um genau dieses „Warum denn nicht?“ geht es in dem Film. Denn Milas Mutter verweigert ihre Zustimmung zu der notwenigen Operation. Einerseits wegen der Risiken. Aber auch grundsätzlich. „Mila ist gesund, warum sollte sie operiert werden?“, fragt sie. Und: „Wir haben eine wunderbare Sprache, Mila braucht keine andere.“ Der Arzt hält diese Einstellung für Kindeswohlgefährdung und schaltet das Jugendamt ein. Die Sache kommt vor Gericht, entscheiden muss Richterin Jolanda Helbig (Claudia Michelsen).
„Der Film beruht auf wahren Begebenheiten“, sagt Katrin Bühlig. „Die Produzentin Simone Höller kam auf mich zu und sagte: Das ist ein Katrin-Stoff!“ Tatsächlich hat die Drehbuchautorin ein Herz dafür, „sperrige Themen für eine große Öffentlichkeit zu erzählen“, wie sie sagt. Allerdings habe sie diesmal unterschätzt, „auf welches Abenteuer ich mich einlasse“. Denn sie schrieb ein Drehbuch in einer Sprache, die sie nicht kann.
„Ich habe natürlich alle Dialoge in meiner Sprache geschrieben, also in Lautsprache“, sagt Bühlig. Die wurden dann von einer Dolmetscherin übersetzt. „Aber bei den Leseproben hat sich herausgestellt. Das funktioniert so nicht. Die Gebärden dauerten länger als der Film vorgestoppt war.“ Gemeinsam mit den gehörlosen Schauspielern, Dolmetschern und einem Sprachcoach ging es an die Überarbeitung. „Die Gebärdensprache ist eine sehr reiche Sprache“, sagt Bühlig, aber wenn man sie sie wieder in Lautsprache übersetze, etwa für die Untertitel, „ist sie sehr auf‘s Wesentliche konzentriert“.
Überhaupt habe Bühlig bei diesem Film viel gelernt. Das Wichtigste: „Wir Hörenden interpretieren Gehörlosigkeit als Defizit. Tatsächlich aber müssten wir von unserem hohen Ross herunterkommen müssen, von dem aus wir definieren, was ein lebenswertes Leben ist.“ Um das dann auch noch vor Gericht durchsetzen zu wollen.
Bühlig möchte die Zuschauerinnen und Zuschauer „auf diese Reise mitnehmen“ und eine neue Sicht auf Gehörlosigkeit anstoßen – wobei die Alltagsschwierigkeiten keineswegs verschwiegen werden. „Ohne Tante Jette sind wir aufgeschmissen“, klagt Mats; Tante Jette (Laura Lippmann), Connys hörende Schwester, die ständig zum Dolmetschen bereitstehen muss, egal, ob beim Arztbesuch oder beim Autounfall.
„Deutschland hinkt in Sachen Inklusion auch in diesem Punkt ziemlich hinterher“, sagt Katrin Bühlig. Seit 2002 sei die Deutsche Gebärdensprache als Sprache anerkannt, daher müsse „die Politik endlich für eine ausreichende Zahl an Dolmetschern sorgen“. Und auch die Öffentlichkeit sollte sich mehr interessieren. Es gibt blinde Ermittler, Ärzte im Rollstuhl – aber Gehörlose gibt es nicht. „Natürlich könnte man einen Liebesfilm mit einer Gehörlosen in der Hauptrolle machen“, sagt Katrin Bühlig. „Schauspielerinnen und Schauspieler gibt es genug. Nur müsste sich auch das Publikum darauf einlassen.“ Auf Stille. Und auf Untertitel. Aber vielleicht ist „Du sollst hören!“ ja ein Auftakt dazu.
Sendetermin: „Du sollst hören!“ Am Montag, 19. September, um 20. 15 Uhr im ZDF. Und ab sofort in der ZDF Mediathek
Die „Reihe 37°“ porträtiert am Folgetag (20.9.) ab 22.15 Uhr die taube Schauspielerin Anne Zander, die im Film die Rolle der Conny Ebert spielt.