Serie „50 Jahre Gebietsreform“ Warum Aurich-Oldendorf nicht zu Aurich gehört
Oldendorf ist kein Stadtteil von Aurich, obwohl es Aurich-Oldendorf heißt. Und Ditzumerverlaat gehört keineswegs zu Ditzum. Wie kann das sein?
Ostfriesland - Vor 50 Jahren wurde die politische Landkarte Ostfrieslands neu gezeichnet. Kleine Ortschaften verschmolzen zu größeren Gemeinden oder wurden Städten zugeschlagen. Doch auch 50 Jahre nach Beginn der Gebietsreform bleibt es an einigen Stellen eine Herausforderung, den Überblick zu behalten, selbst für Einheimische. Was gehört wohin, und weshalb ist das so? Verwirrende Beispiele gibt es zum Beispiel in Großefehn und Wiesmoor, aber auch im Landkreis Leer.
Aurich-Oldendorf
Der Name Aurich-Oldendorf klingt wie ein Stadtteil von Aurich. In Wahrheit handelt es sich jedoch um eine ehemals selbstständige Gemeinde, die seit 1972 zur Gemeinde Großefehn gehört. Sie war niemals ein Teil von Aurich. Wie kommt es dann zu dieser Namensgebung? Wir haben Hayo Wolters gefragt. Der 81-jährige Strackholter war erster hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Großefehn. Er kann die Frage nicht beantworten und sagt: „Die das wissen könnten, sind alle tot.“ Doch dann fällt ihm der Oberstudienrat Friedrich Freudenberg ein. Der pensionierte Geografie- und Englischlehrer kennt sich mit der Geschichte Großefehns aus. Er sagt: „Es gibt den Ort Oldendorf sehr häufig. Da dieses Oldendorf zum Kreis Aurich gehört, hat man es Aurich-Oldendorf genannt.“ Also eine geografische Präzisierung, wie beispielsweise in dem Ortsnamen Hessisch Oldendorf. Die nächsten „Oldendörfer“ sind nicht weit entfernt: In Uplengen im Landkreis Leer gibt es die Orte Groß- und Kleinoldendorf, und ein Ortsteil von Bensersiel im Kreis Wittmund heißt Oldendorf.
Auch der 2008 verstorbene Heimatforscher Siegfried Lüderitz hat sich mit der Geschichte Aurich-Oldendorfs befasst. Er schreibt: „Der Ortsname bedeutet ,Altes Dorf′. Der Zusatz ,Aurich′ wird seit dem 18. Jahrhundert zur Unterscheidung von anderen gleichnamigen Dörfern verwendet.“ Wir haben den Ortsbürgermeister von Aurich-Oldendorf gefragt, ob der Name im Alltag Probleme bereite. „Selten“, sagt Joachim Ehmen (SPD). „Es kommt wohl mal vor, dass jemand Oldendorf weglässt und nur Aurich sagt.“ Vielen falle es jedoch schwer zu erkennen, wo Aurich-Oldendorf anfängt und wo es aufhört. Sie glaubten beispielsweise, der Edeka-Markt am Müllers Kamp gehöre zu Ostgroßefehn.
Die einzelnen Ortschaften in Großefehn legen auch heute noch Wert auf ihre Eigenständigkeit. Vor und nach der Gebietsreform 1972 habe es viele Reibereien gegeben, erinnert sich Ex-Bürgermeister Wolters. „Die Fehntjer waren anders gepolt als die Bewohner der Geestdörfer.“ Dennoch sei der Zusammenschluss der richtige Weg gewesen. Wolters würde gerne noch einen Schritt weiter gehen: Er wünscht sich einen Landkreis Ostfriesland, nach dem Vorbild des Emslandes. Er ist sicher: „Irgendwann wird das kommen.“
Auricher Wiesmoor und Wiesederfehn
Das Königreich Hannover teilte das ostfriesische Zentralhochmoor, das Wiesmoor, 1840 in einen westlichen und einen östlichen Teil. „Der heutige Nordgeorgsfehnkanal war die Grenze“, sagt der ehemalige Wiesmoorer Bürgermeister Alfred Meyer (SPD). Der westliche Teil hieß Auricher Wiesmoor, der östliche Friedeburger Wiesmoor. 1866 untergliederte die preußische Verwaltung das Auricher Wiesmoor in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Das Auricher Wiesmoor I gehört heute zu Aurich-Oldendorf und Felde. Aus dem südlichen Teil, dem Auricher Wiesmoor II, wurde 1951 ein Teil der Gemeinde Wiesmoor.
1972 wurde auch die bis dahin selbstständige Gemeinde Wiesederfehn Wiesmoor zugeschlagen. Die Nachbarorte Wiesede und Wiesedermeer gehören heute zu Friedeburg (Landkreis Wittmund). Alfred Meyer weist auf eine Wiesmoorer Besonderheit hin: Nur die vier Stadtteile, die bei der Gebietsreform 1972 dazugekommen sind, haben Ortsvorsteher. Das sind Marcardsmoor, Voßbarg, Wiesederfehn und Zwischenbergen. „Ich halte das für überholt“, sagt Meyer.
Leer und Bingum
Das Rheiderland liegt im Landkreis Leer. Die Ems bildet die östliche Grenze. Doch ein Ort tanzt aus der Reihe: Seit 1973 gehört Bingum zur Stadt Leer, obwohl es westlich der Ems liegt, also im Rheiderland. „Mein Vater hat da seine Finger im Spiel gehabt“, sagt Ortsvorsteher Sönke Eden (SPD). Sein Vater sei der letzte Bürgermeister der selbstständigen Gemeinde Bingum gewesen und habe seinerzeit mit dafür gesorgt, dass Bingum ein Stadtteil von Leer wird.
„Geografisch gehören wir zum Rheiderland“, sagt Eden, „und das ist auch gut so. Politisch gehören wir zur Stadt Leer, und das ist auch gut. Wir haben das Beste aus beidem gemacht.“ Die Stadt Leer sei näher und biete mehr Infrastruktur als die Rheiderland-Gemeinde Jemgum. Von Bingum seien es nur drei Kilometer bis zur Leeraner Innenstadt. Zum Einkaufen fahren die Bingumer nach Leer. „Es sei denn, die Jann-Berghaus-Brücke ist mal wieder länger geschlossen, dann fahren wir nach Weener“, sagt Eden.
Noch mehr Verwirrendes
Das waren nur einige Beispiele. Die Liste ließe sich fortsetzen. Man muss zum Beispiel nicht auf Anhieb verstehen, weshalb Ditzum zur Gemeinde Jemgum gehört, die Nachbardörfer Ditzumerhammrich und Ditzumerverlaat jedoch zur Gemeinde Bunde. Oder warum Moordorf zur Gemeinde Südbrookmerland gehört, Westermoordorf aber zu Großheide. Oder Berum und Berumbur zu Hage, Berumerfehn aber zu Großheide. Grenzen sind etwas Künstliches, auch zwischen Gemeinden.