Kampf um Förderschule im Landkreis Leer  Fronten zwischen den Parteien sind verhärtet

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 13.09.2022 14:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nicht nur Schüler, sondern auch Eltern und ein Teil der Politik kämpfen für den Erhalt der Pestalozzischule in Leer. Foto: Ortgies/Archiv
Nicht nur Schüler, sondern auch Eltern und ein Teil der Politik kämpfen für den Erhalt der Pestalozzischule in Leer. Foto: Ortgies/Archiv
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Die CDU möchte, dass der Landkreis Leer sich beim Land für den Erhalt der Pestalozzischule in Leer einsetzt. Die Entscheidung fällt am Mittwoch, es dürfte sehr knapp werden.

Leer - CDU, FDP und AfD auf der einen und SPD und Grüne auf der anderen Seite: Die Verteilung der Sitzplätze am Montagabend im Ausschuss für allgemein- und berufsbildende Schulen und ÖPNV des Kreistags entsprach der Verteilung der Meinungen zu den Förderschulen Lernen. Auf diese Schulen gehen Kinder und Jugendliche, die sich beispielsweise schlecht konzentrieren können oder deutlich langsamer lernen als ihre Altersgenossen. Nach jetziger Gesetzeslage sollen diese Förderschulen bis 2027 auslaufen.

Ein Fehler finden CDU, FDP und AfD, wie deren Vertreter im Ausschuss sagten. Unbedingt nötig, damit das System der Inklusion in Niedersachsen eine Chance hat, hielten die Vertreter der Gruppe SPD/Grüne entgegen. Diskutiert wurde, weil die CDU beantragt hatte, dass der Landkreis sich beim Land für den Erhalt dieser Schulform einsetzt.

Inklusion klappt noch nicht

Die Inklusion sei grundsätzlich eine gute Idee, sagte Ulf Thiele (CDU). Allerdings sei sie in Niedersachsen noch lange nicht so weit, dass Schulkinder, die das normale Tempo in einer allgemeinbildenden Schule nicht mitgehen könnten, adäquat aufgefangen würden. Es fehle an der gesamten Infrastruktur, von geeigneten Räumen über Sonderschulpädagogen bis zu den Integrations-Helfern. Umso wichtiger sei es, dass die Eltern nach wie vor die Wahl hätten, ob sie ihr Kind auf eine normale oder eine Förderschule schicken. Integrationshelfer helfen jeweils einem konkreten Kind durch den Schulalltag.

Solange es die Förderschulen noch gebe, könne die Inklusion nicht in Fahrt kommen, hielt Ernst-Ingo Lind (SPD) entgegen. Die Fachkräfte, die derzeit noch durch Förderschulen gebunden seien, fehlten an den allgemeinbildenden Schulen. Dabei sei es wichtig, dass auch die Kinder, die eine besondere Förderung bräuchten, mit ihren Freunden und Nachbarkindern Schule und Freiheit gemeinsam genießen und nicht durch die besondere Schulform von ihnen getrennt würden. Um einen Hauptschulabschluss zu machen, müssten die Schüler sowieso an eine andere Schule wechseln. Als dazu energischer Widerspruch aus dem Zuschauerraum kam, wo zahlreiche Förderschullehrer saßen, berief sich Lind auf Auskünfte der Landesregierung. Tatsächlich kann aber an der Leeraner Pestalozzischule der Hauptschulabschluss gemacht werden. Linds Parteikollege Walter Eberlei betonte, dass „die Ressourcen nicht beliebig verfügbar“ seien und es deshalb nicht sinnvoll sei, zwei Systeme nebeneinander zu betreiben.

Eltern sollen weiter wählen können

Die Unterstützung der Förderschule Lernen sei kein Misstrauensvotum für die Inklusion, betonte Carl Friedrich Brüggemann (FDP). Aber seine Partei wolle den Eltern die Wahlmöglichkeit erhalten. Dass die Förderschulen Fachkräfte bänden, sei ein Fehlschluss. Schließlich kämen nach dem Abschaffen der Förderschulen Schüler in die anderen Schulen, die eben den Einsatz der angeblich nun freien Lehrkräfte wieder einforderten.

„Ich halte viel davon, dass solche Entscheidungen von denen getroffen werden, die vom Fach sind, und das sind die Förderschullehrer“, sagte Max Klimpel (AfD). Wenn die von der Notwendigkeit der Förderschulen überzeugt seien, mache es wenig Sinn, wenn im Landtag eine andere Entscheidung getroffen werde.

Unterricht in der Besenkammer

Würden die Förderschulen Lernen tatsächlich abgeschafft, würde den Eltern die Möglichkeit genommen, ihren Kindern bestmöglich beizustehen, sagte Britta de Buhr-Hollatz, Elternvertreterin Allgemeinbildende Schulen. „Die Kinder fallen hinten runter und es ist kein Personal da, um sie aufzufangen“, sagte sie und berichtete von Schulen, an denen die Förderkinder in „Besenkammern“ unterrichtet würden.

Aus seiner Sicht sei die Inklusion „übers Knie gebrochen worden“, sagte Markus Pieper vom Beirat für Menschen mit Teilhabeeinschränkungen. Statt dass sich die Kinder erst einmal auf den Schulhof begegnen, habe man unnötigen Druck erzeugt. Die Unterschiedlichkeit der Kinder werde womöglich an Gymnasien akzeptiert, an Oberschulen beispielsweise herrsche aber „ein ganz anderes Klima“. „Die Inklusion steht noch in den Kinderschuhen“, so seine Einschätzung.

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Die Entscheidung, ob der Landkreis sich beim Land für den Erhalt der Pestalozzi-Schule einsetzen muss, fällt an diesem Mittwoch im Kreistag. Dort hat die Gruppe SPD/Grüne eine Ein-Stimmen-Mehrheit. Wohl auch deshalb appellierte Thiele dafür, in dieser Frage nicht in Partei-Blöcken abzustimmen, sondern jeder Abgeordnete nach seiner eigenen Meinung.