Jeveraner erobert die Reeperbahn Der Kiez feiert sein Aussehen
Marco Apfler tätowiert eigentlich in Jever. Seit Monaten sticht er zusätzlich regelmäßig auf der Hamburger Reeperbahn Motive. Dabei sitzt ihm dann stets ein Kamerateam im Nacken.
Jever - Das Leben von Marco Apfler hat ordentlich Fahrt aufgenommen. Der 46 Jahre alte Tattoo-Artist aus Jever hat derzeit manchmal selbst Probleme, mit dem atemberaubenden Tempo mitzuhalten. Heute Jever, morgen Hamburg. Die Reeperbahn auf St. Pauli mit ihrem Glitzer, ihrer Partyszene und ihren nackten Tatsachen ist binnen weniger Monate zu seiner zweiten Heimat geworden. An den Wochenenden tätowiert er dort vor laufender Kamera Partygäste, begleitet die Kieztouren der schillernden Olivia Jones und ihrer Show-Familie oder taucht ins Nachtleben mit Rappern, Schauspielern, Zuhältern und Prostituierten ein. Obwohl noch keine einzige Folge im TV lief, ist er mittlerweile schon relativ bekannt. „Wildfremde Menschen stehen plötzlich vor unserer Haustür“, wundert sich seine Partnerin Anneliese Janßen.
Was und warum
Darum geht es: Tattoo-Artist Marco Apfler aus Jever macht Karriere auf dem Kiez. Dabei wird er von Fernsehkameras begleitet.
Vor allem interessant für: Fans der Körperkunst, Großstadtpflanzen und Leser, die das Außergewöhnliche interessiert
Deshalb berichten wir: Marco Apfler sticht mit seinem Aussehen aus der Masse heraus. Nicht immer auf positive Weise. Jetzt eröffnet es ihm jedoch eine außergewöhnliche Perspektive. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
In seiner Jeveraner Küche erzählt er unserer Zeitung bei der ein oder anderen Zigarette davon, wie rasant sich sein Leben verändert hat. Noch vor zwei Jahren stand er nach einer bundesweiten Schließung aller Tattoo-Studios vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz. Er wirkt ein wenig erschöpft, als würde die konstante Pendelei zwischen Familie, Studio und neu entdeckter Leidenschaft für den Kiez an ihm zehren. Doch dieser Eindruck kann auch täuschen. Schließlich sind Apflers Augen rot tätowiert. Er hat ein sogenanntes Eyeball-Tattoo: Der weiße Teil seines Augapfels ist mit Rot eingefärbt. Nicht so das zweite Paar Augen, dass der Tattoo-Artist einige Zentimeter darüber eintätowiert hat: Die Augen von Stephen Kings Horrorclown „Es“ starren sein Gegenüber im Gespräch an.
Apfler wurde selbst zum Kunstwerk
Man könnte nun wirklich Angst vor diesem Mann bekommen – wäre Marco Apfler nicht so sympathisch und bodenständig. Dass nicht jedem sein Look gefällt, ist ihm vollkommen klar: „Einige finden es toll. Andere sagen, ich müsste erschossen werden.“ Ihm sei es lieber, man käme auf ihn zu, spreche ihn an. Kinder würden das oft tun. Abfällige Bemerkungen ignoriere er. Er wirbt für Toleranz: „Jeder soll leben, wie er will.“ Apfler sagt, er steche selbst auf einer Tattoo-Messe heraus. Ganzkörper-tätowiert seien auch in der Tattoo-Szene nur die wenigsten.
Dabei war diese schiere Menge von Farbe unter der Haut nie sein Ziel, sagt er. Doch eins kam wohl zum anderen, nachdem er im zarten Alter von 13 Jahren das erste Mal zu einer Nadel griff. „Ich wollte eigentlich nur einen Bart Simpson haben“, erinnert er sich. Auf dem eigenen Bein begann er zu üben. Zuerst. „Ich habe Freunde angemalt, mich angemalt.“ Seit zehn Jahren tätowiert der 46-Jährige hauptberuflich. Apfler wurde nach und nach selbst zu einem Kunstwerk – welches vermutlich niemals ganz fertig sein wird. 2014 war sein Gesicht noch „ohne“. Er tätowiert meist in Schwarz, wie er es auch an sich am liebsten mag, in den Stilen Sketch oder Fineline.
Durch Zufall auf der Reeperbahn entdeckt
In etwa einem Monat wird Apfler Papa. Anneliese Janßen war Kundin in seinem Studio „Tief unter deine Haut“, bevor beide ein Paar wurden. Ihr mittlerweile stattlicher Babybauch brachte den Stein ins Rollen. „Er wollte feiern, dass er Papa wird“, erzählt sie und lacht. Im Frühjahr hatte das Paar ein Wochenende auf der Reeperbahn verbracht, aus Interesse an der Szene. Wenig später kehrte der werdende Papa mit einem ebenfalls voll tätowierten Kumpel auf den Kiez zurück, um zu feiern. „Wir sind natürlich sofort aufgefallen“, erinnert sich Apfler.
Der Inhaber von „Susis Show Bar“ habe ihn gefragt, ob er nicht tätowieren wolle. Vor laufenden Kameras für das RTL2-Format „Reeperbahn privat! Das wahre Leben auf dem Kiez“. In der Doku-Serie begleitet der Sender verschiedene Persönlichkeiten zwischen Rampenlicht, Rotlicht und Blaulicht. Was im Moment gedreht wird, kommt voraussichtlich Anfang 2023 ins TV. Seit Mai steht Apfler im Schnitt zweimal im Monat für RTL2 vor der Kamera. Zusätzlich drehte er ein Musikvideo sowie einen Film, an der Seite von Rapper Daniel Gun und Schauspieler Lars Nagel. Ein Projekt folgt dem vorherigen. „Das wird immer heftiger.“ Viele würden unterschätzen, wie viel Arbeit hinter den Kulissen des Nachtlebens sei. Zeit zum Feiern bliebe nur selten. Wohlfühlen würde er sich dennoch: „Das Kiezleben ist wie eine Familie: Man spürt den Zusammenhalt.“