OZ-Serie „Leven van de See“  Der Reeder-Rebell von Juist

| | 14.09.2022 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine der Töwerland-Schnellfähren im Hafen von Juist. Fünf davon fahren heute im Linienverkehr zwischen Juist und Norddeich und eine zwischen Neßmersiel und Baltrum. Foto: Böning
Eine der Töwerland-Schnellfähren im Hafen von Juist. Fünf davon fahren heute im Linienverkehr zwischen Juist und Norddeich und eine zwischen Neßmersiel und Baltrum. Foto: Böning
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Jörg Schmidt gründete 2019 die Töwerland-Reederei. Zum Jahreswechsel stockt er auf. Dann soll ein Katamaran mit 40 Sitzen den Dienst aufnehmen.

Juist - „Komm, ich stell dir einen echten Rebellen vor“, sagt der Juister Wattführer Heino Behring und geht voran in Richtung Insel-Zentrum. Gleich gegenüber dem Rathaus liegt die Pizzeria „Piratennest“ von Jörg Schmidt. „Der beste Platz im Ort“, findet der Gastronom. Deshalb hat er zugeschlagen, als er die Möglichkeit bekam, das Restaurant zu übernehmen. Schmidt sitzt auf der Terrasse und telefoniert. Es ist Vormittag, außerhalb der Saison.

Die Serie „Leven van de See“

Die Nordsee. Mal malerisch ruhig, mal wild und stürmisch. Sehnsuchtsort und Arbeitsort in einem. Es gibt Menschen, die all ihre Facetten kennen, weil sie täglich mit ihr zu tun haben. Das Leben von und mit dem Meer prägt die ostfriesische Halbinsel sogar bis ins Landesinnere hinein. Es ist Nahrungsquelle, liefert Werkstoffe und Zutaten, ist Wasserstraße und manchmal auch Energiespender. In dieser Serie geht es darum, wie sich der Mensch an das Leben am und mit dem Meer angepasst hat. Unter dem Motto „Leven van de See“ berichten Ostfriesen von ihrer Verbindung zur Nordsee. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, ihren persönlichen Blickwinkel und ihre Wünsche für die Zukunft.

Die nächste Folge: Am nächsten Donnerstag zeigt Ranger Markus Großewinkelmann Orte in der Nordsee, die zwischen Meer und Land wandeln.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de oder 04941/6077-519

Noch ist es ruhig auf der Insel, nicht aber im Leben von Jörg Schmidt – da ist Ruhe ein seltener Zustand. Denn Schmidt ist nicht nur Gastronom. Seit 2019 ist er auch Reeder. Unter anderem. Mit der Töwerland-Reederei hat er den Transport nach Juist revolutioniert. Damit hat er das bis dahin bestehende Monopol der Reederei Frisia beendet. „Ein Rebell bin ich deshalb noch lange nicht“, findet Schmidt, grinst dabei aber ein wenig stolz. Denn viele auf der Insel sehen das anders.

Die Vision vom sanften Tagestourismus

Egal, welchen Insulaner man fragt: Wer schnell mal an Land muss, nutzt den Töwerland-Express. Ein Tagestrip von Juist zu einem Fußballspiel ins Weserstadion? Das war früher undenkbar. Seit den Töwer-Taxis geht das plötzlich, dank Jörg Schmidt. Statt 90 Minuten, wie die Fähre der Reederei Frisia, sind die „Töwis“ in der halben Zeit auf der Insel – und das nicht nur bei Hochwasser. Am 20. März 2019 startete die Reederei mit einem kleinen Schiff für sieben Fahrgäste und einem Kapitän. Inzwischen sind sechs Töwer-Taxis für bis zu zwölf Personen im Einsatz. FüDer Reeder-Rebell von Juistnf im Linienverkehr zwischen Norddeich und Juist und eines zwischen Neßmersiel und Baltrum.

Das „Piratennest“ am frühen Morgen in der Vorsaison. Foto: Böning
Das „Piratennest“ am frühen Morgen in der Vorsaison. Foto: Böning

Tagestouristen konzentrierten sich bis dahin aufgrund der tideabhängigen Fährverbindung von Juist vor allem auf die Nachbarinsel Norderney. Nachdem Jörg Schmidt wieder einen Feiertag ohne Tagesausflügler auf der Insel verbracht hatte, wurde die Idee für die Töwerland-Reederei geboren. Denn ein Tag ohne sie macht sich im Portemonnaie der Inselbetriebe bemerkbar. „In der Saison verdienen wir das Geld, von dem wir das ganze Jahr leben“, erklärt Schmidt. Deshalb zählt jeder Gast, nicht nur im „Piratennest“.

Die Idee wurde aus der Not geboren

Wo soll es hingehen für die Reederei? Schmidt hat die Vision von größeren Schiffen. Irgendwann dürfen es gerne 200 bis 300 Plätze sein. Die Voraussetzung: Die Schiffe sollen so schnell wie die Wassertaxis über die Nordsee kommen und auf Juist für einen sanften Tourismus sorgen, sagt er. 50.000 Tagesgäste im Jahr, nicht so viele wie auf Norderney. Davon hat die ganze Insel etwas.

Das Ehepaar Andrea und Jörg Schmidt. Foto: Böning
Das Ehepaar Andrea und Jörg Schmidt. Foto: Böning

Die Grundlage für die Reederei hatte der Unternehmer schon früher gelegt. 2014 hatte er einen Laden auf Borkum eröffnet und suchte einen schnellen Weg von Juist dorthin. Juist – Norddeich – Emden Außenhafen – Borkum. Mit den regulären Fähren über die Nordsee und mit dem Auto über das Festland. Diese Verbindung glich eher einer Weltreise als einer echten Option. „Mit dem Schiff direkt dauert die Strecke gerade einmal eine Stunde“, sagt er.

Tideunabhängige Schnellboote haben mehrere Vorteile

Seitdem hat er mit Booten experimentiert, machte den Sportboot-Führerschein und entdeckte einen weiteren Vorteil der tideunabhängigen Schnellboote: „Bei einer defekten Spülmaschine kamen durch die schlechte Fähranbindung schnell Reparaturkosten in Höhe von 1000 Euro zusammen, selbst wenn das Ersatzteil nur 30 Cent kostete“, sagt Schmidt. Allein, weil die Monteure meist auf der Insel übernachten mussten. „Inzwischen bekommen wir solche Reparaturen für den halben Preis“, sagt der Reeder sichtlich zufrieden. Auch den Monteuren gefällt das: „Sie kommen am selben Tag wieder nach Hause und können im eigenen Bett schlafen.“

Die Reederei Frisia hat inzwischen nachgelegt und ist in den Schnellfähren-Markt eingestiegen. Das hält Jörg Schmidt nicht davon ab, seinen Traum weiterzuverfolgen. Der nächste Schritt steht auch bei der Töwerland-Reederei bevor. Gegen Ende des Jahres soll ein Katamaran mit 40 Plätzen den Dienst aufnehmen. „Wenn es schlecht läuft, wird es Januar, sonst Dezember“, sagt Schmidt und klingt äußerst zufrieden, als er nach dem Treffen auf Juist am Telefon davon erzählt. Er sitzt gerade am Steuer einer Schnellfähre auf dem Weg von Norddeich nach Juist.

Durch Kapitän-Mangel selbst am Steuer

„Selbst ist der Mann“, sagt Schmidt. Im vergangenen Jahr hat der ehemalige Freizeitkapitän die Scheine gemacht, die für den Personentransport notwendig sind. Denn er hat bei allem Eifer ein Problem, das jede Reederei aktuell kennt: „Kapitäne sind rar“, sagt Schmidt. Seitdem er die Wassertaxis selbst steuern kann, ist er seltener in seinem Restaurant und öfter auf der Nordsee unterwegs.

Jörg Schmidt kam 1999 das erste Mal durch Kontakte an der Hotelfachschule in Heidelberg nach Juist. Erst in der Saison, dann immer wieder, schließlich für immer. Seit 1999 hat er jede Saison auf der Insel mitgemacht. „Die Insel ist schon etwas Besonderes“, findet er. Jörg Schmidt war erst Kellner, dann Barkeeper. Vor 13 Jahren hat er sich selbstständig gemacht. Seitdem ist immer etwas dazugekommen. Ein Fahrradverleih, das Geschäft auf der Insel Borkum, die Reederei. Wo es noch hingeht? Wer weiß.

Schnellfähren erobern eine Ostfriesische Insel nach der anderen

Inselverkehr Der Reeder Niels Stolberg machte im Jahr 2004 auf Spiekeroog den Anfang – bald hat jede Insel eine schnelle und tideunabhängige Verbindung

Ostfriesische Inseln - Der Reeder Niels Stolberg hatte das Wassertaxi 2004 für den Transfer zwischen der Insel Spiekeroog und dem Festland „erfunden“. Das sind schnelle Mini-Schiffe, die weitgehend tideunabhängig und mindestens doppelt so schnell wie eine herkömmliche Fähre den Inselverkehr auf eine ganz neue Stufe heben. Anfangs transportierten die Schnellfähren von Spiekeroog überwiegend die Angestellten der Inselbetriebe.

Die großen Fähren laden weiterhin die gemütlichen Inselgäste zum Mitfahren ein. Foto: Böning
Die großen Fähren laden weiterhin die gemütlichen Inselgäste zum Mitfahren ein. Foto: Böning

„Die Schiffe liefen damals mehr oder weniger unter dem Radar der Leute“, sagt Jörg Schmidt, der mit dem Töwerland-Express 2019 zunächst im Linienverkehr für Juist und später auch für die Insel Baltrum in Stolbergs Fußstapfen trat. Damit hatte er das seit 1871 bestehende Monopol der Reederei Frisia für den Inseltransport nach Juist gebrochen.

Nach drei Jahren wollen alle mitmachen

Mehr als drei Jahre sind seit dem Startschuss der neuen Schnellfähren vergangen. Inzwischen haben die meisten Redereien ihre eigenen Schnelllinien in Betrieb genommen oder sind auf dem Weg dorthin. Für Norderney und Juist hat die Reederei Frisia den Insel-Express ins Leben gerufen. Gleichzeitig bereitet sich die Frisia auf den Einsatz ihres sogenannten Wasserbusses vor, der zwischen Norddeich und Juist 56 Passagieren Platz bieten soll.

Die Reederei Frisia fährt mit ihren Fähren seit 1871 die Insel Juist an. Foto: Böning
Die Reederei Frisia fährt mit ihren Fähren seit 1871 die Insel Juist an. Foto: Böning

Auch die von der Nordseebad Spiekeroog GmbH (NSB) betriebene Fährverbindung der Insel bekommt mit dem WattnExpress eine eigene Schnellfähre. Damit soll auch dort ab Herbst 2022 tideunabhängiger Fährverkehr möglich sein. Die NSB hatte das Schiff gemeinsam mit der Ems Maritime Offshore GmbH in Auftrag gegeben. Statt 45 Minuten braucht es nur noch 20 Minuten für die Strecke zwischen Festland und Insel.

Alle Inseln sind bald schnell erreichbar

Auch die Deutsche Bahn will den Fährverkehr zur Insel Wangerooge ausbauen. Dort wartet die Expressfähre Watt-Sprinter von Harlesiel noch auf den passenden Anleger auf der Insel. Für Langeoog hat die Reederei Freimuth mit der „Lili Marleen“ eine Schnellfähre für zwölf Personen im Einsatz, allerdings ausschließlich im Charterverkehr. Die Zeit für den Weg nach Baltrum verkürzt die AG Ems mit Katamaranen. Die Schnellfähren sind nicht unumstritten. Umweltschützer sorgen sich um Vögel und Meeresbewohner. Ihrer Ansicht nach verwirren sie bestimmte Vogelarten, schaden Walen und Seehunden. Ostfriesische Naturschützer weisen zudem darauf hin, dass die Schnellfähren teilweise durch den Nationalpark Wattenmeer fahren.

Auch die neue Schiffsbesetzungsordnung trifft die Reeder und das Schnellfähren-Konzept. Sie schreibt unter anderem vor, dass die Skipper von Schiffen und Booten unter acht Metern Länge ein Schiffsbesatzungs-Zeugnis vorweisen müssen. Es müssen immer zwei Besatzungsmitglieder mit Sportbootführerschein See an Bord sein, sobald mindestens sechs Passagiere mitfahren. Das bestätigt auf Nachfrage Christian Bubenzer, Sprecher der Hamburger Dienststelle Schiffssicherheit der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft.

Eigentlich habe das Bundesministerium für Digitales und Verkehr die geänderte Verordnung schon zum 23. Juni vergangenen Jahres eingeführt, schreibt er. Sie würde jedoch jetzt verschärft kontrolliert. Das wird für die Reedereien zu einem Problem. Die Wassertaxis werden dadurch unrentabel. Zusätzlich leidet die Schifffahrtsbranche, wie so viele andere auch, unter Personalmangel. Das macht die Besetzung der Fähren schwieriger.

Glossar

Tideabhängige Fährverbindung: Tideabhängig heißt, dass etwas von Ebbe und Flut abhängt: Die Fähre zur kleinen Nordseeinsel Baltrum fährt zum Beispiel nur tideabhängig. Bei Niedrigwasser ist die Tiefe des Wassers im Wattenmeer zu niedrig. Auch die Zufahrt zum Hafen kann durch die Tide begrenzt sein, das gilt zum Beispiel für den Westhafen der Insel Wangerooge. Auch die Gezeitenströmungen können einen Hafen tideabhängig machen. Die Strömungen können so stark sein, dass die Geschwindigkeit eines Schiffes bei der Fahrt gegen die Strömung zu niedrig wird.

Tide / Gezeiten: Die Gezeiten, auch Tiden genannt, sind das Zusammenspiel von Ebbe und Flut, das man am Meer beobachten kann. Flut ist der Zeitraum des auflaufenden Wassers, Ebbe der Zeitraum des ablaufenden Wassers. Etwa alle sechs Stunden wechseln sich Ebbe und Flut ab. Verantwortlich für die Gezeiten ist die Anziehungskraft des Mondes. Rund alle sechs Stunden wechseln sich Ebbe und Flut ab. Die Gezeiten lassen sich auf allen Meeren der Welt beobachten. Die Höhenunterschiede sind sehr verschieden. Sie hängen zum Beispiel davon ab, ob das Relief des Meeresbodens eher flach oder steil verläuft oder wie die Küste beschaffen ist. Während an der englischen und französischen Kanalküste ein Tidenhub von mehr als sieben Metern existiert, sind es an der holländischen Nordseeküste zwischen drei und vier Meter.

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