40 Jahre LAK  Wie sich die Kulturarbeit auf dem Land verändert hat

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 17.09.2022 17:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Applaus für Prof. Hans-Jürgen Tabel (rechts): Am Sonnabend wurde der Gründungsvater der LAK in Visquard vor geladenen Gästen geehrt. Für seine langjährigen Leistungen hatte er 2009 auch schon das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen. Fotos: Wagenaar
Applaus für Prof. Hans-Jürgen Tabel (rechts): Am Sonnabend wurde der Gründungsvater der LAK in Visquard vor geladenen Gästen geehrt. Für seine langjährigen Leistungen hatte er 2009 auch schon das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen. Fotos: Wagenaar
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Ohne Prof. Hans-Jürgen Tabel gäbe es die Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte heute wohl nicht. Nun hört er nach 40 Jahren auf. Was hat sich in der Zeit getan?

Krummhörn - Egal ob Kunsthandwerk, Musik, Theater oder Lesegruppe: Bei der Ländlichen Akademie Krummhörn-Hinte (LAK) ist für jedes Alter etwas dabei. Am Sonnabend hat der Verein im Visquarder Dorfgemeinschaftshaus sein 40-jähriges Bestehen gefeiert und dabei auch seinen Gründungsvater Prof. Hans-Jürgen Tabel geehrt, der nun seine Folkloregruppe „Ufo’s“ abgibt. Wäre er nicht gewesen, hätte es die Akademie wohl nicht gegeben, vermutet LAK-Geschäftsführerin Christine Schmidt im Interview mit unserer Zeitung. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sich die Kulturarbeit auf dem Land gewandelt hat und was jetzt getan wird, damit sie nicht ausstirbt.

Was und warum

Darum geht es: Anlässlich des 40-jährigen Bestehens spricht die Geschäftsführerin der LAK über den Wandel der Kultur auf dem Land sowie darüber, wie sich die Gruppe immer mehr umstellen muss.

Vor allem interessant für: Kulturinteressierte; Bewohner von kleinen Dörfern

Deshalb berichten wir: Die LAK hatte uns zur Feier ihres 40-jährigen Bestehens eingeladen.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Frau Schmidt, Wie fing damals alles an?

Christine Schmidt aus Emden ist seit dem Jahr 2008 die Geschäftsführerin der LAK. Foto: Wagenaar
Christine Schmidt aus Emden ist seit dem Jahr 2008 die Geschäftsführerin der LAK. Foto: Wagenaar

Christine Schmidt: Die LAK wurde 1982 unter Professor Manfred Hülsewede und Professor Tabel gegründet. Die beiden traten mit der Intention an, Fortbildungen und auch kulturelle Bildungsangebote zu etablieren. So stand die Abkürzung LAK damals für Ländliche Akademie für Kreativität und Handwerk und wir waren Partner des Arbeitsamts. Junge Menschen in der Krummhörn, die Schwierigkeiten hatten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, sollten qualifiziert werden. Es war eine Win-win-Situation, weil die beiden Professoren Betätigungsfelder für ihre Studentinnen und Studenten aus der Sozialarbeit suchten und sie bei der LAK das Erlernte erproben konnten. Das erklärt auch, weil das A für Akademie steht. Es ging aber auch schon um Kultur, denn die Voraussetzungen waren damals andere als heute: Die Krummhörner waren noch nicht so mobil und abends in die nächste Stadt zu kommen, war eine Hürde.

Wie ging es dann weiter?

Schmidt: Später ist Professor Hülsewede ausgeschieden, der für den gewerblichen Bereich zuständig war. Der kulturelle von Professor Tabel blieb bestehen und etablierte sich. In Pilsum wuchs eine Theatergruppe heran und nach und nach kamen Musikgruppen in den einzelnen Dörfern hinzu. Die kulturelle Bildung ist im Prinzip der Schwerpunkt der LAK geworden. Wir wollen den Menschen bis heute Kunst und Kultur näherbringen, sie darin fördern und gleichzeitig unsere Theaterstücke regionalhistorisch und gesellschaftspolitisch ausrichten.

Was hat sich in den 40 Jahren verändert?

Schmidt: Ganz viel. Das hat mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Wegen der fehlenden Mobilität gab es früher das Bedürfnis nach Angeboten in jedem Dorf. Das erfüllten wir nahezu komplett und hatten überall unsere Räume, wo sich die Gruppen getroffen haben. Heute macht das keinen Sinn mehr. Es kommen nicht mehr genügend Teilnehmer zusammen, weil die Kinder und Jugendlichen wegen der Ganztagsbetreuung teilweise noch um 16 Uhr in den Schulen sitzen.

Bei der Feier im Dorfgemeinschaftshaus gab es auch Musik zu hören. Foto: Wagenaar
Bei der Feier im Dorfgemeinschaftshaus gab es auch Musik zu hören. Foto: Wagenaar

Welche Folgen hat das für Sie?

Schmidt: Die Altersstruktur hat sich bei uns total verändert. Früher bestanden wir zu zwei Dritteln aus Kindern und Jugendlichen, jetzt sind zwei Drittel Erwachsene und die Mitliederzahlen sinken. Das war zwar auch schon vor Corona so, aber während der Pandemie hat sich das noch verschlimmert und Dozenten sind gestorben. Sie zu ersetzen, ist nicht einfach. Immerhin haben die Dozenten im Grunde nebenbei für uns gearbeitet und nicht als Halbtags- oder gar Vollzeitkräfte. Dazu kommt noch, dass es sich heute im Gegensatz zu damals mehr Rentner leisten können, häufig in den Urlaub zu fahren. Die stehen uns dann auch nicht mehr zur Verfügung. Gleichzeitig machen uns nun die Angebote in den umliegenden Städten Konkurrenz und es gibt inzwischen so viele, dass man sich nicht mehr an einen Verein binden muss.

Wie reagieren sie auf solche Entwicklungen?

Schmidt: Wir gehen mit unseren Nachmittagsangeboten direkt in die Schulen. Auf die rückläufige Vereinsbindung reagieren wir mit Einzelprojekten und flexiblen Angeboten, bei denen man auch mittendrin einsteigen kann. Schließlich haben wir während der Corona-Hochphase noch unser digitales Angebot ausgebaut und die Jugendlesegruppe beispielsweise trifft sich erst zu den Fortführungen vor Ort. Wir müssen immer wieder auf den Wandel reagieren und einen Mittelweg finden, denn es gibt auch ältere Mitglieder, die die früheren Strukturen bewahren wollen.

Was für Gruppen und Angebote haben sie derzeit?

Schmidt: Wir fangen jetzt nach der Coronapause gerade erst wieder richtig an. Noch immer haben einige Mitglieder große Vorbehalte und möchten keine Veranstaltungen besuchen, weil es ihnen zu riskant ist. Allerdings laufen die Gruppenangebote wieder. Sie beschäftigen sich mit Malerei, Keramik, Ton, man spielt Blas- und andere Instrumente, singt im Chor, spielt Theater oder liest.

Was steht in nächster Zeit noch an?

Schmidt: Vor allem die Sicherung des Vereins. Für das nächste Jahr haben wir uns daher kein großes Projekte vorgenommen.

Was zählt zu den Höhepunkten der vergangenen 40 Jahre?

Schmidt: In den Köpfen der Menschen ist garantiert das Theaterstück „Achter de Sünn an“ geblieben, das in Grundy Center in Iowa aufgeführt wurde. Das ist die größte Erinnerung der LAK, weil da 120 Leute in die USA geflogen sind und alle privat untergebracht wurden. Da haben sich enorm viele Kontakte ergeben und lange lange gehalten. Inzwischen läuft dieser Kontakt über die Gemeinde Krummhörn weiter und es gibt einen Schüleraustausch. Ein weiterer Höhepunkt war das sogenannte Dollartevent von 2009, bei dem an den 500. Jahrestag der Kosmas- und Damianflut erinnert wurde. Damals versanken 35 Dörfer im Dollart und 2009 wurden ihre Standorte mit speziellen Scheinwerfern von Schiffen aus erleuchtet. Auch ein Theaterstück gehörte zum Projekt dazu. Und dann waren da noch vor 20 Jahren die Aufführungen von „Achter kolle Müren“ über die Hexenverbrennungen in Ostfriesland.

In einer früheren Version dieses Berichts hieß es, dass Prof. Hans-Jürgen Tabel seine Gruppen abgibt. Allerdings betrifft diese Aussage nur seine Folkloregruppe „Ufo’s“. Seine Handglockengruppe betreut er auch weiterhin. Wir bitten darum, den Fehler zu entschuldigen.

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