Gefahr im Berufsalltag Hundeangriffe – wie Postboten sie vermeiden können
Hundeattacken sind eine alltägliche Gefahr für Postzusteller. Meist ein Kommunikationsproblem zwischen Mensch und Hund, findet eine Hundetrainerin. Doch wie kann man Bisse verhindern?
Aurich - Hinter dem Namen Hasi erwartet wohl niemand einen großen Schäferhund inklusive Maulkorb. Genau deswegen kann man viel über ihn lernen. Hasi spielt eine Hauptrolle in einem Hundeseminar der Deutschen Post und ihrer Tochterfirma DHL, an dem die Redaktion teilgenommen hat. Aggressive Hunde wie Hasi stellen eine große Gefahr im Arbeitsalltag der Postboten dar. Eine Umfrage ergibt, dass mehr als die Hälfte der 13 Seminarsteilnehmer schon einmal von einem Hund gebissen worden ist. Aus diesem Grund fand das Verhaltenstraining auf dem Postgelände in Aurich statt. „Unsere Mitarbeiter haben täglichen Kontakt mit Hunden“, sagt Betriebsleiter Benjamin Schmitt. Umso wichtiger sei eine passende Schulung der Zusteller.
Was und warum
Darum geht es: Die Deutsche Post organisiert ein Seminar, welches Postboten über Hunde aufklärt. Aber auch Hundebesitzer können einiges lernen, um Paketzustellern ihren Job zu erleichtern.
Vor allem interessant für: Hundebesitzer, Paketzusteller, Postboten und jeden, der mit Hunden Kontakt hat
Deshalb berichten wir: Die Post hatte die Redaktion zur Teilnahme an einem Seminar eingeladen. Den Autor erreichen Sie unter: l.loeschen@zgo.de
„Wir verzeichnen im ganzen Postleitzahlengebiet 26 circa 56 Angriffe auf Paketboten pro Jahr, das bedeutet ungefähr einen Angriff in der Woche“, sagt Pressesprecherin Maike Wintjen. Diese Hundeattacken seien eine permanente Gefahr. Durch die Seminare gewinnen die Mitarbeiter Erkenntnisse, die sie dann im Arbeitsalltag einsetzen könnten. „Es hilft einem ungemein, die Hunde dadurch besser lesen zu können“, so Wintjen. „Aber wir sind auch auf die Einsicht der Hundebesitzer angewiesen.“ Die meisten Bisse passierten direkt an der Haustür. Gerade die Herrchen und Frauchen könnten solche Angriffe verhindern, indem sie ihre Vierbeiner aus dem Türbereich hielten. Bei großen Grundstücken mit freilaufenden Hunden biete es sich an, den Briefkasten außerhalb des Zauns anzubringen.
Theoriestunde für Mitarbeiter
Hundetrainerin Esther Gassmann betreibt seit einem Jahr eine Hundeschule in Rastede (Ammerland). Sie beschäftigt sich schon jahrelang mit Hunden und kommt gebürtig aus Berlin. Zusammen mit ihrer Kollegin Nicole Tielker erklärt sie den Zustellern erst theoretisch die unterschiedlichen Ausdrucksweisen von Hunden.
„Ein Hund kommuniziert ganz anders als wir Menschen. Er benutzt seinen ganzen Körper“, sagt Gassmann. Ursache für einen Biss sei meist Aggression oder Angst des Hundes. Ein Hund, der seine Zähne zeigt, knurrt und seine Rute nach oben streckt, ist offensiv aggressiv. Ein ängstlicher Hund zeigt zwar auch seine Zähne und knurrt, aber er hat seinen Schwanz gesenkt und meist zwischen den Beinen eingeklemmt. „Er ist defensiv aggressiv und steht sozusagen mit dem Rücken zur Wand.“ Dies sorgt eher für einen Biss, da das Tier keinen anderen Ausweg sieht als anzugreifen.
Schnüffeln lassen und nicht bewegen
Kommt es bei der Zustellung zu einer unvermeidbaren Konfrontation mit einem aggressiven Hund, sollte man ruhig bleiben. „Jede Form von Energie oder Bewegung macht es schlimmer“, sagt die Hundeexpertin. Langsames Rückwärtslaufen ohne sich umzudrehen sei angemessen. Zudem solle man nicht direkt in die Augen des Hundes blicken. „Manchmal will der Hund einen abschnüffeln. Das kann man mit einer Passkontrolle vergleichen und das sollte man daher unbedingt zulassen.“ Dabei könne sich ebenfalls ein Zaun zwischen Tier und Mensch befinden. Der Hund lasse nach dem Schnüffeln meist ab. Sie rät den Zustellern zudem, sich für die Arbeit präventiv mit Jacken, festen Schuhe sowie einer langen Hose zu bekleiden, um bei einem Angriff geschützt zu sein. Bei einem Biss solle man sich ruhig verhalten und nicht versuchen, sich loszureißen. „Dabei entstehen die meisten Verletzungen“, sagt die Trainerin: „Am besten abwarten, bis der Hund loslässt.“
Auch praktisch sollen die Mitarbeiter der Deutschen Post und DHL geschult werden. Esther Gassmann hat zu diesem Zweck sechs Hunde dabei. So lernen die Zusteller Straßenhund Iggy, Schlittenhund Vinta und Mops Hilda kennen. Wie man auf sie zugeht, macht dabei einen großen Unterschied: Einen normalen Gang nehmen die Vierbeiner gelassen hin, ein langsames Annähern mit direktem Augenkontakt führt zu Anspannung. Hierzu Gassmann: „Der Hund wird unsicher und rechnet eventuell mit einer Attacke.“
Hasi ist nicht viel anders als wir Menschen
Zum Schluss beschäftigen sich die Teilnehmer intensiv mit dem Schäferhund Hasi. Er ist meist aggressiv fremden Menschen gegenüber und trägt während der gesamten Übung einen Maulkorb. Sie erfahren, wie man sich in der Gegenwart eines aggressiven Hundes verhält und was er denkt, wenn ein Paket zugestellt wird. Eigentlich nur eine Sache von ein paar Sekunden, aber für das Tier betritt eine fremde Person das eigene Revier. „Man würde es auch nicht wollen, wenn auf einmal jemand in die eigene Wohnung kommt und dann wieder geht“, sagt die Trainerin. Zudem löse Rennen in Hunden einen Jagdtrieb aus, dieser könne sich spielerisch, aber auch aggressiv zeigen.
Auf die Nachfrage, ob bestimmte Hunderassen bissiger seien als andere, entgegnet Gassmann: „Die Hunde wurden teils dafür gezüchtet. Ein Jagd- oder Kampfhund hat Gene, die bestimmten Zwecken dienen.“ Von diesen Tieren können man nicht erwarten, auf einmal brav zu sein. Auch das klassische Bellen am Zaun sei nicht immer unbedingt aggressiv. Auf der anderen Seite ist ein Hund, der mit dem Schwanz wedelt, nicht immer voller Freude. „Erregung trifft es eher. Und das können Hunde bei der Fortpflanzung sowie auch bei Anspannung erleben“, sagt die gebürtige Berlinerin: „Und daher auch an die Leser: Schwanzwedeln ist nicht immer freundlich gemeint.“