Popenser Straße  Drei Gewaltopfer in fünf Jahren in Aurichs Problemviertel

| | 20.09.2022 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Polizei sperrte den Eingang zum Haus, in dem die Tote entdeckt wurde, an der Popenser Straße am Montagvormittag mit einem Sichtschutz ab. Wiederholt hatten Verwandte der Toten die Ermittlungen behindert. Foto: Löschen
Die Polizei sperrte den Eingang zum Haus, in dem die Tote entdeckt wurde, an der Popenser Straße am Montagvormittag mit einem Sichtschutz ab. Wiederholt hatten Verwandte der Toten die Ermittlungen behindert. Foto: Löschen
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Die jüngsten gewaltsamen Todesfälle in Aurich spielten sich in einem Radius von 150 Metern ab. Täter und Opfer kannten sich immer persönlich – im aktuellen Fall sitzt der Lebensgefährte in Haft.

Aurich - Zum gewaltsamen Tod einer 20-Jährigen in Aurich gibt es neue Erkenntnisse. Tatverdächtig ist der Lebensgefährte des Opfers. Der 27-Jährige war am Montag von der Polizei vorläufig festgenommen worden. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Aurich wurde der Beschuldigte am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt. Es wurde Haftbefehl wegen Fluchtgefahr erlassen. Der Mann befindet sich nun in Untersuchungshaft. Die Frage, ob es im Vorfeld bereits Hinweise auf eine Bedrohung gegeben hatte, blieb unbeantwortet.

Was und warum

Darum geht es: Das Gewaltverbrechen an einer 20-Jährigen ist der dritte gewaltsame Tod in nur fünf Jahren im gleichen Quartier.

Vor allem interessant für: alle

Deshalb berichten wir: Die am Montag gefundene Tote ist kein Einzelfall im Umkreis der Popenser Straße.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Die Obduktion des Leichnams hatte ergeben, dass die in ihrer Wohnung an der Popenser Straße tot aufgefundene Frau unter Gewalteinwirkungen starb. Der Fund der Leiche am Montagmorgen hatte zu einem großen Polizeieinsatz vor der Wohnung in einem Mehrparteienhaus geführt, wo das Opfer gewohnt hatte. Am Tatort sicherten die Beamten die Spuren, die nun ausgewertet werden müssen. Die polizeilichen Ermittlungen dauern an.

Bereits der dritte gewaltsame Tod in fünf Jahren

Der Tod der 20-Jährigen ist damit der bereits dritte Todesfall durch Mord oder Totschlag in nur fünf Jahren in einem Radius von gerade einmal 150 Metern. Die erste dramatische Tat hatte sich am 21. Juni 2017 in der Von-Bodelschwing-Straße ereignet. Dort wurde eine 26-Jährige aus Eifersucht von ihrem ehemaligen Lebensgefährten erwürgt – vor den Augen ihrer drei gemeinsamen Kinder im Alter von zwei, drei und vier Jahren. Danach ließ der Täter die Kinder mehr als zehn Stunden lang mit ihrer toten Mutter allein. Gefunden wurde das Opfer von einer Erzieherin der im Erdgeschoss des Gebäudes liegenden Kindertagesstätte. Die Frau hatte Wasser am Küchenfenster herablaufen sehen und war dem auf den Grund gegangen. Dabei hörte sie das Geschrei der Kleinkinder und fand schließlich die tote Frau. Zeugen hatten während des Prozesses ausgesagt, die Frau habe in ständiger Angst vor ihrem ehemaligen Partner gelebt.

Der Täter war noch in der Nacht mit dem Fahrrad nach Leer geflüchtet. Von dort fuhr er mit dem Zug nach Hannover und schließlich nach Luxemburg. Wenige Tage nach der Tat wurde er gefasst und an die deutschen Behörden ausgeliefert. Der damals 28-jährige Afghane wurde vom Landgericht Aurich im Januar 2018 wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Der Mann hatte die Tat zugegeben. Als strafverschärfend wurde gewertet, dass er die Kinder am Tatort allein zurückgelassen hatte. Sie waren schwer traumatisiert und werden nach Einschätzung ihres Vormundes ihr Leben lang unter den Folgen der Tat leiden.

Frau aus dem Fenster gehalten

Einen Mordversuch gab es Anfang 2018 nicht weit entfernt in der Straße Dwarsglupe. Dort wurde die 41-jährige Partnerin eines 46-jährigen Tatbeteiligten an den Füßen aus dem Fenster gehalten. Es war eine von mehreren Taten eines unter dem Einfluss von Alkohol und Kokain stehenden Trios. Am 5. April des gleichen Jahres hatten die drei Männer im selben Gebäude einen gehbehinderten 62-jährigen Mittrinker ermordet, weil er die Geheimzahl seiner Bankkarte nicht verraten wollte. Sie hatten mit einem Baseballschläger auf ihn eingeprügelt und ihn dann in der Badewanne ertränkt. Der Hauptangeklagte des Mordversuchs an der 41-jährigen Frau und am Mord an dem 62-Jährigen war zum Tatzeitpunkt 21 Jahre alt.

Der 21-Jährige wurde für die erste Tat zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Für die zweite Tat wurde er wegen Mordes, versuchter besonders schwerer räuberischer Erpressung sowie versuchten besonders schweren Raubes zu einer Jugendstrafe von 13 Jahren verurteilt. Für den 46-jährigen Komplizen lautete das Urteil wegen gefährlicher Körperverletzung ein Jahr. Für die zweite Tat erhielt er als weiterer Haupttäter wegen Mordes und versuchter besonders schwerer räuberischer Erpressung lebenslänglich. Ein 19-jähriger Mittäter wurde wegen Beihilfe zum Mord zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Er war während der ersten Tat ebenfalls anwesend und hatte unbeteiligt zugesehen. Er bekam dafür eine Strafe, weil er nicht die Polizei gerufen hatte.

Wie die Polizei die Situation in diesem Quartier einordnet oder wie die Sicherheit in dem Problemviertel verbessert werden soll, dazu sagte die Polizei nichts. Das Quartier um die Popenser Straße gilt schon lange als sozialer Brennpunkt. 2017 hatte sich der Verein Prävention für Aurich (Pfau) auf die Fahnen geschrieben, das Quartier zu entwickeln. Es blieb jedoch bei einer Sozialraumanalyse und einem Plan für eine mögliche Entwicklung. Danach wurde es ruhig um Pfau. Mit Beginn der Corona-Pandemie verstummte der Verein gänzlich. Jetzt wird offensichtlich, wie nötig jegliches Engagement gewesen wäre. Auch die Stadt möchte die Lage aktuell nicht bewerten. Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) erklärte, die Lage sei zu heikel, um als Stadt allein vorzupreschen. Man warte auf ein Gespräch mit der Polizei.

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