Kassel Documenta fifteen: Das Kasseler Desaster als Lehrstück
Ein offener Dialog mit dem globalen Süden sollte es sein, ein hässlicher Zank um antisemitische Bilder ist es geworden: Die Documenta fifteen geht als Misserfolg in die Geschichte ein. Aber gerade das macht sie lehrreich.
Dabei sollte gerade diese Documenta den Blick auf eine andere, endlich menschenfreundliche Kunst öffnen. Stuhlkreise, Arbeitstische, Transparente mit Stichwortlisten und Pfeildiagrammen: Das Museum Fridericianum, zentraler Ausstellungort der Weltkunstschau, bot das Bild eines permanenten Workshops. Und mit dem indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa als Documenta-Leitung hatte endlich die Gruppe und ihr Kerngedanke der Teilhabe den Starkult des Kunstmarktes und dessen kalten Individualismus abgelöst. So schien es. Alles bestens also?
Nein. Als im Januar 2022 erste Gerüchte um antisemitische Positionen unter Teilnehmern der Documenta auftauchten, winkten Generaldirektorin Sabine Schormann und Christian Geselle (SPD), Kassels Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der Documenta GmbH, noch lässig ab. Dann entdeckten Beobachter antisemitische Fratzen auf einem riesigen Bildtransparent der Künstlergruppe Taring Pardi auf dem Friedrichsplatz, mitten in Kassel. Zur Eröffnung der Documenta explodierte der Skandal um die Kunstschau, der Blogger Sascha Lobo sofort jenen hässlichen Spitznamen verpasste, der an ihr kleben blieb: Antisemita 15.
Die Suche nach antisemitischen Bildern hat die Documenta begleitet, ein erschreckend schwaches Krisenmanagement auch. „We need to talk“: Eine Gesprächsreihe, die Klärung bringen sollte, wurde wieder abgesagt. Die überfordert wirkende Sabine Schormann musste am 16. Juli 2022 abtreten. Politische Akteure von Christian Geselle, über Hessens Kunstministerin Angela Dorn-Rancke bis Kulturstaatsministerin Claudia Roth reichten die Verantwortung für das Desaster immer hektischer weiter. Diese Documenta, die ein Fest der Verständigung werden sollte, sie war mit einem Mal ein viel zu heißes Eisen.
Ruangrupa tauchte ganz ab, überrascht von der Wucht der Diskussion und erschreckend schlecht informiert über deutsche Debattenlagen und Empfindlichkeiten, ohne Gespür für die rote Linie des Antisemitismus. Zuhören als Einbahnstraße? Ruangrupa entwickelte jedenfalls keine wirkliche Empathie für Menschen, die sich durch antisemitische Bilder getroffen fühlten. Die Documenta fifteen sollte den Dialog mit dem globalen Süden eröffnen, warb mit dem Logo der ausgestreckten Hand. Was sich wie ein ZDF-Fernsehgarten der Kultur ausnahm, erwies sich aber als Anlass einer desaströs verhakten Debatte, das Bild des globalen Südens als romantische Verklärung – die Erwartung einer Heilung westlicher Wohlstandskrisen durch den Import eines neuen Nachhaltigkeitsdenkens auch.
Ist das typisch deutsch? Ja. Die Macher der Documenta haben Probleme einer kulturellen Übersetzung zwischen Süden und Norden unterschätzt, sie sind ihrem Sehnsuchtsbild einer idealtypischen Welt des Austausches, der Fairness und Nachhaltigkeit wie einem wohlfeilen Klischee aufgesessen. Ruangrupa sollte als Sinnstifter wirken, verweigerte sich dann aber, als die Gruppe als Erklärer und Krisenmanager dringend gefragt war, einfachsten Anforderung an eine offene Kommunikation.
Die Frontstellung war schnell gezogen: Hier der Zentralrat der Juden in Deutschland sowie Experten für Antisemitismus, die den mangelnden Aufklärungswillen der Documenta monierten, dort Ruangrupa und viele Künstler wie die Kubanerin Tania Bruguera, die sich unter Generalverdacht gestellt sahen, gar rassistische Übergriffe beklagten. Der Kunstskandal als Auslöser einer reinigenden Kontroverse? Auch dieses Lieblingsmotiv einer Kunst als Medium der Aufklärung scheint mit der Documenta fifteen vorerst verabschiedet.
Woran liegt das? Daran, dass Kunst auf der Documenta fifteen eigentlich gar keinen Platz hatte. Where is the art? Diese Frage, der eine Arbeitsgruppe im Vorfeld der Documenta nachgehen sollte, erweist sich rückblickend als symptomatisch. Ruangrupa gewöhnte das Publikum an Kunstwörter einer neuen Gerechtigkeitswelt wie Lumbung oder Ökosistem. Kunst und Leben vereinen: Dieser alte Traum der Avantgarden verkam mit der Documenta fifteen zum Albtraum. Kunst ist eben nicht das Leben, sondern immer jene Sonderwelt, die eine andere Anschauung und Erfahrung zulässt, über die dann debattiert werden kann, frei von den Zwängen des Alltags. Ruangrupa schloss Kunst mit der Lebensoptimierung kurz, machte mit diesem Fundamentalismus die Documenta gerade nicht zum Friedensforum, sondern zum Kampfplatz unvereinbarer Ansprüche und Wertmaßstäbe.
Was bleibt zurück? Nicht nur eine Enttäuschung über die Möglichkeiten der Kunst, sondern auch ein tiefes Misstrauen gegenüber einer Kulturszene, die jetzt viele politische Beobachter für ein Sammelbecken von Sympathisanten der israelkritischen Boykottbewegung BDS, Boycott, Divestment and Sanctions, mit heimlicher Toleranz für antisemitische Ressentiments. Die Debatte um Kunstfreiheit, die mit dieser Documenta neu entbrannte, ist mit dem Ende der Ausstellung nicht abgeschlossen. Es ist ebenso ausgemacht, dass nun ein Gezerre um Strukturreformen der Documenta beginnen wird. Sie war nachlässig kuratiert. Ihre Macher wiesen Verantwortung zurück, als es gerade darum ging, sie sichtbar zu übernehmen.
Die Documenta fifteen avancierte zu einem Lehrstück gegen die eigenen Intentionen. Was wird von Lumbung, der Reisscheune als Symbol eines neuen Gemeinschaftssinns bleiben? Nicht viel wahrscheinlich. Wichtiger als diese Vokabel wird sein, dass die Documenta weiter sein darf, was sie immer war, ein Experimentierfeld, auf dem neue Lesarten der gesellschaftlichen Wirklichkeit erprobt werden können. Genau dafür wird Kunst gebraucht. Sie sollte auf der nächsten Documenta 2027 wieder ihren Platz einnehmen – dann, wenn die Stuhlkreise endlich abgebaut sind.