Kita-Ausbau Norder Kitas ohne Ganztagsbetreuung nicht mehr wettbewerbsfähig
Stadt Norden will ihr Betreuungsangebot an städtischen Kitas aufstocken. Bisher bietet nur eine einzige ihrer Einrichtungen längere Betreuungszeiten an. Das hat Folgen für die Stadt.
Norden - Wer Beruf und Familie unter einen Hut bringen muss, ist auf ein gutes Betreuungsangebot angewiesen. Was in Städten wie Hamburg und Berlin längst die Norm ist, selbst in Aurich an rund der Hälfte der städtischen Kitas mittlerweile angeboten wird, ist in Norden noch immer Mangelware: An nur einer einzigen städtischen Kita gibt es bisher eine Ganztagsbetreuung. Bei freien Trägern sieht das anders aus: Sowohl in Aurich als auch in Norden haben sie die Zeichen der Zeit längst erkannt, und bieten wie selbstverständlich auch eine Betreuung am Nachmittag an. Weil sie mit ihrem Angebot nicht mehr wettbewerbsfähig ist, will nun auch die Stadt Norden schnell in die Ganztagsbetreuung investieren. Das bestätigte Nico de Vries, Leiter vom Fachdienst Jugend, Schule, Sport und Kultur, unserer Zeitung. „Wir erweitern die Betreuungszeiten hin zum Ganztag und folgen damit den Bedarfen nach längeren Betreuungszeiten als nur 4 Stunden täglich, so wie es uns von den Eltern gespiegelt wird“, sagte de Vries.
De facto bietet die Stadt Norden derzeit nur in der Kita Hooge Riege für 25 Kinder Ganztagsbetreuung in einer Kindergartengruppe an. Anders sieht das bei den Kitas freier Träger aus: Insgesamt 140 Ganztagsplätze werden von ihnen vorgehalten, zum Beispiel im Kinderhaus Norden, dem Nachbarschaftszentrum des Kinderschutzbundes, der Awo-Kita Kollmannkids oder der Kita Weltentdecker. Doch der Druck auf die städtischen Kitas wächst. Immer mehr Eltern fragen nach einer Ganztagsbetreuung, machen ihre Entscheidung für oder gegen eine Kita vor allem von deren Öffnungszeiten abhängig, bestätigte Nico de Vries. „Die ganztägige Betreuung von Kindern im Alter von einem Jahr bis zur Einschulung ist zur gesellschaftlichen Norm geworden“, heißt es in einer Sitzungsvorlage der Verwaltung zum Ausbau der Betreuungszeiten. Die Stadt rechne nicht mit einem Abschwung dieser Tendenz, sondern im Gegenteil mit einem weiter steigenden Bedarf.
Eltern über Ganztagsangebot noch nicht informiert
Deshalb soll jetzt schnell gehandelt werden. Schon zum Januar 2023 sollen in der Kita Süderneuland zwei Ganztagsgruppen entstehen – im Idealfall, so die Stadt, eine Gruppe in der Krippe und eine Gruppe im Kindergarten. Das sei vor allem für berufstätige Eltern mit Kindern in unterschiedlichem Alter wichtig. Viele Eltern in Süderneuland wünschen eine Ausweitung der Betreuungszeiten, heißt es in der Verwaltungsvorlage. Die Frage ist, warum das nicht längst passiert ist. Denn die räumlichen Voraussetzungen in Süderneuland sind längst auf einen Ganztag ausgelegt. Das bestätigte auch das Landesjugendamt der Verwaltung nach telefonischer Rücksprache. Anders als in vielen anderen Kitas gibt es in Süderneuland sowohl eine Küche als auch einen separaten Essensraum. Dieser ist notwendig, weil bei mehr als sechs Stunden Betreuungszeit ein Mittagessen angeboten werden muss.
Ein erstes Stimmungsbild bei den Eltern habe nach Informationen der Verwaltung ergeben, dass diese sich eine Ausweitung der Betreuungszeiten auf mindestens 15 Uhr bis 15.30 Uhr wünschen. Zurzeit ist inklusive der Randzeiten nur eine Betreuung bis 14 Uhr möglich – das aber auch nicht für alle Kinder der Kita. Überraschend ist dabei allerdings, dass die Eltern der Kita von einer solchen Befragung nach eigenen Aussagen überhaupt nichts wissen. Das Erste, was sie überhaupt vom geplanten Ganztag erfahren haben, ist ein Satz in einer Einladung zum ersten Elternabend. Darin hat die Kitaleitung aus Süderneuland, Hedda Rykena, geschrieben: „Vorab – Info: Wie vielleicht schon den Medien entnommen, werden wir voraussichtlich ab Januar 2023 in die Ganztagsbetreuung gehen können.“ Wie das de facto aussehen wird, was das für die Eltern der Kita bedeutet, wissen sie nicht. Denn auch der ursprünglich für den 22. September angekündigte Elternabend wurde wegen hoher Krankenstände beim Personal auf unbestimmte Zeit verschoben.
Nach Süderneuland soll Kita Schulstraße folgen
Bei der Stadt geht die Planung trotzdem schon weiter: Kurz nach der Kita Süderneuland soll die Kita Schulstraße ebenfalls mit einem Ganztagsangebot an den Start gehen. Dafür müssen allerdings noch die Bauarbeiten auf dem Gelände abgeschlossen werden, um die räumlichen Voraussetzungen zu schaffen. Auf dem Kitagelände entsteht seit Längerem ein zusätzliches Mehrzweckgebäude, auch um die Ausgabe des Mittagessens zu ermöglichen, sowie ein Anbau an der Krippe, um eine weitere Krippengruppe zu schaffen. Nach Plan der Verwaltung soll der Ganztag aber auch in der Schulstraße noch in 2023 erfolgen.
Doch auch damit soll noch nicht Schluss sein: Alle städtischen Kitas sollen zunächst nach Bedarf stundenweise ausgeweitet werden. Mittelfristig sei für alle ein Ganztagsangebot vorgesehen, erklärte Nico de Vries. Ziel der Stadt: „Wir wollen konkurrenzfähig und wettbewerbsfähig sein und dieses wichtige Betreuungsangebot auch selbst unterbreiten können“, so de Vries. Die zu erwartenden Mehrkosten, sowie die notwendigen Stellen sollen in den Haushaltsplan 2023 und Folgende aufgenommen werden. Der Rat der Stadt Norden tagt am Dienstag dazu und muss dem Plan noch zustimmen.
Übernahme durch Kreis noch nicht geklärt
Die heftig umstrittene Übernahme der Zuständigkeit für alle Kindertagesstätten durch den Landkreis Aurich, hat nach Aussagen des Fachbereichsleiters übrigens nichts mit der Ausweitung des Norder Angebotes zu tun. „Da besteht jetzt zwar ein zeitlicher Zusammenhang, inhaltlich arbeiten wir aber schon lange daran“, sagte de Vries. Natürlich schwebe die Kitaübernahme aber wie ein „Damoklesschwert“ über allem, so de Vries. Die Stadt Norden hatte sich klar dafür ausgesprochen, die Kitas weiter in eigener Verantwortung betreiben zu wollen.
Eine Einigung zu der geplanten oder vielleicht doch nicht mehr geplanten Übernahme gibt es indes immer noch nicht. Wie berichtet, soll nun stattdessen ein neuer „Arbeitskreis Qualität“ gegründet werden, in dem es um pädagogische Standards, um den Ausbau des Kita-Angebots – und um mögliche kreisweite einheitliche Gebühren gehen soll. Erste Ergebnisse aus dem Gremium sollen Ende November vorliegen. Der neue Arbeitskreis sei „ein erster Schritt“, teilte die Kreisverwaltung mit. Die Ergebnisse würden „zeigen, inwieweit ein Konsens zwischen Landkreis und Gemeinden besteht und ob die Verantwortung für die Kindertagesstätten zum Landkreis wechseln muss oder in Trägerschaft der Gemeinden bleiben kann“.
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