Berlin  „Schwere Menschenrechtsverletzungen“: Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Sportvereinen

Florian Goerres
|
Von Florian Goerres
| 27.09.2022 15:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
72 Fälle von sexueller Gewalt im Sport wurden untersucht.. Die Opfer waren alle minderjährig und zwischen zwei und 16 Jahren alt. Foto: imago images/Panthermedia
72 Fälle von sexueller Gewalt im Sport wurden untersucht.. Die Opfer waren alle minderjährig und zwischen zwei und 16 Jahren alt. Foto: imago images/Panthermedia
Artikel teilen:

In einer neuen Studie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs wurden 72 Berichte von sexueller Gewalt im Sport untersucht. Die Ergebnisse zeigen deutlichen Handlungsbedarf auf.

Es geht um Fälle von verbaler Belästigung bis hin zur Vergewaltigung. Die Opfer: Minderjährige Sportlerinnen und Sportler. Die Täter: Trainer, Lehrer und Betreuer. Forscher haben im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) 72 Berichte von Opfern sexueller Gewalt untersucht und die Ergebnisse in einer Studie veröffentlicht. Die Ergebnisse sind oft erschreckend.

Sexueller Kindesmissbrauch kommt in verschiedenen Sportarten vor. Bei den untersuchten Fällen kam es beim Turnen, Fußball, Judo, Reiten und Schwimmen zu den meisten Übergriffen. Besonders betroffen ist der organisierte Vereinssport, im Freizeit- und Schulsport gab es weniger Fälle.

Alle Opfer waren zum Zeitpunkt der Taten minderjährig, die Altersspanne schwankt zwischen zwei und 16 Jahren. Zwei Drittel von Ihnen erfuhren mehrfach sexualisierte Gewalt, auch über einen längeren Zeitraum. 75 Prozent der Opfer waren Mädchen.

Auch wenn der Missbrauch im Kindesalter stattfand, hat er einen großen Einfluss auf die Opfer. Betroffene leiden „oftmals ein Leben lang unter den gesundheitlichen, psychischen und ökonomischen Folgen“, heißt es in der Studie.

Zu den physischen Folgen gehören gerade bei Mädchen häufig Verletzungen im Genitalbereich, die in einem untersuchten Fall auch zur Unfruchtbarkeit führte. Mehrere Betroffene berichteten auch von Suizidtendenzen. Bei den meisten kam es zudem zu Bindungsproblemen in späteren Beziehungen.

Bettina Rulofs, leitende Autorin der Studie, sprach gegenüber der ARD von „schwersten Menschenrechtsverletzungen“ und „einem „Bild des Sports, das viele so nicht wahrhaben möchten“.

In den untersuchten Fällen waren die Täter stets volljährig. In 93 Prozent der Fälle waren sie männlich. Meist befanden sie sich in Machtposition, am häufigsten als Trainer und oft hatten sie eine positive Reputation – auch nach den Vorfällen. Zumeist handelten sie alleine, nur in acht Prozent der Fälle wurde über mehrere Täter berichtet.

Konsequenzen gab es für Täter oft nicht. „In den wenigsten Fällen kommt es zur Anzeige, Anklage oder gar Verurteilung. Selbst im Falle einer Verurteilung berichten Betroffene und Zeitzeuginnen davon, dass Trainer nach Beendigung ihrer Haftstrafe wieder in das Kinder- und Jugendtraining einsteigen durften“, heißt es in der Studie.

Bei den untersuchten Fälle die sich in der ehemaligen DDR ereigneten, kommt die Studie zum Schluss, das die dortigen „besonderen Bedingungen innerhalb des DDR-Sportsystems, die sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen aber auch andere Formen von Gewalt und Vernachlässigung ermöglichten und es für Betroffene fast unmöglich machten, Hilfe zu erhalten“. Sehr frühe Talentsichtung, Auswahl und Förderung sportlich begabter Kinder, sowie der starke Fokus auf sportlichen Erfolg und fehlende erwachsene Vertrauenspersonen hätten dazu beigetragen.

Oft wurden die Fälle überhaupt nicht aufgedeckt. Wenn die Opfer sich getraut haben über ihre Erfahrungen zu sprechen wurde ihnen häufig nicht geglaubt oder das Erlebte heruntergespielt. Für Rulofs liegt das auch am guten Image von Sport: „Gerade die positive Erzählung des Sports macht es Betroffenen schwer, für ihr im Sport erfahrenes Unrecht und Leid Aufmerksamkeit und Hilfe zu erhalten.“

Angela Marquardt, Mitglied des Betroffenenrats bei der UBSKM, sieht die Schuld auch bei den Institutionen: „Zu oft behindern Vereine und Verbände bisher eine schonungslose Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt“.

Auch Heiner Keupp, Mitglied der Aufarbeitungskommission, erwartet mehr von den Vereinen: Sportorganisationen müssen ein Interesse daran haben, zu erfahren, was in ihrer Einrichtung in der Vergangenheit geschehen ist, auch um Kinder und Jugendliche besser schützen zu können. Darum braucht es ein gesetzlich verankertes Recht von Betroffenen auf Aufarbeitung, das gleichzeitig Institutionen dazu verpflichtet“, fordert er.

Ähnliche Artikel