Berlin  „Im Westen nichts Neues“ und die Ukraine: Passt das?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 28.09.2022 08:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Westen nichts Neues: Felix Kammerer als Remarques Ich-Erzähler Paul Bäumer. Foto: Netflix/Reiner Bajo
Im Westen nichts Neues: Felix Kammerer als Remarques Ich-Erzähler Paul Bäumer. Foto: Netflix/Reiner Bajo
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Die Netflix-Version von „Im Westen nichts Neues“ wurde vor dem Ukraine-Krieg gedreht. Wie wirkt der Film vor dem Hintergrund der Nachrichtenbilder?

Eine halbe Schulklasse lässt sich für den Ersten Weltkrieg begeistern, meldet sich freiwillig – und wird an der Westfront grausam desillusioniert. Einer nach dem anderen stirbt, zuletzt der Ich-Erzähler Paul Bäumer. Er fällt an einem Tag, „der so ruhig und still war an der ganzen Front, dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden“.

Weiterlesen: Als Remarque „Im Westen nichts Neues“ mit Bleistift schrieb

Zweimal wurde Remarques Roman schon verfilmt; auf die zeitgenössische und kanonisch gewordene Adaption von Lewis Milestone folgte 1979 eine britische TV-Version. Für Netflix hat Edward Berger jetzt die erste deutsche Version gedreht. Und so bildgewaltig „Im Westen nichts Neues“ auch ist, so stark das Ensemble um den Kinodebütanten Felix Kammerer spielt – der stärkste Eindruck bleibt zunächst die Aktualität. Fast 100 Jahre, nachdem Remarque das Massensterben der Schützengräben schilderte, fallen in Europa wieder Soldaten. Jede einzelne Szene des Films spielt vor unserem Wissen um die Realität, spiegelt sie, widerspricht ihr und verheddert sich mit allem, was wir in den Nachrichten sehen.

„Im Westen nichts Neues“ auf Netflix – der Trailer:

Bergers Film beginnt mit einer Lichtung voller Leichen. Dann folgt die Kamera einem Soldaten in den Kampf, zeigt seinen Tod und bleibt bei seiner Uniform, die nach Deutschland gebracht, geflickt und an Paul weitergegeben wird: Vom ersten Bild an steht die Hauptfigur in einer Ahnenlinie des Sterbens. Mit dieser Eröffnung fokussiert Berger den Horror des Schützengrabens und all seine Arten der körperlichen und mentalen Zerstörung: das Töten mit dem Flammenwerfer, dem Gewehr, dem Messer und mit bloßen Händen. Den Schmutz, den Hunger, die Schlucke von schlammigem Wasser. Die Langeweile, die Panik, die Verzweiflung.

Remarque arbeitet die Entfremdung einer verlorenen Generation von Soldaten zum Alltag der Heimat heraus; der Netflix-Film dagegen hakt das schnell ab. Stattdessen ergänzt er die beschränkte Perspektive der Hauptfigur um die historischen Zusammenhänge: Daniel Brühl handelt als Staatssekretär Erzberger im Bahnwaggon bei Compiègne den Waffenstillstand aus; Devid Striesow spielt einen General, der seine Soldaten gewissenlos in den Tod schickt. 100 Jahre nach dem Krieg liefert Netflix das Basiswissen zur Sicherheit mit.

In der Darstellung der Gewalt ist Berger nicht weniger deutlich als Remarque und Milestone. Ansonsten neigt er sogar zum Überdeutlichen. Das gilt für die Tonspur, die das Grauen mit dröhnender Musik ankündigt. Das gilt für die Montage, die den Hunger der Soldaten mit gesottenen Wachteln kontrastiert, die der General seinem Hund vorwirft. Auch die Eingriffe in die Vorlage suchen das Extrem: Anders als im Buch stirbt Paul nun buchstäblich in der allerletzten Kriegsminute – und das nicht beiläufig, sondern in einer mit unzähligen Wendungen durchchoreografierten Sequenz. Der Titel ist damit zum bloßen Markenzeichen degradiert; inhaltlich stimmt er nicht mehr – denn am Tag des Waffenstillstands passiert im Westen natürlich sehr wohl etwas Neues. Was soll diese Zuspitzung überhaupt? Kann ein sinnloser Tod noch sinnloser sein, wenn er erst am Kriegsende eintritt?

Fragen wie diese hätte der Film schon immer aufgeworfen. Im Ukraine-Krieg kommen lauter neue dazu. Ein Beispiel: Den Regisseur, sagt er selbst, hat am Stoff gerade die deutsche Perspektive gereizt. Ein Krieg aus der Sicht der schuldigen Verlierer verhindert jede Idee von Heldentum. Diese Haltung trifft jetzt auf eine Wirklichkeit, in der ein unschuldig überfallenes Land sich mit klassischen Heldengeschichten für die Verteidigung motiviert. Dem Soldaten, der „Fick dich, russisches Kriegsschiff“ gesagt hat, hat die Ukraine gerade eine Briefmarke gewidmet.

Bergers drastische Bilder von Toten und Verletzten wiederum wirken künstlich gegen die realen Aufnahmen, etwa die Fotos, mit denen das Asow-Regiment die Evakuierung aus Mariupol erreichen wollte. Eine Sequenz des Films zeigt einen Panzerangriff, bei dem erst die Soldaten am Boden zerquetscht werden und dann Besatzung selbst verbrennt. Ungewollt kommentieren diese Bilder auf einmal die Forderung nach Waffenlieferungen an die Ukraine: Der Netflix-Film wird zum Argument in einer Debatte, die am Set niemand vorhersehen konnte. So geht es immer weiter, zumal als dritte Bedeutungsebene auch der Roman noch da ist: Remarque hat seine Sachlichkeit gegen ein berauschtes Bild vom Krieg gesetzt; heute trifft sein Stoff auf ein Publikum, das von Kriegsbegeisterung weit entfernt ist. Putin kann das Wort nicht einmal aussprechen.  

Noch vor seiner Premiere wird „Im Westen nichts Neues“ damit vom Kunstwerk zum Teil unserer Auseinandersetzung um drängende Realitäten. Wie er überzeugt, werden wir nicht zuletzt bei den Academy Awards erleben. Deutschland hat den Film ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt.

Starttermin: Im Kino ist „Im Westen nichts Neues“ ab dem 29. September zu sehen; auf Netflix ist er ab dem 28. Oktober verfügbar.

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