Hamburg Die Kuh und das Methan: Mit Futterzusatz gegen das Klimakiller-Image
Kuhe rülpsen klimaschädliches Methan. Das brachte den Rindviechern den Ruf als Klimakiller ein. Doch Futterzusätze könnten dabei helfen, die Klimabilanz der Rinderhaltung deutlich zu verbessern.
Der Ruf der Kuh hat in den vergangenen Jahren arg gelitten. Als Klimakiller wurden die Wiederkäuer verunglimpft, weil sie das als besonders klimaschädlich geltende Methan, nun ja, ausrülpsen. Das Gas hält sich zwar deutlich kürzer als CO2 in der Atmosphäre, gilt aber als das deutlich schädlichere Treibhausgas.
Doch langsam dreht sich die Debatte. Die Kuh wird vom Klimakiller zum Chancenträger, mit deren Hilfe sich schnell und effektiv etwas gegen den Klimawandel machen lässt: konkret in ihrem Kuhmagen - durch neuartige Futterzusätze, die auf den Markt drängen.
Ein Anbieter ist der niederländische Konzern DSM. Mehr als zehn Jahre Forschungsarbeit seien in das Produkt mit dem Namen Bovaer geflossen, erzählt Maik Kindermann im Gespräch mit unserer Redaktion. Und jede Menge Geld, auch wenn er eine exakte Summe nicht nennt.
Inzwischen haben er und seine Kollegen die Zulassung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit erhalten, die amtlich attestiert: Bovaer ist nicht nur unbedenklich für Tier und Mensch, es hilft auch dabei, das Klima zu schonen. Im belgischen Flandern fördert die Regionalregierung den Einsatz des Präparates in der Landwirtschaft schon. Pro Kuh und Tag können Bauern 7 Cent Subvention erhalten.
Das kleine Wundermittelchen kommt denkbar unspektakulär daher: ein Pulver, das Bauern unter das Futter ihrer Kühe mischen können. Bereits nach 30 Minuten, sagt Kindermann, setze der Effekt ein: Der Methanausstoß der Rinder gehe zurück. Im Schnitt zwischen 30 und 40 Prozent.
Was abenteuerlich klingt, hat DMS wissenschaftlich belegen lassen: „Wir haben Bovaer in 15 Ländern in gut 50 Versuchen getestet. Der größte Einzelversuch lief in Kanada an gut 15.000 Rindern”, sagt Kindermann. In den Niederlanden war beispielsweise die renommierte Agraruniversität in Wageningen beteiligt.
An einer Testgruppe schwarz-bunter Milchkühe, die auch in Norddeutschland auf vielen Weiden stehen, wurde der Futterzusatz erprobt. Je nach Zusammensetzung des übrigen Futters - Gras, Mais und so weiter - ging der Methan-Ausstoß mehr oder minder, aber immer deutlich messbar zurück.
Bovaer oder genauer 3-Nitrooxypropanol (3-NOP) wirkt. Wie das funktioniert? Der Futterzusatz hemmt das Enzym, das beim Verdauen die Methan-Produktion im Verdauungstrakt der Rinder ankurbelt. Auf die Milchleistung der Kühe oder allgemein ihre Gesundheit soll das Mittel keinen Einfluss haben.
Für die Landwirtschaft und die Milchindustrie sind das vielversprechende Neuigkeiten, denn mit Futterzusätzen könnte sich ein riesiges Problem der Branche relativ einfach verkleinern lassen. Nach Zahlen des Umweltbundesamtes stammt in Deutschland gut die Hälfte der klimaschädlichen Gase der Landwirtschaft von Rindern. 3,82 Prozent beträgt der Anteil der Wiederkäuer am bundesweiten Gesamtausstoß über alle Branchen und Lebensbereiche hinweg.
Seit Jahren wird bereits an Futterzusätzen für Rinder geforscht. Wissenschaftler verfütterten Knoblauch, Klee oder Algen an die Wiederkäuer - mit unterschiedlichem Erfolg. Manche Projekte versprachen viel, hielten aber wenig. Andere sind noch in einem frühen Stadium. Bovaer ist der erste Futterzusatz mit der entsprechenden EU-Zulassung in der Rubrik: „Stoffe, die die Umwelt günstig beeinflussen”.
In Deutschland ist es noch vergleichsweise ruhig um das Pulver. In anderen Ländern überschlagen sich die Pressemitteilungen großer Konzerne. DSM-Vertreter Kindermann sagt: „Wir haben bereits international eine ganze Reihe namhafter Partner gewinnen können: von großen Molkereiunternehmen bis hin zu Handelskonzernen.“
Lebensmittelhersteller Danone ist dabei. Oder die australische Supermarktkette Coles. Auf einer beteiligten Farm bekommen 9800 Kühe den Zusatz unters Futter gemischt.
In Europa ist der schwedisch-dänische Molkereikonzern Arla nach vorn geprescht. Im Frühjahr ließ Managerin Hanne Søndergaard sich wie folgt in einer Mitteilung zitieren: „In Bezug auf den Klimawandel besteht dringender Handlungsbedarf. Und wir sind der Ansicht, dass die Milchwirtschaft Teil der Lösung ist.”
Die Botschaft, die damit ausgesendet werden sollte: Die Kuh ist doch kein Klimakiller. Der Bovaer-Test in zahlreichen skandinavischen und deutschen Milchbetrieben sei das größte bisherige Klimaschutz-Vorhaben des Konzerns, so Søndergaard.
Es gilt: Klimaschutz ist das Verkaufsargument. Auf vielen Verpackungen prangen Tierwohl- und Klimaschutzlogos gleichrangig. Zudem macht die Politik gerade in Europa und Deutschland Druck: Alle Wirtschaftszweige sollen ihren Beitrag zur Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes leisten.
Diese Statista-Grafik zeigt Klimaziele für einzelne Branchen:
Der Einsatz der Futtermittel ist aus Wirtschaftssicht besonders vielversprechend. Bei einem vergleichsweise kleinen Einsatz lässt sich viel erreichen, um die Klimabilanz der Landwirtschaft zu verbessern.
Knut Ehlers vom Umweltbundesamt (UBA) formuliert es so: „Weniger Methan in der Atmosphäre bedeutet weniger Erderwärmung.” Die Entwicklung rund um Futterzusätze bezeichnet er als „spannend”, präsentiert im Gespräch mit unserer Redaktion allerdings auch ein großes Aber: Bovaer und Co. zielen allein auf die direkten Emissionen ab, die aus dem Kuhmagen stammen.
Die sind zwar auch schlecht fürs Klima. Aber auch drumherum entstehen klimaschädliche Gase - etwa bei der Futtermittelproduktion oder beim Ausbringen der Gülle auf dem Acker. Dies ist besonders in Norddeutschland ein Faktor: Viele Kühe werden auf trockengelegten Moorböden gehalten, die bis heute Methan freisetzen.
Beim Umweltbundesamt hält man daher eine deutlich radikalere Maßnahme für deutlich wirksamer: die Reduktion der Rinderbestände - je weniger Kühe, desto stärker sinkt der Methan-Ausstoß. Es bleibe wichtig, Produktion und Konsum ökologischer, sprich klimafreundlicher, zu gestalten. „Dies geht besonders gut durch einen geringeren Konsum tierischer Produkte und eine Stärkung des pflanzlichen Anteils in unserer Ernährung”, so UBA-Vertreter Ehlers.
Das würde eine Umstellung des Systems als Ganzes erforderlich machen. Bovaer soll den Bauern indes die Möglichkeit bieten, im bestehenden System Fortschritte zu erzielen. DSM-Vertreter Kindermann formuliert es so: „Der Futterzusatz ist eine Möglichkeit, den Ausstoß klimaschädlicher Gase schnell und effektiv zu reduzieren.” Und er ergänzt: „Ein bisschen tragen wir dadurch auch zur Image-Rettung der Kuh bei, die nicht immer zurecht im Fokus von Klima-Diskussionen stand.“