Flensburg  Politischer Größenwahn in Moskau: Wladimir Putin hat nur eine Chance

Thomas Schmoll
|
Von Thomas Schmoll
| 28.09.2022 14:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Waldimir Putin lebt in seinen eigenen Wahrheiten. Doch sein Hass gegen den Westen hat ihn in eine Sackgasse geführt, die Russland zerstören wird. Foto: imago images/ITAR-TASS
Waldimir Putin lebt in seinen eigenen Wahrheiten. Doch sein Hass gegen den Westen hat ihn in eine Sackgasse geführt, die Russland zerstören wird. Foto: imago images/ITAR-TASS
Artikel teilen:

Wladimir Putin ist dabei, Russland weltweit zu isolieren, in eine totale Diktatur zu verwandeln und zu ruinieren. Es ist für ihn die einzige Chance, an der Macht zu bleiben.

Drohung. Gewalt. Drohung. Eskalation. Krieg. Drohung. Gewalt. Eskalation. Krieg. Drohung… In dieser Endlosschleife, die von lügenhafter Propaganda flankiert wird, bewegt sich die Innen- und Außenpolitik von Wladimir Putin seit etlichen Jahren.

Tschetschenien, Georgien und vor allem die Ukraine sind Opfer dieser brutalen „Strategie“, aber auch Russland selbst. Der Moskauer Herrscher hat sein Land in eine Diktatur mit faschistischen Zügen verwandelt. Die Medien sind in staatlicher Hand und gleichgeschaltet, die Opposition ist lahmgelegt, sie kann maximal vom Gefängnis aus operieren. Den Krieg als Krieg zu bezeichnen, wird hart bestraft. Wer als Soldat keine Ukrainer töten will, muss viele Jahre in den Knast.

So etwas wie Humanität kennt der Schlächter im Kreml nicht. In Putins Reich gilt die bekannte Devise totalitärer Anführer und ihrer Vasallen: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Ein Land so zu regieren, heißt, den Zynismus zur Doktrin zu erheben.

Auch hier sprengt Putin den Rahmen des im 21. Jahrhunderts bisher Vorstellbaren. Er schwindelt, was seine Propagandaabteilung hergibt, erfindet immer neue Gründe, um die Gewaltspirale am Leben zu halten.

Putin hat sich eine Realität geschaffen, eine Blase, so undurchdringlich wie Beton. Er glaubt vermutlich den Stuss, den er öffentlich erzählt, um das von ihm begonnene Gemetzel in der Ukraine weiter zu rechtfertigen und abermals Zehntausende an der Front verrecken zu lassen, damit sein Traum vom russischen Imperium noch ein paar Monate am Leben bleibt.

Zur Erinnerung: Der Kriegstreiber im Kreml wollte – ein irres Ansinnen – die Ukraine von „Nazis und Drogenabhängigen befreien“. Zugleich sah er – noch so ein Hirngespinst – sein Land von der Nato eingekreist, schreckte aber nicht davor zurück, die Ukraine komplett einkassieren zu wollen, was sein Land territorial an Rumänien gerückt hätte, das zu dem Militärbündnis gehört.

Den Quatsch verbreitet Putin nicht weiter, jedenfalls nicht in der bekannten Version, zumal einer seiner hochrangigen Kämpfer erklärte, keinen einzigen Hinweis für irgendwelche Angriffspläne der Ukraine auf Russland entdeckt zu haben.

Eine andere Erzählung musste also her, die „den Westen“ irgendwie wegen irgendetwas beschuldigt. Mit dem Abhalten der Scheinreferenden in der Ukraine hat Putins perfides Vorgehen eine neue Dimension an Widerwärtigkeit erreicht. Er lässt ein Nachbarland völkerrechtswidrig überfallen, erklärt die eroberten Areale zu russischem Staatsgebiet und wertet danach jeden Versuch, sie zurückzuerobern, als Angriff auf die „territoriale Integrität“ seines Landes.

Das hätte Joseph Goebbels – auch er war dem Größenwahn verfallen – nicht besser erfinden können. In dieser absurden Auslegung der Wirklichkeit ist nicht Russland der Aggressor, sondern die Ukraine. Damit hat Putin die nächste Möglichkeit geschaffen, der Ukraine und seinen Unterstützern mit Atomwaffen zu drohen, falls sie es wagen, seinen kriegerischen Beutezug nicht zu akzeptieren und die Regierung in Kiew weiter aktiv mit Waffen zu unterstützen.

Das Prinzip der nuklearen Erpressung hat der Aggressor schon bei der Annexion der Krim angewandt. So könnte Putin auch Georgien, Moldau, baltische Staaten und sogar Teile von Finnland einsacken – jeweils unter Androhung des Einsatzes atomarer Waffen.

Dass Putin den Einsatz von Atombomben tatsächlich riskiert, ist unwahrscheinlich – so dämlich kann er einfach nicht sein. Das Zünden einer einzelnen Atombombe, auch mit begrenzter Wirkung, brächte militärisch nicht viel. Würde Putin gleich mehrere abfeuern lassen, würden russische Soldaten mit draufgehen, die Gebiete wären unbewohnbar.

Abgesehen davon: Der Westen müsste alles tun, der Ukraine zu helfen, die Antwort der Nato könnte immens sein. China und Indien könnten nicht mehr zu Russland stehen, sie müssten sich abwenden und könnten einem Staat, der mit Atombomben um sich wirft, kein Gas, Öl oder sonst was abkaufen.

Schon jetzt ruft China zum „Dialog“ und einer Lösung auf, „die den legitimen Sicherheitsbedenken aller Parteien Rechnung trägt“. Das ist ein klarer Appell an Moskau, die Aggression nicht zu überziehen, den Putin nicht gerne hören wird, aber doch muss, da er auf China angewiesen ist, wenn er sein Land nicht komplett ruinieren will, wonach es gerade ausschaut.

Der Exodus ausländischer Unternehmen und junger russischer Arbeitskräfte, vor allem IT-Spezialisten, in den Westen (oder die Front) gefährdet die Wirtschaft. Russland ist schon jetzt weitaus mehr – erst recht ohne westliche Technologien – ein Entwicklungsland als Imperium.

Trotz Hunderter Millionen Dollar Investitionen in Trolle und Propaganda hat Putin es nie geschafft, seiner reaktionären Idee von der Restauration des russischen Reiches einen ideologischen Überbau zu verpassen, der seinem Volk Halt oder Glauben geben könnte. Das zeigt gerade die Massenflucht junger und älterer Männer aus Russland, die zur schweigenden Mehrheit gehörten und in Umfragen den Krieg (vermutlich) bejubelten, aber keine Lust haben, an der Front zu verrecken.

Ab und an in einer langweiligen Rede der Ukraine das Recht als Staat abzusprechen und den Westen für sämtliche Phantomschmerzen verantwortlich zu machen, Truppen auf dem Roten Platz aufmarschieren zu lassen und an die – tatsächlich – gigantischen militärischen Leistungen des Großen Vaterländischen Krieges zu erinnern, reicht nicht aus, ein Heer von Freiwilligen zu bilden.

Putin hat nichts zu bieten außer: Hass gegen den Westen und Verachtung für Demokratien. Durch den Ruf Hunderttausender Männer zu den Waffen, hat er sich ein Armutszeugnis ausgestellt – es ist das öffentliche Eingeständnis, dass die „Spezialoperation“ ein blutiger Krieg ist und für Russland nicht so läuft wie von Putin gewünscht.

Das bringt ihn in die Bredouille. Entweder er wird gestürzt – oder er errichtet eine Diktatur nach dem Vorbild Nordkoreas, was die Massenflucht und den Niedergang des Landes nur beschleunigen wird. Ein Terrorregime zu unterhalten, Krieg zu führen sowie Brot und Spiele zu finanzieren, kostet Milliarden Dollar und führt letztendlich zum Ruin und politischer Instabilität.

Der russische Journalist Mikhail Zygar schrieb im „Spiegel“: „Putins Russland ist offensichtlich dem Untergang geweiht – und Putin selbst hat dafür gesorgt, dass sein eigenes Ende näher rückt.“ Und weiter: „Das Gewissen, aber auch das kritische Denken wacht auf. Einige fliehen, einige bleiben – aber alle verstehen, wer sie ihres normalen, friedlichen Lebens beraubt hat, wer ihre Häuser angegriffen hat: Putin.“

Zygar sollte es wissen. Früher oder später wacht Russland hoffentlich auf wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann hat es die Chance, endlich im 21. Jahrhundert anzukommen.

Ähnliche Artikel