Osnabrück Stefanie Stahl: Wenn jeder reflektiert wäre, gäbe es keinen Krieg
Stefanie Stahl ist die bekannteste Psychologin Deutschlands. Mit ihren Büchern führte sie mehrfach die Spiegel-Bestseller-Liste an. Im Interview spricht sie über Versagensängste und wieso ihr neues Buch das schwierigste für sie war.
Stefanie Stahl empfängt zum Gespräch in ihrer freien Praxis in Trier. Seit Anfang des Jahres behandelt sie selbst keine Patienten mehr. Das übernehmen ihre drei angestellten Psychologen. Stahl will sich mehr auf ihr neues Buch „Wer wir sind“, das am 13. Oktober erschienen ist, und ihre Freizeit konzentrieren. Im Interview erzählt sie, wie sie ihre Faulheit überkommen hat, wieso sie ungern Bücher schreibt und was der Ukraine-Krieg mit Selbstwertproblemen zu tun hat.
Frage: Frau Stahl, wie geht es Ihnen heute? Ehrliche Antwort!
Antwort: (Lacht) Ganz gut. Ich war ein paar Tage in Berlin für Aufzeichnungen für mein neues Online-Portal. Berlin ist immer sehr anstrengend. Deswegen bin ich jetzt froh, wieder in Trier zu sein.
Frage: Wann haben Sie das letzte Mal bei der Antwort auf diese Frage gelogen?
Antwort: Das weiß ich nicht. Ich lüge eigentlich nicht.
Frage: Sie sind Psychologin und Psychotherapeutin. Was denken Sie: Müssen wir alle einmal eine Therapie machen?
Antwort: Therapie ist eigentlich vorgesehen für Menschen mit einem psychischen Störungsbild. Und längst nicht alle Menschen sind psychisch gestört. Aber jeden Menschen betrifft das Thema Selbstreflektion - weil wir alle unsere subjektiven Prägungen haben, die wie eine Brille sind, durch die wir die Welt sehen. Deswegen denke ich, dass es für jeden Menschen wichtig ist, zu schauen, was ihn geprägt hat.
Frage: Einer Ihrer Podcasts heißt “So bin ich eben”. Wie sind Sie denn?
Antwort: Ich? Ich bin extrovertiert, ich gehe leicht in Kontakt mit Menschen. Ich bin eine sehr loyale Freundin. Ich bin ziemlich geradlinig und ungeduldig. Ich bin eine “Sprechdenkerin”, das heißt, ich entwickle die besten Gedanken während ich spreche.
Frage: Sie sind als Tochter des Geschäftsführers der Atlantik-Brücke in Hamburg aufgewachsen. Heute erzählen Sie in Ihren Büchern, dass vor allem die Kindheit uns prägt. Wie hat Ihr Aufwachsen zwischen berühmten Persönlichkeiten Sie geprägt?
Antwort: Meine Eltern waren alles andere als spießig. Es gab sehr viel Freiheit. Meinen Eltern war immer wichtig, dass ich mich in jeder sozialen Situation wohl fühle und dass ich nirgendwo Hemmungen habe. Also dass ich sowohl mit ganz normalen Leuten umgehen kann, aber auch auf dem größeren Parkett klarkomme.
Frage: Mit welchen Menschen sind Sie dabei in Kontakt gekommen?
Antwort: Die tollste Begegnung war mit Alec Guinness, da war ich 15 oder 16 Jahre alt. Ich hatte einen Tag vorher noch “Man in the white suit” gesehen. Ich habe mir auf Englisch genau zurechtgelegt, was ich sage. Ich habe meinen Vater extra nicht gefragt, weil es mir zu peinlich gewesen wäre. Dann bin ich mit Herzrasen zu ihm hingegangen, er war umringt von anderen Menschen. Als ich endlich dran war, habe ihm gesagt, dass ich gestern noch seinen Film gesehen habe und dass ich ihn sofort wiedererkennen würde wegen seines bezaubernden Lächelns. Und er sagte: Thank you, thank you, thank you. Dreimal! Ich war völlig aus dem Häuschen.
Frage: Ihr Job ist es, anderen zu helfen, dass es ihnen besser geht. Wann geht es mal nur um Sie?
Antwort: In meiner Freizeit natürlich, ich habe ja kein Helfersyndrom. Ich habe eine sehr gute Work-Life-Balance. Ich bin mit meinem Mann viel in unserem Waldhaus.
Frage: Sind Sie gut darin, sich abzugrenzen? Also dass Sie mal nur die Psychologin sind und dann nur die Privatperson Stefanie Stahl?
Antwort: Ich bin immer ich. Ich habe nie das Gefühl, Rollen zu spielen. Sie erleben mich genau so, wie Sie mich auch privat erleben würden.
Frage: Und wie helfen Sie sich, wenn es Ihnen mal nicht gut geht?
Antwort: Ich spreche viel mit Freunden. Auch hilft mir Bewegung, um aus einem leichten Tief rauszukommen.
Frage: Stimmt es, dass man nur Psychologie studiert, weil man sich selbst therapieren will?
Antwort: Das ist ein Vorurteil. Psychologie ist zum Teil ein langweiliges und anstrengendes Studium. Man lernt viel Wissenschaft, jedenfalls zu meiner Zeit. Das hatte mit Therapie herzlich wenig zu tun. Mich hat immer nur und auch bis heute interessiert, wie der Mensch psychisch konstituiert ist. Wie die Struktur der Psyche ist, wie der Mensch tickt. Ich mache selbst auch keine Psychotherapie mehr, außer in meinem Podcast. Ich bin sehr gut darin, das Thema zu erkennen und die roten Fäden zusammenzuführen, wo es hapert und wo Lösungswege wären. Aber ich bin nicht die Geduldigste, um lange bis zur Lösung zu begleiten. Das sollen lieber andere machen.
Frage: Sie stehen schon lange mit dem Thema Psychologie in der Öffentlichkeit. Gibt es noch ein Stigma um Psychotherapie?
Antwort: Es ist viel mehr in der Gesellschaft angekommen. Es ist eine ganz andere Offenheit für dieses Thema. Wenn man sich das mal überlegt: Wir bestehen aus unserem Körper und unserer Psyche. Unsere Psyche ist in unserem Körper, unserem Gehirn verankert. Wir kümmern uns alle um körperliche Beschwerden und den Rest macht unser Bewusstsein aus. Dann wäre es geradezu irrsinnig, sich nicht darum zu kümmern.
Frage: Sie bringen Menschen über Ihre Bücher und Podcasts bei, sich besser zu verstehen und mehr an sich zu glauben. Wann haben Sie Versagensängste?
Antwort: Bei jedem Buch. Chronisch. Mein Leben lang hatte ich innerlich immer den Spruch drauf: “Geh woanders hin, ich kann dir auch nicht helfen.” (lacht)
Frage: Das haben Sie sich selbst gesagt?
Antwort: Ja. Das letzte Buch war das anspruchsvollste für mich, das ich je gemacht habe. Allein den Anspruch zu haben, die Struktur der Psyche zu erklären, es so zu erklären, dass jeder Laie das versteht, ist sehr anspruchsvoll. Ich habe gedacht: Entweder du schreibst das Buch gar nicht, warum tust du dir den Mist überhaupt an, du könntest doch so ein schönes Leben haben, wenn du kein Buch schreiben müsstest - oder du gibst dir drei Jahre Zeit. Und dann habe ich mich für letzteres entschieden und das Buch in anderthalb Jahren geschrieben.
Stefanie Stahl entschuldigt sich kurz und verlässt den Raum. Sie kommt zurück mit ihrer vor Freude jaulenden Pflegehündin und ihrem Mann, der bei ihr arbeitet. Stahl setzt sich aufs Sofa und breitet für die Hündin eine Decke aus. Mit Hund neben sich geht das Interview weiter.
Frage: Sie haben eine Zeit lang als psychologische Sachverständige am Familiengericht gearbeitet. Gibt es Fälle, die Sie nicht mehr vergessen haben?
Antwort: Ich habe mehreren Leuten „das Leben gerettet“ bei denen sexueller Missbrauch im Raum stand. Zu der Zeit, als ich als Sachverständige tätig war, wurde das gerne mal als Totschlagargument benutzt, um den Vater aus dem Umgangsrecht zu kriegen. Ich erinnere mich an einen Mann mit drei Kindern. Seine Frau hat ihm Missbrauch vorgeworfen - alle waren gegen ihn. Ich konnte nachweisen, dass das nicht so ist. Die Mutter hat nicht nur nicht erreicht, dass er kein Umgangsrecht mehr hatte, sondern sie hat auf einen Schlag ihr Sorgerecht verloren.
Frage: Wie kamen Sie dazu, Ihre Erfahrungen als Psychotherapeutin aufzuschreiben? Dachten Sie schon dabei an eine Veröffentlichung?
Antwort: Natürlich. Ich mache das ja nicht aus Jux und Dollerei. Die Verlagssuche war als Erstautorin sehr schwer. Von vielen habe ich überhaupt keine Antworten oder nur Absagen bekommen. Aber ich fand damals die verschiedenen Persönlichkeitstypen, das Thema meines ersten Buches, so spannend, dass ich das Buch unbedingt schreiben wollte.
Frage: Ihre Hartnäckigkeit hat sich gelohnt.
Antwort: Das erste Buch hat sich ganz gut rumgesprochen und verkauft. Längst nicht so gut, wie ich gedacht habe. Ich habe mir da etwas anderes ausgemalt. Ich war natürlich komplett überzeugt von diesem Konzept und dann denkt man immer, das wir ein riesiger Schlager. Meine ehrliche Antwort ist: Die meisten Menschen, die ein Buch schreiben, würden sich niemals die Mühe machen, wenn sie nicht überzeugt wären, dass es ein Erfolg wird. Die Allermeisten, mich eingeschlossen, sind eher enttäuscht, dass ihr Buch nicht viel erfolgreicher war.
Frage: Warum tun Sie sich das trotzdem an?
Antwort: Weil ich den Drang habe, die Konzepte aufs Papier zu bringen, die ich mir doch so schön erarbeitet habe. Das ist wie mit meinem neuen Buch. Es kann sein, dass es das letzte ist, das ich geschrieben habe, weil ich nicht mehr weiß, ob ich danach noch was zu sagen habe. Wenn ich nichts mehr zu sagen habe, dann schreibe ich auch nicht mehr. Es gibt sowieso zu viele Bücher.
Frage: Sie waren mit Ihrer Tour „normalgestört” auf deutschen Bühnen unterwegs. Was heißt denn „normalgestört“?
Antwort: Die meisten Menschen sind nicht schwerst traumatisiert oder haben psychische Erkrankungen. Sie haben ihre Alltagsprobleme, ihre Beziehungsprobleme, sie haben ihre Ängste und ihre “Depressiönchen”. Sie brauchen einen roten Faden, was die nächsten Schritte sind, um aus der Nummer rauszukommen. Da setze ich an.
Frage: Sollten Shows über persönliche Krisen Stadien füllen?
Antwort: Es geht um Psychotainment. Es geht darum, Psychologie unterhaltsam zu vermitteln. Das geht. Alle haben Spaß daran und lernen was. Ich sehe da kein Problem.
Frage: Bevor Sie Ihren Mann geheiratet haben, waren Sie jahrelang mit ihm befreundet. Glauben Sie an Liebe auf den zweiten Blick?
Antwort: (lacht) Muss ich ja. Bevor mein Mann und ich ein Paar waren, waren wir acht Jahre befreundet. Dann kamen wir zusammen und nach einem Jahr haben wir geheiratet.
Frage: Sie haben in einem Interview gesagt: “Solange ich arbeite, bin ich im Geschehen.” Können Sie auch einfach nur dasitzen und nichts tun?
Antwort: Absolut. Ich bin überhaupt kein Arbeitstier.
Frage: Dabei machen Sie doch so viel, wie es scheint.
Antwort: Das sieht immer nur so aus. Ich bin weit entfernt von Workaholic. Ich könnte viel mehr machen, aber weil ich sehr freizeitorientiert bin, mache ich das nicht.
Frage: Waren Sie schon immer so oder mussten Sie das erst lernen?
Antwort: Ich war schon immer von Haus aus faul. Ich musste lernen, mich zu motivieren und Dinge durchzuhalten. Bei meinem ersten Buch habe ich mir gesagt, wenn du das nicht durchziehst, verlierst du die Würde vor dir selbst. Ich war immer ein Typ, der sich schnell begeistern lässt und wo es zäh und anstrengend wird, habe ich das Interesse verloren.
Antwort: Wie haben Sie das überwunden?
Antwort: Durch Disziplin. Ich habe gemerkt, dass ich am Ende des Tages viel glücklicher bin, wenn ich etwas geleistet habe. Faulheit macht nicht wirklich glücklich. Es war wichtig für mich, mich durch Frustration zu arbeiten und das auszuhalten. Sonst bewegt man sich nicht von der Stelle.
Frage: Sie haben zehn Bücher geschrieben. Nun erscheint ihr elftes. Sie gehen auf Tour und machen Beratungen. Finanziell muss es ja ganz gut laufen. Wie schauen Sie auf den Winter?
Antwort: Persönlich mache ich mir keine Sorgen, aber ich finde den Krieg ganz furchtbar. Ich finde so vieles, was auf der Welt los ist, furchtbar. Das ist, warum ich immer wieder motiviert bin, mit meinen Themen nach draußen zu gehen. Denn wenn jeder Mensch reflektiert wäre, dann hätten wir das ganze Elend nicht. Das ist alles aus Selbstreflektionsmangel und völlig falsch kompensierten Selbstwertproblematiken. Das regt mich so auf. Der selbstreflektierte Mensch ist weise und handelt zum Wohle der Gemeinschaft.
Frage: Welchen Luxus gönnen Sie sich?
Antwort: Ich gönne mir, dass ich den Haushalt nicht selbst machen muss.
Frage: Und worauf verzichten Sie bewusst?
Antwort: Auf nichts. Mein Mann und ich haben nicht so eine schlechte CO2-Bilanz. Ich bin der Meinung, dass ich diese Welt sowieso nicht retten werde. Die Politiker müssen große politische und wirtschaftliche Lösungen schaffen. Ob ich da eine Cola mehr oder weniger trinke oder ein Hähnchen esse, halte ich für Hokuspokus. Ich finde es nämlich eine Unverschämtheit, wenn Politik und Wirtschaft alles auf den Endverbraucher abwerfen. Ich denke wir brauche große politische und gesellschaftliche Neuentwürfe.
Stefanie Stahls neues Buch ist am 13. Oktober. 2022