Hamburg  Schweinekrise: Darum schließt Bauernpräsident Hennies seinen Schweinestall

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 29.09.2022 14:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Schweine im Freien: In Deutschland ist das die Ausnahme. Auf dem Hof von Niedersachsens Bauernpräsident Holger Hennies wurden Tiere so gehalten, allein: Es lohnt sich nicht. Foto: dpa
Schweine im Freien: In Deutschland ist das die Ausnahme. Auf dem Hof von Niedersachsens Bauernpräsident Holger Hennies wurden Tiere so gehalten, allein: Es lohnt sich nicht. Foto: dpa
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Die Schweinekrise greift um sich: Pionier-Betriebe besserer Tierhaltung beklagen einen Absatzeinbruch bei teurerem Tierwohl-Fleisch. Auch betroffen: Niedersachsens Bauernpräsident Holger Hennies. Seine Konsequenz? Die Schweine müssen vom Hof.

In der Schweinehaltung herrscht Resignation. Die Politik kommt mit ihren Umbauplänen nicht voran, Kunden machen einen Bogen um teures Tierwohl-Fleisch. Ausgerechnet die Pioniere besserer Tierhaltung leiden. Niedersachsens Bauernpräsident Holger Hennies ist einer davon. Er hat für seinen Betrieb eine Entscheidung gefällt: Die Schweine müssen vom Hof.

Die Entscheidung sei in den vergangenen Wochen gereift, erzählt Holger Hennies. Es fällt ihm hörbar schwer, darüber zu sprechen. Seine Frau und er hätten hin und her überlegt. Eigentlich hätten Investitionen in die Ställe angestanden, zusammengenommen rund 80.000 Euro. Aber die Perspektive habe gefehlt. „Das lohnt sich einfach nicht”, sagt Hennies.

Die Schweinehaltung sei für die Landwirtsfamilie aus Niedersachsen schließlich kein Hobby, sondern ein Betriebszweig, der sich rentieren müsse. Tut er aber nicht. Die Konsequenz: Im Spätherbst werden auf dem Hof Hennies östlich von Hannover nach rund 20 Jahren keine Schweine mehr gehalten werden. Gerade einmal 27 Tiere sind derzeit noch im Stall. 500 wären erlaubt.

Das ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert: Zum einen ist Hennies als Präsident des niedersächsischen Landvolks quasi oberster Bauer in dem Bundesland. Von Amts wegen müsste er also eigentlich Zweckoptimismus verbreiten.

Aber in der Schweinehaltung gibt es derzeit nichts Positives. „Viele Schweinehalter sind schon nicht mehr wütend, sondern sie resignieren”, sagt der Präsident. Auch wenn Hennies Wert darauf legt, dass seine Entscheidung betriebsindividuell sei.

Jeder Betrieb müsse selbst entscheiden, sagt er. Aber Hennies ist mit seiner Entscheidung bei Weitem nicht alleine. In Niedersachsen werden so wenig Schweine gehalten wie seit 25 Jahren nicht, zeigen amtliche Statistiken. „Die reinen Zahlen zeigen sehr deutlich, dass wir derzeit keinen Strukturwandel in der Schweinehaltung sehen, sondern ein regelrechtes Höfesterben. Das ist besorgniserregend”, fasst Hennies die Lage zusammen.

Zum anderen: Seine Schweinehaltung ist dabei nicht irgendeine Haltung. Die Tiere werden nicht in einem geschlossenen Stall auf Vollspaltenböden gehalten, wie es in Deutschland meist noch üblich ist. Der Hennies-Hof zählt zu den Tierwohl-Pionieren in Deutschland: Die Tiere haben Kontakt zu ihrer Umwelt, sehen Sonnenlicht und spüren Wind um ihren Rüssel. So eine Haltung ist in Deutschland die Ausnahme.

„Wir wollten Anfang der 2000er etwas Innovatives in der Schweinehaltung wagen - in der Erwartung, dass das dem gesellschaftlichen Trend entspricht”, sagt Hennies. In den Niederlanden gab es damals schon vereinzelte Programme, die bessere Ställe honorierten. In Deutschland begann die Diskussion um den Umbau der Tierhaltung gerade erst. Damals war Schweinefleisch noch gefragt. Mittlerweile geht der Konsum spürbar zurück.

Das zeigt auch diese Statista-Grafik:

Rückblickend muss Hennies feststellen, dass er sich getäuscht hat in der Gesellschaft: „Unter den insgesamt 20 Jahren waren vielleicht sechs gute.‘‚ Und zuletzt lief es offenbar richtig schlecht.

Ein großer Teil der Hennies-Schweine wurde im sogenannten Direktverkauf über einen Schlachter sowie im Internet vermarktet. Die Familie hatte sich quasi einen eigenen Vertriebskanal für das Fleisch aufgebaut. „Spätestens mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist der Absatz aber zusammengebrochen. Die Leute sparen beim Tierwohl”, sagt Hennies. Dabei habe er noch nicht mal die gestiegenen Futter- oder Energiekosten an die Kunden weitergegeben.

Hinzu kommt die Agrarpolitik, in der in den zurückliegenden Jahren zwar viel gefordert und diskutiert, aber nur wenig beschlossen wurde. Nach dem Start der Ampel-Regierung in Berlin sei noch so etwas wie Aufbruchstimmung da gewesen, dass es jetzt vorangehe mit Beschlüssen zum Umbau der Tierhaltung, dass die Politik regele, was der Markt so nicht schaffe, sagt Hennies. „Aber: Es zieht sich schon wieder alles hin. Es ist vollkommen unklar, wann und ob die notwendigen Entscheidungen fallen.”

Am Markt und in der Politik fehle die Perspektive, schlussfolgert der Bauernpräsident. Und will die Ställe im Spätherbst schließen.

Es sind besonders die Tierwohl-Betriebe, die derzeit nicht mehr weiter wissen. Sie bleiben nicht nur vielfach auf den höheren Kosten der besseren Tierhaltung sitzen. Sie sorgen sich auch darum, ob und was noch aus der Politik zum Umbau der Ställe kommen könnte.

Zusehends gerät dabei Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir in die Kritik. Der Grünen-Politiker hat einen Entwurf für ein sogenanntes fünfstufiges Haltungskennzeichen vorgelegt, das für Schweinefleisch verpflichtend werden soll. Aber es wird eben nur der Status Quo gekennzeichnet. Ein Umbau der Tierhaltung oder eine staatliche Finanzierung besserer Tierhaltung sind damit nicht verbunden.

Thomas Schröder, Präsident des Tierschutzbundes, sagte unsere Redaktion: „Die Haltungsform in ihrer Architektur wird traurigerweise dafür sorgen, dass die ,Pioniere’, also die, die im Tierschutz vorangegangen sind, zu Verlierern werden.” Der Tierschutzbund ist auch selbst betroffen. Der Verein hat ein eigenes Tierschutzkennzeichen am Markt.

Schröder ist mit seiner Warnung nicht allein. Im Internet sammeln derzeit Betreiber sogenannter Offenställe für Schweine Unterschriften unter einem offenen Brief an Özdemir. Ähnlich wie Bauernpräsident Hennies hatten sie frühzeitig in bessere Ställe investiert - und sehen sich jetzt ausgerechnet durch die Label-Pläne des grünen Ministers bedroht.

In dem Schreiben fordern sie Nachbesserungen und warnen vor einer Täuschung der Verbraucher. Denn der Özdemir-Plan ermöglicht es, auch solche Ställe in der vierten von fünf Haltungsstufen einzusortieren, in denen die Schweine zwar Zugang zu einer Auslauffläche haben, im Innern des Stalls aber weiter auf Betonspalten-Böden gehalten werden. Die Offenstall-Halter setzen indes auf Stroh im Innern.

Dieser kleine Kreis von Pionieren will trotz der Schweinekrise weitermachen. Vielleicht müssen sie es auch. Denn nicht alle Betriebe haben weitere Standbeine wie der Hof von Bauernpräsident Hennies. Der baut beispielsweise noch Kartoffeln an.

Mit Kartoffeln lässt sich Geld verdienen, anders als mit Schweinen. Selbst dann, wenn man sie so hält, wie es die Gesellschaft fordert.

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