Münster Mehr als nur Gefährtinnen: Fernande, Françoise und Pablo Picasso
Muse und Modell: Die Rolle in der Kunst war lange Zeit festgelegt. Für Pablo Picasso ohnehin. Zwei Frauen brachen sein festgefügtes Weltbild auf. Jetzt wird ihre Geschichte wieder erzählt.
Es regnet. Der Frau ist kalt. Endlich erreicht sie das Künstleratelier. Als sie eintreten will, steht ein Mann in der Tür. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Was nach Groschenroman klingt, ist eine der großen Künstlerromanzen des 20. Jahrhunderts. Fernande Olivier trifft Pablo Picasso, 1904 im Bateau-Lavoir, dem legendären Atelierhaus auf dem Pariser Montmartre, in dem neben anderen auch Georges Braque und Amedeo Modigliani lebten. Fernande wird Picassos Modell und Muse. Im verflixten siebten Jahr ist Schluss. Fernande stürzt ab. Erst viel später schreibt sie ihre Erinnerungen auf, an Picasso, an eine verrückte Zeit, oft verklärt zur goldenen Ära der Bohème. Im Münsteraner Picasso-Museum wird die Geschichte jetzt neu erzählt – als Auftakt eines Reigens von Ausstellungen zu Picassos 50. Todestag am 8. April 2023.
Das westfälische Ausstellungshaus befindet sich dabei in bester, weil weltweiter Gesellschaft, wie Museumsdirektor Markus Müller erläutert. „Celebration Picasso 1973-2023“ heißt das internationale Projekt, das die Kultusministerien Frankreichs und Spaniens zum Jahrestag des spanischen Kunstgiganten ausgerufen haben. 36 Ausstellungen werden weltweit zu sehen sein, von denen auf Deutschland ganze zwei Präsentationen in Münster und Wuppertal entfallen. „Pablo Picasso ist in den Museen ohnehin bestens präsent“, verweist Müller auf große Sammlungsbestände. Das Kölner Museum Ludwig, einer der deutschen Picasso-Hotspots, präsentierte noch bis zum 30. Januar 2022 „Der geteilte Picasso“. Zudem befindet sich die Berliner Sammlung Berggruen mit ihrem großen Picasso-Konvolut gerade auf Japan-Tournee.
Schlechte Zeiten für Picasso in Deutschland, ausgerechnet zum großen Jahrestag? Nicht ganz. Denn Münster macht es – mit einem ungewöhnlichen Blick auf den Kunstgiganten. Markus Müller fokussiert gemeinsam mit Kuratorin Ann-Katrin Hahn mit Fernande Olivier und Françoise Gilot jene Gefährtinnen Picassos, die später legendäre Erinnerungsbücher über den spanischen Künstler schrieben. Fernande Oliviers „Picasso und seine Freunde“ erschien 1933, Françoise Gilots „Leben mit Picasso“ kam 1964 heraus. Pablo Picasso versuchte in beiden Fällen, die Publikation zu verhindern. Es nützte nichts: Die Bücher avancierten zu Bestsellern mit einem Hauch von Enthüllungsstory. Während Olivier das wilde Künstlerleben im Paris um 1900 beschreibt, seziert Gilot vor allem dem komplexen Charakter Picassos.
Fernande Olivier starb 1966, Françoise Gilot lebt immer noch, im Alter von unglaublichen 100 Jahren in New York. Fernandes Liebesgeschichte mit Picasso endete 1912, jene von Françoise begann 1943. Das sind nicht einzigen Unterschiede. Während Fernande immer das Nacktmodel blieb, startete Françoise ihre eigene Karriere als Künstlerin. Und sie war die einzige von Picassos Frauen, die selbst den Mut aufbrachte, sich von dem Genie mit den glühenden schwarzen Augen loszusagen. Münster inszeniert mit den Erinnerungen an diese beiden Frauen auch einen fulminanten Wandel im Rollenmodell der Frau – weg von der Muse, hin zur Künstlerin, weg vom Objekt für andere, hin zum Subjekt des eigenen Lebens.
Der Unterschied ist in der Ausstellung mit Händen zu greifen. Zu Fernande sind Picassos Bronzeplastik und ein Holzschnitt als Porträts zu sehen, zu Françoise jene Lithographien, die Picassos in ganzen Serien nach dem Vorbild seiner Angebeteten. Dann erscheint allerdings Françoise Gilot selbst. Die Frau, die mit Picasso die Kinder Claude und Paloma hat, startete selbst durch, avancierte zur Malerin mit eigenem Werk – und eigenen Ausstellungen. In Münster sind nun beeindruckende Gemälde von Françoise Gilot zu sehen. Aus typisch weiblichen Motiven wie der Küche oder den Kindern machte sie schon vor Jahrzehnten vital vibrierende Malerei. Das ist mehr als ein Achtungserfolg für die Sache der Frau. Das Picasso-Jahr startet in Münster mit zwei seiner Gefährtinnen. Ab dem 4. Februar 2023 kommt er am gleichen Ort selbst groß zu Wort – mit „Celebrating Picasso“. Wie auch sonst.
Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Fernande und Françoise – Erinnerungen an Picasso. Bis 22. Januar 2023. Di.-So., 10-18 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.