Kolumne Intern Wachsendes Misstrauen wird zur Gefahr für unsere Demokratie
Wissenschaftliche Studien machen deutlich, dass Vertrauen in unserer Gesellschaft zum Luxusgut wird. Was das für Folgen hat, darüber geht es in dieser Kolumne von Chefredakteur Joachim Braun.
Ich erinnere mich noch gut, als ich vor geschätzt 15 Jahren als Lokalreporter in Oberbayern einen Dorf-Bürgermeister beim Lügen erwischt habe. Voller Empörung machte ich das öffentlich, und der Politiker gab zerknirscht eine Entschuldigung ab. Heute regen Lügen von Politikern niemanden mehr auf: Populisten und Autokraten von Putin über Trump bis zur AfD haben Lügen salonfähig gemacht und der Missbrauch sozialer Medien tut sein Übriges.
Zur Person
Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.
Mit fatalen Folgen, denn das Vertrauen in unsere Systeme und Institutionen ist stark gesunken. Eine ganze Generation hat nicht gelernt, wie wichtig Vertrauen ist. Das beste Beispiel ist eine neue Jugendstudie der Universität Bielefeld. Ergebnis: Zwei von fünf Jugendlichen in Deutschland glauben nicht, was ihre Lehrer sagen.
Damit nicht genug: Sie misstrauen auch anderen gesellschaftlichen Institutionen, natürlich der Politik, aber auch uns Journalisten (Lediglich die Polizei kommt auf ganz passable Vertrauenswerte).
Solche Befunde sind alarmierend für unsere Demokratie. Denn der gesellschaftliche Zusammenhalt basiert auf Vertrauen. Wenn das schwindet - und das tut es auch bei Erwachsenen - fehlt der Kitt für unser Zusammenleben. In den neuen Bundesländern, so das Ergebnis einer anderen Studie, vertrauen nur noch 39 Prozent der Menschen auf die Demokratie, deutlich weniger als die Hälfte. In Westdeutschland sind es immerhin noch 59 Prozent, auch kein Wert, der beruhigt.
Was können wir tun? Wenn ich das nur wüsste. Für meinen Berufsstand kann ich nur sagen, wir müssen transparent sein, ehrlich und stets offen mit Fehlern umgehen. Ich bin mir sicher, dass es möglich ist, Vertrauen zurückzugewinnen. Ein Rückschlag waren allerdings zwei Abo-Kündigungen vorige Woche. Beide Ex-Leser behaupteten, wir würden in Sachen Ukraine-Krieg und Corona „Regierungspropaganda“ betreiben und andere Meinungen unterdrücken. Auf meinen begründeten Widerspruch gab es leider keine Antwort.Wie gehen wir mit den Direktkandidaten in Ostfriesland um?
Ist die Stechuhr wirklich besser als das Vertrauen?