Hamburg  Schweinepest: Dicke Schweine sollen bis nach Italien transportiert werden

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 04.10.2022 11:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die letzte Reise geht für Tausende Tiere aus der Schweinepest-Sperrzone bis nach Italien. Am Mittwoch, 5. Oktober, fallen nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest vor einigen Wochen die letzten Beschränkungen. Foto: Lars Klemmer/dpa
Die letzte Reise geht für Tausende Tiere aus der Schweinepest-Sperrzone bis nach Italien. Am Mittwoch, 5. Oktober, fallen nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest vor einigen Wochen die letzten Beschränkungen. Foto: Lars Klemmer/dpa
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Die letzte Reise der Schweine aus der Sperrzone in Niedersachsen wird eine weite sein. Nach dem Aufheben der Schweinepest-Restriktionen in den Landkreisen Emsland und Grafschaft Bentheim sollen die überschweren Tiere bis nach Italien transportiert werden. Lebend.

Um Mitternacht ist es so weit: Die Sperrzone im Emsland und der Grafschaft Bentheim wird nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober aufgehoben. Für rund 300 Bauernhöfe mit gut 200.000 Schweinen endet damit am Mittwoch die Zeit der Restriktionen.

Landwirte aus der Sperrzone rund um den Ausbruchsbetrieb in Emsbüren haben seit Wochen Probleme, die Tiere an Schlachthöfe zu verkaufen. Die eigentlich schlachtreifen Schweine wurden immer dicker und erreichten zuletzt ein Lebendgewicht von deutlich mehr als 150 Kilogramm. Normalerweise gehen die Tiere mit knapp 100 Kilogramm zum Schlachthof. In den Ställen wurde es in der Folge immer enger.

Die sogenannten überschweren Schweine sollen mit dem Wegfall der Restriktionen in der Nacht so schnell wie möglich die Höfe verlassen. Es geht um zig Tausend gesunde Tiere. Sie sind nachweislich nicht an der Schweinepest erkrankt. Im Hintergrund ist in den vergangenen Wochen ein Plan ausgearbeitet worden: Die Schweine sollen auf Transporter geladen und dann lebend bis nach Italien transportiert werden.

Hier hat sich offenbar ein Schlachthof gefunden, der die Tiere verarbeiten will und sich erhofft, mit dem Schinken der Tiere noch ein Geschäft machen zu können. Weniger schwere Schweine sollen indes auch in Deutschland geschlachtet werden. Innerhalb weniger Tage soll nun der Abtransport der dicken Sperrzonen-Schweine gen Süden erfolgen. In die Abwicklung eingebunden ist ein Schlachthof aus Nordrhein-Westfalen.

In Deutschland waren in den zurückliegenden Wochen nur vergleichsweise wenige Tiere aus der Sperrzone geschlachtet worden, was zu dem „Schweinestau“ in den Ställen beigetragen hat. Mittlerweile sind die Schweine aus dem Emsland und der Grafschaft im Zweifel bereits viel zu schwer für die hiesigen Schlachtanlagen.

Bauern beklagten, der sogenannte nachgelagerte Bereich würde sie im Stich lassen. Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) kritisierte am Montag noch einmal: „Wirtschaftliche Überlegungen einzelner Unternehmen haben rasche Lösungen behindert.”

Schlachter und Verarbeiter weigerten sich, das Fleisch der Schweine zu verarbeiten. Die Unternehmen fürchteten offenbar den Verlust von Exportlizenzen sowie den Aufwand bei der Verarbeitung: Teil der nun wegfallenden Auflagen war, das Fleisch bei hohen Temperaturen etwa zu Dosenfleisch verarbeiten zu müssen. Solche Vorgaben gehörten auf den Prüfstand, befand Ministerin Otte-Kinast in einer Mitteilung am Montag.

Sie erklärte zudem, die betroffenen Schweinehalter dürften nicht im Stich gelassen werden. Offenbar bezieht sich die Ministerin dabei aber auf künftige Ausbrüche: Mit einer Fonds- oder Versicherungslösung soll bei kommenden Ausbrüchen der Afrikanischen Schweinepest der wirtschaftliche Schaden abgemildert werden.

Der ist je nach Bauernhof erheblich bis existenzgefährdend. Georg Meiners, Vorsitzender des Bauernverbandes Landvolk im Emsland, sagte zuletzt, der Schaden liege zwischen einem Kleinwagen und einem Einfamilienhaus. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) schätzte den Schaden in Folge des Ausbruchs im Emsland auf rund 15 Millionen Euro - möglicherweise aber auch deutlich höher.

Der Verband forderte Hilfen von Bund und Ländern. Bislang sieht es aber nicht so aus, dass Hilfszahlungen auf den Weg gebracht werden. Branchenkenner gehen davon aus, dass viele Betriebe in der Region aufgeben werden.

Anfang Juli war die Tierseuche auf einem Betrieb in der Gemeinde Emsbüren im südlichen Emsland nachgewiesen worden. Die Schweine auf dem Betrieb wurden getötet, ebenso auf einem sogenannten Kontaktbetrieb, der von dort Schweine bezogen hatte. Offenbar hatte sich die Seuche aber nicht weiterverbreitet. Untersuchungen in der Region verliefen negativ.

Der Erreger ist für Menschen ungefährlich. Eine Infektion verläuft für Schweine indes fast immer tödlich. Die Tiere bekommen hohes Fieber und sterben in der Regel innerhalb weniger Tage nach der Infektion. Einen zugelassenen Impfstoff gibt es nicht.

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