Pflege in Leer  Warum Mercy Nkwonta zweimal zur Hebamme ausgebildet werden musste

Michael Kierstein
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Von Michael Kierstein
| 05.10.2022 10:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mercy Nkwonta erlernte ihren Beruf in Leer ein zweites Mal. Foto: Kierstein
Mercy Nkwonta erlernte ihren Beruf in Leer ein zweites Mal. Foto: Kierstein
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Mercy Nkwonta kam aus Nigeria nach Ostfriesland. In ihrer Heimat war sie Hebamme. Hier musste sie die Ausbildung ein zweites Mal durchlaufen.

Leer - „Am Anfang war das alles deutlich schwieriger. Vor allem die Kommunikation“, erinnert sich Mercy Nkwonta. Vor einigen Jahren kam die 35-Jährige aus Nigeria nach Ostfriesland. Hier musste sie ihren Beruf ein zweites Mal lernen. Heute arbeitet sie in Leer am Borromäus Hospital.

Was und warum

Darum geht es: Eine Nigerianerin hat in Ostfriesland ein zweites Mal ihre Ausbildung gemacht, weil sie in einem reglementierten Beruf arbeitet.

Vor allem interessant für: Alle, die sich für die Pflege interessieren und Mütter, die auf eine Hebamme warten

Deshalb berichten wir: Das IQ-Netzwerk vermittelte den Kontakt zu ihr.

Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de

Sie ist Hebamme, ein Beruf, der überall gesucht wird. In ihrer Heimat absolvierte sie ihre Ausbildung, die sie 2011 abschloss. Danach arbeitete sie ein Jahr lang in einem Geburtshaus und bekam im Jahr 2013 ihre Berufserlaubnis als Hebamme. Nur kurz danach folgte der Umzug nach Emden.

Noch einmal von vorne

„Mein Mann war schon hier. Ich kam nach“, sagt sie. Sie wollte hier weiter als Hebamme arbeiten. Und so begann der lange Weg. Sie meldete sich bei dem IQ-Netzwerk. Dieses kümmert sich um die Anerkennung und Qualifizierungsberatung für die Landkreise und die Stadt Emden. Dabei erfuhr sie, dass sie einen sogenannten „reglementierten Beruf“ erlernt hat. „Das bedeutet, dass wir einmal schauen, was im Ausland gelernt wurde und, was im Vergleich zu einem Abschluss in Deutschland fehlt“, erklärt Ilse Varchmin, Beraterin des IQ-Netzwerks.

Dann gehe es darum, die Teile, die nicht gelernt wurden, nachzuholen. Dafür gebe es zwei Wege: Einen Lehrgang zu besuchen oder direkt die Kenntnisprüfung abzulegen. „Der Lehrgang ist recht aufwendig und dauert 17 Monate“, so Varchmin. Trotzdem entschied sich Mercy Nkwonta dazu, diesen Weg zu gehen. „Das lag auch an der Sprache.“ Denn für einen reglementierten Beruf ist ein gewisses Sprachniveau erforderlich.

Sprachkurs als erster Schritt

Dass die Sprache ein Thema ist, bemerkte die 35-Jährige ohnehin schnell. „Hier kam ich auch mit Englisch nicht so weit. Also habe ich sofort einen Deutschkurs besucht“, sagt sie. Parallel dazu begann sie den Anerkennungslehrgang. Dazu gehörte, dass sie ihre Stelle am Borromäus-Hospital antrat. „Man kann sagen, dass ich in den letzten Jahren eigentlich nie frei hatte“, sagt sie und lacht.

Die Freude ist etwas, was die 35-Jährige auszeichnet. Sie hat immer ein Lächeln im Gesicht. Dadurch hätten sie auch die Kollegen schnell aufgenommen. „Aber die letzten Jahre waren anstrengend. Vieles ist hier anders als in Nigeria“, sagt sie. So seien Hebammen in ihrer Heimat selbstständiger. „Die Geburt an sich ist überall gleich. Aber in Deutschland ist immer ein Arzt dabei. In Nigeria arbeiten Hebammen selbstständiger“, so Nkwonta. Bewerten wolle sie das nicht.

Anders als in Nigeria

„Es ist anders. Nur die Betreuung der Mütter ist hier schöner als in Nigeria“, sagt sie und lächelt. Jeden Tag besuche sie die Mutter und könne sich um sie kümmern. Das sei in Nigeria deutlich seltener der Fall. Sie wolle auch weiterhin am Borromäus arbeiten. „Dafür will ich aber auch noch weiter an der deutschen Sprache arbeiten“, sagt sie. Zwar spricht sie bereits sehr gut deutsch, aber das reicht ihr noch nicht. „Das habe ich bei der Kenntnisprüfung gemerkt. Ich hatte das alles ja schon einmal gelernt und beantwortet. Aber auf Englisch. Dieses Mal war das auf Deutsch“, erinnert sie sich.

Sie sagt aber auch: „Ohne Hilfe hätte ich das nicht geschafft.“ So hat sich beispielweise ihr Mann den Urlaub so gelegt, dass sie die Theoriekurse in Rotenburg besuchen konnte. Ihr Mann kümmerte sich in der Zeit um die Kinder. „Der Lehrgang ist sehr lang. Es gibt Phasen, da stellt man alles in Frage“, sagt sie. Das bestätigt Ilse Varchmin. „Das ist ein harter Ritt für die Menschen.“

Kritik an der Länge

Die Länge der Ausbildung kritisiert Christian Zimmermann, Präsident des Allgemeinen Patienten-Verbands. „Für die Arbeit in sozialen Berufen in Deutschland ist die Kenntnis der deutschen Sprache erforderlich. Allerdings sollte kein fester Zeitrahmen vorgegeben werden, sondern die Zulassung dann erfolgen, sobald für die Berufsausübung hinreichende Deutschkenntnisse erworben wurden und nachgewiesen werden können.“ Für ihn sei es sinnvoll, dass Deutschkenntnisse bereits vor einem Umzug nach Deutschland erworben würden. Dafür gebe es Kurse über die Goethe-Institute oder andere Einrichtungen. „So könnten sie hierzulande rasch eingegliedert werden.“

Mercy Nkwonta hat diesbezüglich den größten Schritt geschafft. „Ich kann nun meinen Traumberuf hier ausüben. Und ich habe wieder mehr Zeit für die Familie“, sagt sie. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern haben sie schon einiges erkundet. „Mein Sohn spielt Fußball und ich schaue da so gerne zu. Wir wollen aber auch mal in einen Freizeitpark“, sagt sie. Sie freut sich aber auch, nun als Hebamme arbeiten zu können. „Ich hatte anfangs Bedenken wegen meiner Hautfarbe. Aber die Kollegen und Patienten sind so nett und haben mich sofort akzeptiert“, so die 35-Jährige.

Für das kommende Jahr hat sie auch schon Pläne. „Ich möchte mit meinen Kindern Nigeria besuchen. Da war ich so lange nicht mehr. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr“, sagt sie. Am Borromäus konnte durch den Einsatz der 35-Jährigen eine Stelle besetzt werden. Hebammen werden im Kreis händeringend gesucht. Das verdeutlicht schon, dass der Kreis ein Stipendium aufgelegt hat. Wer eine Ausbildung zur Hebamme anfangen möchte, kann sich auf die Förderungen bewerben. Voraussetzung ist, dass die Bewerber sich dazu verpflichten, später im Landkreis Leer zu arbeiten. Der Landkreis zahlt in den ersten drei Jahren der Ausbildung jeweils 200 Euro im Monat und ab dem vierten Jahr 300 Euro monatlich. Bewerbungen können jeweils bis zum 15. November eingereicht werden. Weitere Informationen zu beiden Programmen sowie Details zu den Bewerbungen gibt es auf der Internetseite des Landkreises.

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