Schleswig-Holstein  So denken Iranerinnen in Norddeutschland über die Sittenpolizei und die Proteste im Iran

Inga Gercke
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Von Inga Gercke
| 06.10.2022 11:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die junge Iranerin Mahsa Amini ist zur Symbolfigur der anhaltenden Proteste geworden. Foto: www.imago-images/ F. Kern
Die junge Iranerin Mahsa Amini ist zur Symbolfigur der anhaltenden Proteste geworden. Foto: www.imago-images/ F. Kern
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Jasmin und Ava Ahmadi sind 2012 vor dem Mullah-Regime aus dem Iran geflohen. Auch sie wurden von der Sittenpolizei verhaftet und als Demonstranten eingesperrt. Dieses Mal seien die Proteste aber anders.

Seit den Protesten im Iran hat sich das Leben von Jasmin (36) und Ava (40) Ahmadi verändert. „Wir wollten uns nie wieder damit beschäftigen, aber momentan dreht sich alles um die Demonstrationen und um die Frauen dort – um diese wirklich mutigen Frauen dort“, sagt Jasmin, die in der Nähe von Kiel als Übersetzerin arbeitet. „Wir waren damals vielleicht nicht mutig genug gewesen.”

Damals, damit meint sie den Sommer 2009. Nach der Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadineschād forderten Millionen Demonstranten Neuwahlen. Die Proteste wurden blutig niedergeschlagen.

2012 flüchteten die Schwestern vor dem Mullah-Regime nach Deutschland. Auch sie hatten sich öffentlich gegen die Regierung gestellt. „Aber jetzt sind die Proteste anders. Frauen und Männer gehen zu jeder Tageszeit auf die Straße, und sie sind auch nicht mehr nur an einem Ort”, sagen die beiden Frauen, die nicht müde werden, den Mut der Iraner zu betonen. Auslöser der mittlerweile weltweiten Proteste war der Tod von Mahsa Amini. Die 22-Jährige wurde wegen ihres „unislamischen Outfits“ von der Sittenpolizei verhaftet, fiel danach ins Koma und starb.

Jasmin und Ava Ahmadi sind nicht ihre richtigen Namen, die beiden wollen anonym bleiben. „Auch hier hat das Regime Anhänger und Spitzel. Die verkaufen Bilder und Informationen an die Regierung im Iran.” Woher ihre Angst kommt, dazu später mehr.

Trotzdem stimmen beide einem Gespräch mit der Presse zu. Für sie gibt es momentan nichts Wichtigeres, als über die Proteste und die Gründe für die brutalen Straßenkämpfe in ihrer Heimat zu sprechen. „Es ist so wichtig, dass alle erfahren, was da gerade passiert“, sagt sie.

Denn es gehe nicht nur um verbrannte Kopftücher oder abgeschnittene Haare. „Auf diesen Straßen wird gerade die Freiheit der Frauen in allen islamischen Ländern erkämpf. Solange es den Kopftuchzwang gibt, werden Frauen klein gehalten. Und solange Frauen klein gehalten werden, können die Männer dort tun und lassen, was sie wollen.” 

Während die Schwestern über die Proteste, das Mullah-Regime, die mutigen Frauen und ihre Motivation sprechen, sind ihre Stimmen stark, ihre Worte klar: „Wer jetzt wegschaut, der macht sich mitschuldig. “

Als Jasmin Ahmadi aber anfängt, über ihre Vergangenheit im Iran zu sprechen, wird ihre Stimme leiser. Sie erzählt von ihrem Leben in Teheran und ihrem Tourismusstudium in der Stadt Isfahan. Und sie erzählt von dem Tag vor 13 Jahren, an dem sie während einer Demonstration gegen das Mullah-Regime von der Polizei verhaftet wurde.

Was genau nach ihrer Festnahme passiert ist, darüber will sie nicht sprechen. Nur so viel: „Sie waren gewalttätig, und es gab sexuelle Belästigungen gegenüber einigen eingesperrten Demonstranten”, sagt die 36-Jährige. „Sie sperrten mich in einen Raum, nach einigen Stunden konnte ich gehen. Danach war ich eine Studentin mit Stern“, sagt sie. Dieser Stern ist ein Erkennungszeichen für Menschen, die sich offen gegen das Mullah-Regime stellen.

Nach ihrem Hochschulabschluss war es für Jasmin Ahmadi schwierig, einen Job zu finden. Sie arbeitete privat als Sekretärin. „Aber eine Sekretärin im Iran ist nicht wie eine Sekretärin hier”, sagt sie. „Als Sekretärin im Iran ist man zu 90 Prozent die Affäre des Chefs. Das kann sich hier keiner vorstellen.“

Ihre ältere Schwester hat Architektur in Teheran studiert. Sie war verheiratet und hielt sich an die Kleiderordnung. Trotzdem wurde sie von der Sittenpolizei verhaftet. Der Grund: Ihre Weste hatte nicht die gleiche Farbe wie ihr Pullover. „Das reichte schon, um mich mit aufs Revier zu nehmen. Dort wurde ich fotografiert und registriert wie eine Verbrecherin. Einfach so, weil ihnen danach war”, sagt die 40-Jährige.

Die Sittenpolizisten seien oft zu dritt unterwegs. „Meist sind es zwei Frauen und ein Mann”, sagt Jasmin Ahmadi. Die Frauen seien da, weil nur Frauen andere Frauen anfassen dürften. „Die ziehe einen dann in ihren Bus. Meist stehe der Kontroll-Trupp an belebten Straßen oder vor Einkaufszentren. Man kann ihnen nicht wirklich aus dem Weg gehen”, ergänzt ihre ältere Schwester. „Man fragt sich morgens nicht, was ich anziehen will, sondern was ich anziehen muss, damit ich nicht verhaftet werde. Es ist wirklich nicht einfach, eine Frau im Iran zu sein.” Nach der Verhaftung folgt eine Registrierung auf dem Revier. „Danach kann man zwar gehen, aber die wissen dann über dich Bescheid“, sagt sie. Die Schwestern sind sich einig: „Solange die Mullahs dort an der Macht sind, werden wir nie wieder dorthin gehen.“

Die Proteste beschäftigen die beiden Frauen rund um die Uhr. Jede freie Minute teilen sie Informationen über die sozialen Medien. Aber es ist nicht leicht, Foto- oder Videomaterial von den Protesten zu bekommen, da die Regierung das Internet massiv eingeschränkt hat. Der Kontakt zu Freunden im Iran ist schwierig: „Einige erreichen wir über WhatsApp, Anrufen gehen fast gar nicht.“ Hinzu komme, dass viele Demonstranten ihre Handys bei den Protesten nicht dabei hätten, damit sie nicht geortet werden können.

Die größte Befürchtung der beiden Frauen ist, dass die Proteste abflauen. „Es ist gerade jetzt so wichtig, weiter zu machen”, sagt sie. So zeige man den Demonstranten vor Ort, dass sie nicht alleine sind. „Und die bekommen auch mit, dass es mittlerweile weltweit Protest gibt. Das stärkt sie. Und man zeigt der Regierung, dass man sie genau beobachtet. Man zeigt der Regierung, dass man genau hinschaut, was dort gemacht wird.”

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