Osnabrück  Robert Habeck kritisiert „Mondpreise“ für Gas – hat er recht?

Nina Kallmeier, Mark Otten
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Von Nina Kallmeier, Mark Otten
| 06.10.2022 18:21 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte zuletzt „Mondpreise“ kritisiert, die die USA und andere derzeit für ihr Gas verlangen würden. Verbraucher wie Wirtschaft klagen über die hohen Gaspreise in Deutschland. Foto: dpa
Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte zuletzt „Mondpreise“ kritisiert, die die USA und andere derzeit für ihr Gas verlangen würden. Verbraucher wie Wirtschaft klagen über die hohen Gaspreise in Deutschland. Foto: dpa
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Wirtschaftsminister Robert Habeck wirft unter anderem den USA vor, „Mondpreise“ für Energielieferungen zu verlangen. Ist das so? Und woher bekommt Deutschland aktuell sein Gas? Eine Analyse.

Seit Beginn des Ukraine-Krieges steigen die Energiepreise in Deutschland dynamisch an. In einem Interview mit unserer Redaktion sagte Robert Habeck (Grüne): „Einige Länder, auch befreundete, erzielen teils Mondpreise. Das bringt natürlich Probleme mit sich, über die wir sprechen müssen.“ Besonders im Visier hat Habeck die USA: „Die USA haben sich an uns gewandt, als die Ölpreise hochgeschossen sind, daraufhin wurden auch in Europa die nationalen Ölreserven angezapft. Ich denke, eine solche Solidarität wäre auch zur Dämpfung der Gaspreise gut”, appellierte der Wirtschaftsminister an Washington.

Das kommt darauf an, es gibt nicht „den einen“ Preis. Am Großhandelsmarkt wird Gas sowohl langfristig (Terminhandel) als auch kurzfristig (Spotmarkt) gehandelt. Die Grafik der Bundesnetzagentur zeigt den Verlauf der Preisentwicklung seit Anfang Februar sowohl für Mengen, die für den Folgetag verkauft werden (Day-Ahead) als auch für den kommenden Monat (Future M+1). Dargestellt sind die Preise für das deutsche Marktgebiet. Die Daten werden der Bundesnetzagentur von der European Energy Exchange AG (EEX) zur Verfügung gestellt.

Dass die Preise in den vergangenen Wochen und Monaten so stark gestiegen sind, hat unter anderem mit Knappheitssignalen – Russland hatte auch vor den Lecks in Nord Stream 1 und 2 den Gasfluss durch Nord Stream 1 bereits stark gedrosselt – und Unsicherheiten am Markt zu tun.

Dass sich in Handelsmärkten Verkaufspreis und Produktionskosten stark entkoppeln, ist dem Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) zufolge nicht ungewöhnlich. Zum Beispiel habe während der Corona-Pandemie im Jahr 2020 diese Entkopplung in die andere Richtung stattgefunden. Zu dieser Zeit waren die Preise stark gefallen.

Die Preisbildung erfolgt vor allem nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und bei starker Nachfrage nach einem knappen Produkt – wie derzeit Gas – steigen die Preise besonders schnell. Insgesamt könne man davon ausgehen, dass alle Produzenten, die nach Deutschland exportieren, zu Marktpreisbedingungen verkaufen, so der BVEG.

Die Beschaffungskosten am Großhandelsmarkt sind nur ein Faktor von mehreren, die den Gaspreis für Privathaushalte bestimmen. Hinzu kommen im Wesentlichen die Entgelte für die Netznutzung, die regional unterschiedlich sind, sowie Steuern und Abgaben. Je nach Datenquelle und dem zugrunde gelegten Verbrauch fällt der Anteil dieser drei Faktoren etwas unterschiedlich aus. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat zuletzt für September 2022 eine Gaspreisanalyse angefertigt. Ein Beispiel: Bei einem durchschnittlichen Erdgaspreis von 15,29 Cent pro Kilowattstunde (Ein-Familien-Haushalt; Jahresverbrauch: 20.000 Kilowattstunden), machen Beschaffung und Vertrieb 10,06 Cent aus, 1,66 Cent entfallen auf Netzentgelte, 2,44 Cent sind Mehrwertsteuer. Hinzu kommen noch Erdgassteuer und CO2-Preis.

Deutschland hat in den vergangenen Monaten massiv Gas eingekauft, um die heimischen Speicher mit Gas zu füllen, das nicht aus Russland kommt. Die Grafik der Bundesnetzagentur zeigt: Am 4. Oktober waren sie zu 92,75 Prozent gefüllt:

Um einen solch hohen Füllstand zu erreichen, wurden jedoch hohe Preise bezahlt. Deutschland hat – aus der Not heraus – die hohen Preise des Marktes damit bestätigt.

Die Bundesnetzagentur veröffentlicht eine Übersicht des Gasmixes für Deutschland. Demnach bezieht die Bundesrepublik zurzeit Gas vor allem aus Norwegen. 1340 Gigawattstunden waren es zuletzt am 29. September. Es folgen die Niederlande (881 Gigawattstunden) und Belgien (826 Gigawattstunden). Importe aus der Schweiz (180 Gigawattstunden) sind in den vergangenen Wochen stark gestiegen. Aus Russland bezieht Deutschland den Angaben zufolge kein Gas mehr.

Die inländische Produktion geht seit Jahren zurück. Im vergangenen Jahr wurden rund 5,2 Milliarden Kubikmeter Gas in Deutschland gefördert – 97 Prozent davon in Niedersachsen. Diese Menge deckt etwa fünf Prozent des Bedarfs hierzulande. Im Gegensatz zum Öl gib es keine nationalen Gasreserven - also eine bestimmte Menge, die bevorratet werden muss, gegebenenfalls ausfallende Importe auszugleichen. Wie viel Erdgas Gigawattstunden Erdgas bislang in Deutschland gefördert wurden, zeigt diese Grafik: 

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will unter anderem die Verhandlungen mit vertrauenswürdigen Partnern wie Norwegen für weitere Gasimporte ausbauen. Dabei müsse man sich auf einen Preiskorridor einigen, damit es keine „verrückten Spitzen“ der Preise mehr gebe. Zudem müssten gemeinsame Einkäufe der EU-Staaten gestärkt werden, damit diese sich nicht gegenseitig überböten und die Preise hochtrieben, sagte von der Leyen. Auch Habeck hatte sich für gebündelte EU-Einkäufe ausgesprochen. 

Ursula von der Leyen hat sich offen für einen grundsätzlichen Preisdeckel auf Gas gezeigt. Ein Sprecher der EU-Kommission präzisierte später, dass es um einen Maximalpreis für in der EU gehandeltes Gas gehe, bezogen auf den Großhandel. Details des Vorschlags würden noch ausgearbeitet.

Mehr als die Hälfte der EU-Staaten hatte zuletzt gefordert, den Gaspreis sowohl am europäischen Großhandel zu deckeln als auch den Preis für Importe. Deutschland und andere Staaten sind jedoch skeptisch und argumentieren, dass dadurch womöglich nicht mehr ausreichend Gas in die EU geliefert werden würde.

Ökonomen warnen, dass Gaspreisdeckel grundsätzlich zu einem höheren Gasverbrauch führen würden, was die Gasknappheit verstärken dürfte. Um das zu vermeiden, kündigte von der Leyen an, einen Gaspreisdeckel im ersten Schritt nur für jenes Gas vorzuschlagen, das zur Stromerzeugung genutzt wird. Ähnliches haben etwa Spanien und Portugal bei sich bereits eingeführt.

Nach den Zahlen der Bundesnetzagentur lag der Gasverbrauch der privaten Haushalte und kleineren Gewerbekunden in der 39. Kalenderwoche mit 618 Gigawattstunden trotz aller Appelle rund zehn Prozent über dem durchschnittlichen Verbrauchsniveau der Jahre 2018 bis 2021. Auch der Verbrauch der Industriekunden lag laut Bundesnetzagentur in der vergangenen Woche mit 1370 Gigawattstunden nur noch rund zwei Prozent unter dem Niveau der Vorjahre.

(Mit Material von dpa.)

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