Hannover  Beim Dank an seine Familie kommen Bernd Althusmann die Tränen

Lars Laue
|
Von Lars Laue
| 09.10.2022 20:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bernd Althusmann, CDU-Spitzenkandidat, küsst nach Bekanntgabe erster Prognosen zur Landtagswahl in Niedersachsen in den Fraktionsräumen der CDU im niedersächsischen Landtag seine Frau Iris Althusmann. Foto: Sina Schuldt/dpa
Bernd Althusmann, CDU-Spitzenkandidat, küsst nach Bekanntgabe erster Prognosen zur Landtagswahl in Niedersachsen in den Fraktionsräumen der CDU im niedersächsischen Landtag seine Frau Iris Althusmann. Foto: Sina Schuldt/dpa
Artikel teilen:

Bernd Althusmann, Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl 2022 in Niedersachsen, ist ein Mann wie ein Baum. Doch als er nach der Wahlschlappe Dankesworte an eine Familie richtet, zittert auch einem Politprofi wie ihm die Stimme.

So hatte sich Bernd Althusmann den Wahlabend nicht vorgestellt. Seine jüngste Tochter Tilda ist am Sonntag zwölf Jahre alt geworden. Hatte er morgens noch allen Grund zu feiern, war die Stimmung abends nach der ersten Hochrechnung dort, wo auch das Ergebnis der CDU bei der Landtagswahl in Niedersachsen lag: im Keller.

Während Tilman Kuban, Bundesvorsitzender der Jungen Union (JU), vor laufenden Kameras wortreich versucht, das wohl schlechteste CDU-Ergebnis in Niedersachsen seit 1955 zu erklären, gibt ein Kollege dem ZDF-Moderator mit dem Mikro in der Hand nach exakt einer Minute ein klares Signal, indem er mit der flachen Hand vor dem Hals hin- und herfährt: Aus, vorbei, die Zeit ist um und abgelaufen.

Das dürfte in gewisser Weise auch für den CDU-Spitzenkandidaten Althusmann gelten. Es war nach seinem ersten Anlauf im Jahr 2017 bereits sein zweiter und damit wohl auch letzter Versuch, Ministerpräsident Stephan Weil von der SPD aus dem Amt zu befördern und seinen Platz als Regierungschef einzunehmen.

Mit deutlich weniger als 30 Prozent und einem Verlust von mehr als sechs Prozent gegenüber der Landtagswahl 2017 ist die CDU wohl raus aus der Regierung. SPD und CDU hatten 2017 eine Große Koalition gebildet und pragmatisch Politik fürs Land gemacht. Eine Liebesheirat war die Groko nie. Weil hatte schon früh deutlich gemacht, lieber wieder wie vor 2017 mit den Grünen regieren zu wollen. Für die CDU war eine Groko-Fortsetzung vorstellbar, aber nur unter Führung der CDU.

So fest wie die Bühne im Saal der CDU-Fraktion steht auch, dass daraus nichts wird. Apropos Bühne: Sie wurde eigens aufgebaut, damit Althusmann sich auf dem „Siegertreppchen“ von seinen Parteifreunden und Fraktionskollegen feiern lassen kann. Neben Kuban sind auch der frühere niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann, Justizministerin Barbara Havliza, Fraktionschef Dirk Toepffer und viele andere im Sitzungsraum 117.

Doch wo ist eigentlich Bernd Althusmann, der um 18.30 Uhr hier sein sollte? Um 18.39 betritt der Wahlverlierer den Raum, begleitet von seiner Frau und seinen Kindern. Der Applaus fällt nüchtern verhalten aus, Althusmann nennt ihn „freundlich“ und redet nicht lange um den heißen Brei herum: „Wir haben das Wahlziel, stärkste Kraft zu werden, nicht erreicht. Die Wählerinnen und Wähler haben den Regierungsauftrag klar der SPD erteilt“, sagt er, gratuliert dem Wahlsieger SPD und wünscht Weil „viel Erfolg“.

Eigentlich sollten auch seine Frau und seine fünf Kinder, die am Sonntag extra nach Hannover gekommen sind, mit auf die Bühne, um den Ehemann, Vater und Stiefvater zu feiern. Doch die Familie blieb dann doch lieber unten.

Zum Schluss seines kurzen Statements im Fraktionssaal folgt der wohl emotionalste Moment des Abends: Althusmann - beinahe 1,90 Meter groß und als früherer Handballer nicht gerade zierlich gebaut - dankt mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen seiner Familie und seiner Frau Iris für deren Unterstützung. Beim Rausgehen ein Kuss für seine Frau, die ihn liebevoll umarmt und fest drückt.

Dann geht‘s weiter in die Halle des Landtages, wo die Presse schon auf Statements wartet. Auch hier spricht Althusmann Klartext, übernimmt die Verantwortung für das Wahldesaster und will sein Amt als CDU-Landesvorsitzender kurzfristig zur Verfügung stellen und Neuwahlen veranlassen.

Nach den Herbstferien soll nach dem Willen Althusmanns ein neuer Landesvorsitzender oder eine neue Landesvorsitzende gewählt werden. Er, der den Wahlabend „bitter für die CDU in Niedersachsen“ nennt, stehe nicht mehr zur Verfügung. Den Vorsitz der Niedersachsen-CDU hatte Althusmann Ende 2016 von David McAllister übernommen.

Obwohl sich in Umfragen bereits Wochen vor der Wahl abgezeichnet hatte, dass die CDU hinter der SPD landen würde, gab Althusmann sich bis zuletzt kämpferisch. Im einem der letzten Interviews vor der Wahl, das der Spitzenkandidat unserer Redaktion gab, wollte der 55-Jährige von der Möglichkeit einer Wahlniederlage nichts wissen und sagte: „Darüber denke ich keine Sekunde nach. Ich kämpfe dafür, dass die CDU stärkste Kraft wird. Deshalb verschwende ich keine Zeit darauf, an eine Niederlage zu denken, sonst wäre ich nicht mehr voll bei der Sache.“

Wie die politische Zukunft des Ex-Bundeswehroffiziers Althusmann, studierter Pädagoge und Betriebswirt aussieht, ist unklar. Im Interview kündigte er an, dass er „auf jeden Fall“ in der Politik bleiben werde: „Ich bewerbe mich sowohl um das Amt des Regierungschefs als auch um ein Landtagsmandat. Insofern können Sie davon ausgehen, dass ich in den nächsten Jahren weiterhin mit großer Leidenschaft Landespolitik gestalten werde.“ Wie es aussieht, künftig wohl von der Oppositionsbank aus.

Ähnliche Artikel