Frankfurt Penis als Waffe: War das der übelste „Tatort“ des Jahres?
Heißer Anwärter auf den wirrsten „Tatort“ des Jahres 2022: Das Drehbuch des Frankfurter Krimis „Leben Tod Ekstase“ ist psychedelischer als die tödlichen Drogen-Trips der Geschichte.
Sechs Leichen liegen in einer Frankfurter Villa: Sie sind das grauenhafte Resultat eines schiefgegangenen Psycholyse-Seminars. Das ist eine kassenärztlich ganz und gar nicht anerkannte Therapieform auf LSD-Basis. Einziger Überlebender ist laut Drehbuch der Therapeut. Der „Tatort: Leben Tod Ekstase“ weckt allerdings den Verdacht, dass auch der Regisseur den Trip heimlich mitgemacht hat.
Die Horrorvisionen der Opfer sind nämlich nichts – verglichen mit seinem eigenen Krimi-Finale. So viel darf man andeuten: Kommissar Brix (Wolfram Koch) tötet den Täter in letzter Minute mit dem Geschlechtsteil eines Meeressäugers. Es folgt einer der spektakulärsten Monologe der „Tatort“-Geschichte: „Der Penis eines Blauwals gilt als der größte der Welt“, heißt es da. „Der Wal-Penis und Sie haben eine große Heldenreise erlebt.“ Wir dann wohl auch.
Kriminelle Psycholose-Seminare gibt es wirklich: 2009 starben in Berlin zwei Teilnehmer an einer Überdosis. 2015 wurden 27 Menschen bei einem Selbstversuch im niedersächsischen Handeloh verletzt. Das Wahnverhalten der „Tatort“-Figuren – einer hält sich für einen Drachen, einer kastriert sich selbst – ist jetzt direkt vom norddeutschen Fall übernommen.
Die dokumentierten Fälle interessieren den Regisseur und Co-Autor Nikias Chryssos allerdings nur als Vorwand für einen filmischen Höllenritt: Der „Tatort“ zitiert nicht nur Rilke, sondern auch jeden einzelnen Schwarzenegger-Film; die Kamera steht ständig schief, die Bilder sind in Kunstlicht getaucht und den irren Therapeuten spielt ausgerechnet Martin Wuttke. Ein Mann also, der als „Tatort“-Kommissar bis vor Kurzem noch unser volles Vertrauen genoss. Diesmal ruft er nicht seine kriminalistischen Sympathiewerte ab, sondern den ungebremsten Wahnsinn des Volksbühnenstars.
Das Programm ist ambitioniert, die Umsetzung vollkommen ungenießbar. Dabei kann der Regisseur was: Klaustrophobische Sektengemeinschaften, surreale Szenerien, dysfunktionale Beziehungen – aus diesen Zutaten hat er in preisgekrönten Werken wie „Der Bunker“ und „A Pure Place“ eine absurde Parallelwelt geschaffen. In der wurschtigen TV-Ästhetik bleibt vom Entsetzen der Kinofilme aber nichts übrig. In dieser Gaga-Welt ist einem jeder Tote noch gleichgültiger als der vorangegangene. Schade. Den Stoff beherrscht Chryssos. An der Umsetzung in öffentlich-rechtliche Unterhaltung muss er dringend arbeiten.
Wertung: Einer von sechs Sternen.
Sendetermin: „Tatort: Leben Tod Ekstase“. Das Erste, Sonntag, 16. Oktober 2022, 20.15 Uhr.