Flensburg  Nach 100 Tagen Krieg: Müdigkeit im Westen spielt Putin in die Hände

Thomas Schmoll
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Von Thomas Schmoll
| 11.10.2022 09:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Coronavirus - Russland Foto: XinHua
Coronavirus - Russland Foto: XinHua
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Das Blutvergießen in Osteuropa wird noch Monate dauern. Nach 100 Tagen zeichnet sich im Westen Kriegsmüdigkeit ab. Das kommt Putin zupass. Denn je länger der Krieg dauert, desto besser ist es für ihn. Eine Spaltung des Westens wäre daher fatal.

Die russische Armee und ihr Kriegsherr Wladimir Putin haben sich bekanntermaßen dilettantisch angestellt in den ersten Kriegswochen. Von irgendeinem militärischen Konzept konnte nicht ansatzweise die Rede sein. Russland verlor Unmengen an Panzern und anderem Militärgerät, zigtausend Soldaten starben. Putin ist das egal, er ist ein Schlächter ohne jedes Mitleid, wie es alle Diktatoren sind. Ihn interessieren das Leid von Millionen Menschen und die Zerstörung ganzer Städte nicht. Er will die Ukraine erobern, koste es, was es wolle.

Auch die Dauer des Krieges spielt für Putin keine Rolle, solange ihm das Schlachten nützt. Und leider gilt: Je länger der Krieg dauert, umso besser ist es für ihn.

Die gleichgeschalteten Staatsmedien hat der Tyrann voll im Griff. Sie werden nicht fragen, was er eigentlich mit völlig zerbombten Städten will, in denen Ukrainer „wohnen“, die alle Russen hassen. Eine Waffenruhe ist nicht in Putins Interesse, sie würde nur seine Macht gefährden. Wenn er an einem Frieden interessiert wäre, hätte er den Krieg nie begonnen. 

Auch wenn es hierzulande immer noch nicht alle verstanden haben: Putins bevorzugtes Mittel der Politik ist der Krieg, das Töten von Menschen, die ihm im Wege sind. Er wird immer weiter schießen lassen sowie Lügen in die Welt setzen, um eine Fortsetzung des Blutvergießens zu begründen. Er weiß: Die traurigen Bilder, die dabei produziert werden, landen nicht im russischen Staatsfernsehen, sondern der westlichen freien Welt. Und die gehen ans Gemüt. Tag für Tag Filme und Fotos von Trümmerlandschaften, weinende Menschen auf der Flucht und in Kellern zu sehen, greift die Seele all derer an, die eine haben. Das macht kriegsmüde.

Filmbeiträge, wie dieser sind wichtig, schlagen aber auch aufs Gemüt:

Die ersten 100 Tage des Kriegs haben im Westen zu einer Stimmung geführt, wie sie hierzulande bekannt geworden ist durch den öffentlichen Appell der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer und ihrer Mitstreiter, der Ukraine keine Waffen mehr zu liefern, damit Frieden herrscht. Ein schöner und nachvollziehbarer Traum fernab der Realität, weil Putin jede Schwäche der ukrainischen Armee mangels Ausrüstung nutzen würde, das ganze Land zu erobern. Die Gefahr eines Atomkriegs wäre damit nicht gebannt, weil Putin (oder ein Nachfolger) im Anschluss das Baltikum ins Visier nehmen würde.

Was sich in Deutschland im Kleinen abspielt, erlebt der Westen im Großen. Die große Einheit der demokratischen Welt als Antwort auf den russischen Eroberungskrieg ist schon länger am Bröckeln – auch das ein Werk Putins, der es geschafft hat, einzelne Länder wie Ungarn und die Türkei aus den jeweiligen Allianzen herauszubrechen, indem er ihre autokratischen Sauereien stets duldete und befürwortete. Allein aus innenpolitischem Kalkül verhindert der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Aufnahme Schwedens und Finnlands in die Nato.

Ungarn trägt Verantwortung dafür, dass sich die Europäische Union nicht auf ein vollständiges Öl-Embargo gegen Russland einigen konnte. Betroffen sind ausschließlich Öllieferungen von Tankern. Über Pipelines kann der Rohstoff weiter fließen. Der Schritt wird wirken, aber durch die Ausnahmen nicht in dem Umfang, wie es sein könnte und nötig wäre, die Kriegskasse des Moskauer Despoten schwer zu treffen.

US-Präsident Joe Biden hatte bei seinem Besuch in Warschau den Westen beschworen, „einen langen Atem zu haben. Wir müssen geeint bleiben – heute, morgen, übermorgen und in den kommenden Jahren und Jahrzehnten.“ Allerdings schwante ihm, dass es nicht einfach und vor allem auch teuer sein wird. „Das ist ein Preis, den wir zahlen müssen.“ 

Schauen wir mal. Putin wird alles unternehmen, diesen Preis in die Höhe zu treiben. Siehe sein vergiftetes Angebot zur Vermeidung einer drohenden Nahrungsmittelkrise auf der Welt. Russland lässt Getreide- und Düngerlieferungen zu, wenn der Westen die Sanktionen gegen sein Land aufhebt, was natürlich nicht geschehen wird. Ginge der Westen darauf ein, würde er als schwach gelten. Putin könnte sich als Retter vor globalen Hungersnöten aufspielen, quasi als Humanist, der er garantiert nicht ist.

Dem Kriegsherrn im Kreml sind die Bilder von ausgemergelten Kindern, dem Tode nah, nur recht, weil sie den emotionalen Druck erhöhen, Russland nachzugeben und die Ukraine im Stich zu lassen. Gegen Flüchtlingsströme als Folge einer Hungerkatastrophe wird Putin auch nichts haben. Sie destabilisieren den Westen – denn nach Russland werden die Menschen nicht ziehen.

Der Streit über die Waffenlieferungen und Unklarheiten, welches Ziel der Westen mit seiner Ukraine-Russland-Politik eigentlich verfolgt, helfen ebenfalls Putin. Erhält die ukrainische Armee Panzer und andere Ausrüstung zu spät, werden die Russen Gebiete eingenommen haben, die sie nicht wieder rausgeben. Und die Nato-Staaten werden die Ukraine kaum weiter unterstützen, damit sie die Krim und den Donbass zurückerobern. Der Westen müsste es tun, um Russland klar zu machen, dass kein Aggressor einem anderen Staat Territorium rauben darf. Aber ob er den Streit aushält, muss man bezweifeln.

Der Krieg wird noch Wochen und Monate dauern, der nächste Winter kommt garantiert. Schauen wir dann, ob wir genug Gas und die Preise an Tankstellen und für Heizöl einigermaßen im Griff haben. Manch Politiker, der eine Wahl vor sich hat, wird das bei Entscheidungen berücksichtigen. Kriegsmüdigkeit zeichnet sich schon jetzt ab – aber eben nur im Westen. Ein Brutalo wie Putin wird weiter machen und Menschen sterben lassen. Lässt der Westen die Ukraine hängen, verrät er seine Werte. Dann wird die Welt eine andere sein.

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