AfD-Professor  Müssen Studierende in Emden von einem Regimegegner lernen?

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 12.10.2022 19:14 Uhr | 3 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Kirchengemeinden bezeichnet ein Emder Professor und Regimegegner als „nützliche Idioten für die Linken auf dem Weg zu ihrem Stinke-Sozialismus“. Inwieweit können Studierende diesem Prof ausweichen?

Emden - „Emder Bürger fragen die Hochschule Emden-Leer, wie es verhindert werden kann, dass Studenten gegen ihren Willen durch Professor Osbild geprüft werden.“ Das schrieben ehemalige Professoren und Lehrer auf einem Flugblatt, das sie am Donnerstag tausendfach auf dem Emder Campus verteilt haben.

„Studenten des Fachbereichs Wirtschaft, die dem Prüfer Professor Osbild nicht ausweichen können, sehen sich gewzungenermaßen einem Dozenten gegenüber, dessen politische Ansichten, religiöse Obsessionen, Vorurteile ihnen gefährlich werden könnten“, heißt es in dem Flugblatt weiter. „Wer von ihnen etwa gendert oder eine sogenannte linke Position zu erkennen gibt, muss sich einem Prüfer stellen, der Gender Speech als Indoktrination verurteilt, die Justiz als Klassenjustiz verunglimpft, die Wissenschaft ,in Teilen bereits‘ als ,Büttel des es Staates‘ abqualifiziert und die ,ganzen Linksparteien‘ als ,Rothäute’ verächtlich macht.“

Professor Osbild outet sich im Internet als „Regimegegner“

Solche Aussagen tätigt Osbild auf seiner Internetseite www.regimegegner.de. Dort stellt er sich als AfD-Mitglied vor, das an der Hochschule Emden-Leer Volkswirtschaftslehre unterrichtet. Eine Rubrik heißt „Volkswirtschaftlehre & Politik“.

Aufgrund seiner Behauptungen auf der Internetseite hat unsere Zeitung am Mittwoch unter anderem folgende Fragen an ihn gerichtet: „Warum präsentieren Sie sich als Hochschul-Professor als ,Regimegegner’ im Internet? Halten Sie die Staatssysteme beziehungsweise die politischen Systeme in Deutschland, Weißrussland und Russland für vergleichbar – oder welcher dieser Staaten ist aus Ihrer Sicht am demokratischsten gestaltet und warum? In welchen Teilen ist die chinesische Gesellschaft freier gewesen, als Sie dort waren, als die bundesdeutsche Gesellschaft heute? Worauf gründen Sie Ihre Aussage, dass – wohl auf die Corona-Pandemie bezogen – mit ,Placebos’ geimpft werde?“ Bis Dienstagmittag hat der Professor auf diese Presseanfrage, die an seine Hochschul-Mailadresse und an seine Regimegegner-Kontaktadresse ging, nicht reagiert.

Osbild stellte Geflüchtete als Teil eines „satanischen Generalangriffs“ dar

Osbild hatte sich als AfD-Professor ins öffentliche Bewusstsein gerückt, indem er juristisch gegen Aussagen einer syrischen Ex-Studentin vorging, die Diskriminierungserfahrungen mit ihm geschildert hatte. In Interviews. Denn die frühere Emder Studentin Bjeen Alhassan ist von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Nationalen Integrationspreis ausgezeichnet worden. Später verlieh ihr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Bekannt geworden ist sie mit einer Lernplattform auf Facebook, mit der sie geflüchtete Frauen auf ihrem Berufsweg unterstützt.

Osbild, der Alhassan bei ihrer Abschlussarbeit in Emden als Professor begleitete, ist für seine Flüchtlingsfeindlichkeit bekannt. In einem Vortrag, der auf dem Videoportal Youtube im Internet verbreitet wurde, stellte er Geflüchtete als Teil eines „satanischen Generalangriffs“ dar. Auf seiner Regimegegner-Seite behauptet er, dass Merkels Bundesregierungen einen „satanischen Generalangriff auf die Grundfesten unserers Gemeinwesens gestartet“ hätten. Kirchengemeinden bezeichnet er als „natürliche Idioten für die Linken auf ihrem Weg zu ihrem Stinke-Sozialismus, den sie dem Land überstülpen wollen“.

Osbild im Pflichtprogramm des Sozial- und Gesundheitsmanagements?

Sind Studierende der Hochschule Emden-Leer gezwungen, die Angebote dieses Professors zu nutzen? Die Hochschule teilte nach der Flugblatt-Aktion mit: „Alle Pflichtveranstaltungen können auch bei anderen Dozierenden belegt werden.“ Tags darauf bekam unsere Redaktion jedoch aus der Studierendenschaft den Hinweis, dass es im Studiengang Sozial- und Gesundheitsmanagement eine Pflichtveranstaltung zur „Volkswirtschaftslehre“ gebe, für die es kein paralleles Angebot zu Osbild gebe.

Die Hochschule teilte auf Nachfrage unserer Zeitung mit, dass auf die Anfrage vom Vortrag nur der Wirtschafts-Fachbereich überprüft worden sei. Aber: „Grundsätzlich können die Studierenden des Studiengangs Sozial- und Gesundheitsmanagement auch an den anderen Volkswirtschaftslehre-Veranstaltungen des Fachbereichs Wirtschaft teilnehmen (sofern es stundenplantechnisch klappt).“ Die „Stundenpläne“ seien aufgrund von Wahlmöglichkeiten individuell verschieden: „Sollten sich hier im Einzelfall Probleme ergeben, bieten wir gern an, diese individuell zu diskutieren.“

Hochschule bemüht sich weiter um Alternativen zum AfD-Professor

Die Hochschule erläutert: „Aktuell wird aber darüber hinaus recherchiert, ob es weitere Möglichkeiten gibt, um den Studierenden zeitnah Alternativangebote machen zu können. Es gab zudem schon vor einiger Zeit Gespräche der Hochschulleitung mit dem Dekanat des Fachbereichs Wirtschaft (denn der ist für das Lehrangebot verantwortlich), um zusätzliche Volkswirtschaftslehre-Angebote anderer Lehrender anzubieten. Dies ist auch so umgesetzt worden.“

Nachdem Osbild den Rechtsstreit gegen seine Ex-Studentin Alhassan im April in erster Instanz verloren hatte, soll er in Berufung gegangen sein. Das teilte die Betroffene bereits am 8. Juli auf Facebook mit. Unsere Zeitung wollte daher am Mittwoch von dem Professor wissen: „Was ist der aktuelle Stand bezüglich Ihrer juristischen Auseinandersetzung mit Bjeen Alhassan?“ Aber er hat – Stand Dienstagmittag – auf die gesamte Presseanfrage nicht reagiert.

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