Serie „Leven van de See“  Von Leer zu den Walen Neuseelands

| | 12.10.2022 17:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hoch oben im Ausguck: Von hier sucht Jochen Zaeschmar den Pazifik nach den Kleinen Schwertwalen ab. Foto: Zaeschmar
Hoch oben im Ausguck: Von hier sucht Jochen Zaeschmar den Pazifik nach den Kleinen Schwertwalen ab. Foto: Zaeschmar
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Über Umwege wurde Jochen Zaeschmar in dem pazifischen Inselstaat zu einem Wal-Experten. Jetzt erzählt er, wie er von Leer nach Neuseeland kam.

Neuseeland - In der Terra X Dokumentation „Abenteuer Neuseeland II“ fiel ein Satz, der die Redaktion auf Jochen Zaeschmar aufmerksam machte: „Der gebürtige Ostfriese erforscht eine Walart, zu der es kaum wissenschaftliche Untersuchungen gibt“, sagt die Stimme des Sprechers. Moment mal – ein Ostfriese, der vom Meer des Inselstaates Neuseeland berichten kann? „Ja, ich komme ursprünglich aus Leer und bin noch immer gerne dort“, sagt Zaeschmar schon ein paar Tage später in einer Videokonferenz. Erst im Juli war er zu Besuch. Den neuseeländischen Winter nutzt er gerne, um bei Freunden vorbeizuschauen.

Die Serie „Leven van de See“

Die Nordsee. Mal malerisch ruhig, mal wild und stürmisch. Sehnsuchtsort und Arbeitsort in einem. Es gibt Menschen, die all ihre Facetten kennen, weil sie täglich mit ihr zu tun haben. Das Leben von und mit dem Meer prägt die ostfriesische Halbinsel sogar bis ins Landesinnere hinein. Es ist Nahrungsquelle, liefert Werkstoffe und Zutaten, ist Wasserstraße und manchmal auch Energiespender. In dieser Serie geht es darum, wie sich der Mensch an das Leben am und mit dem Meer angepasst hat. Unter dem Motto „Leven van de See“ berichten Ostfriesen von ihrer Verbindung zur Nordsee. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, ihren persönlichen Blickwinkel und ihre Wünsche für die Zukunft.

Die nächste Folge: Am nächsten Donnerstag kehrt die Serie zurück an die Nordsee – und zwar zur Meierei und ihren Bewohnern auf der Insel Langeoog.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de oder 04941/6077-519

Anfang der 90er Jahre hat er seine norddeutsche Heimat verlassen. Inzwischen kreuzt er meistens mit seinem Boot, der „Manawanui“, in der Bay of Islands im Norden Neuseelands. In der Sprache der indigenen Maori bedeutet „Manawanui“ Geduld. Die braucht der Meeresbiologe, wenn er auf der Suche nach den Walen ist, zu denen er forscht: die Kleinen Schwertwale. Sie sind scheu und oft weit draußen unterwegs. „Wir haben 800 Kilometer Küste, sie zu finden ist wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen“, ist ein Satz, mit dem der Meeresbiologe das Glück beschreibt, das er für seine Forschung benötigt.

Von Neuseeland mal nach Hawaii

Da die Zeitverschiebung zwischen Neuseeland und Ostfriesland Gespräche mit dem anderen Ende der Welt schwierig macht, ist es eine glückliche Fügung, dass der Forscher gerade in Kopenhagen angekommen ist. Er hat einen leichten Jetlag. Gerade noch Neuseeland, jetzt Kopenhagen? „Privat“, sagt Zaeschmar. Aber als Walforscher kommt er auch beruflich viel herum. Konferenzen, Austausch mit anderen Forschungsteams. „So komme ich auch manchmal nach Hawaii“, erzählt der Meeresbiologe. Auch da gibt es Kleine Schwertwale.

Kleine Schwertwale bilden Schulen von bis zu 100 Tieren und sind sehr soziale Tiere. Fotos: Zaeschmar
Kleine Schwertwale bilden Schulen von bis zu 100 Tieren und sind sehr soziale Tiere. Fotos: Zaeschmar

Mit den Walen könnte er es leichter haben, denn die Gewässer rund um Neuseeland sind voll davon. Pottwale, Grindwale, Schwertwale, Buckelwale. Auch große Blau- und Finnwale gibt es. Aber die geheimnisvollen Kleinen Schwertwale haben es ihm angetan. „Sie schwimmen und jagen zusammen mit Großen Tümmlern, schon allein das ist besonders“, sagt Zaeschmar. Als er sie das erste Mal traf und ihm ein Tier einen gefangenen Thunfisch präsentierte, wurde er neugierig. „Ich wollte mehr über diese sozialen Wesen erfahren, aber vor mir hatten sich kaum Forscher mit der Walart beschäftigt“, sagt er und lacht. „Wenn ich mehr herausfinden wollte, musste ich also selbst forschen. So wird man schnell zum Spezialisten.“

Film, Ferien und Forschung

Zaeschmar verbringt die meiste Zeit auf dem Meer. 18 Jahre lang hat er auf seinem Schiff gelebt. Mittlerweile wohnt er im kleinen Küstenort Paihia. Der Meeresbiologe arbeitet als Teil des von ihm gegründeten Forschungskollektivs „Far Out Ocean Research“. Zusätzlich bietet er im neuseeländischen Sommer – also im ostfriesischen Winter – Ökotourismus an und begleitet Filmteams auf ihren Touren. „Das sind die drei Standbeine, die ich mir hier über die Jahre aufgebaut habe“, sagt Zaeschmar. Nachdem ein Filmteam auf ihn aufmerksam geworden war, wurde er weiterempfohlen. Mittlerweile hat er nicht nur die Terra X Abenteuer-Reihe begleitet, sondern auch an BBC Dokumentationen der Reihe „Der Blaue Planet“ mitgewirkt und mit dem Naturforscher Andreas Kieling gedreht. Der schreibt über Zaeschmar: „Niemand auf der Welt weiß mehr über die Kleinen Schwertwale als der deutsche Meeresbiologe.“

Roberton Island oder auf Maori Motuarohia Island liegt bei Jochen Zaeschmar „vor der Haustür“. In der Bucht ankert sein Boot, die „Manawanui“. Foto: Zaeschmar
Roberton Island oder auf Maori Motuarohia Island liegt bei Jochen Zaeschmar „vor der Haustür“. In der Bucht ankert sein Boot, die „Manawanui“. Foto: Zaeschmar

Wie er dazu gekommen ist? „Über viele Umwege“, sagt Zaeschmar und lacht. Angefangen hatte alles mit dem vorzeitigen Ende des Zivildienstes nach dem Abitur am Ubbo-Emmius-Gymnasium in Leer. Der wurde 1990 von 20 auf 15 Monate verkürzt. „Das ging so plötzlich und das Ende lag im November so unglücklich, dass es zu spät für ein Studium oder eine Ausbildung war. Ich musste irgendwas machen und ging auf Reisen“, ist die Kurzversion. Damals fuhr er nach Australien und besuchte das erste Mal Neuseeland. „Ich habe mich gleich in das Land verliebt“, gesteht Zaeschmar.

Neue Projekte für den Walforscher

Über Leute, die er unterwegs kennenlernte, kam er nach England. Dort studierte er Sprachen. Dann folgte ein Umweltschutz-Studium. Zaeschmar wurde Ranger in East Sussex und ging für eine Auszeit nach Neuseeland. „Das war mein Traum“, sagt er. Damals blieb er, auch wegen der Liebe. Einen Grund dafür, Neuseeland wieder zu verlassen, gibt es für ihn bis heute nicht. Beruflich startete Zaeschmar um die Jahrtausendwende mit dem Öko-Tourismus. „Darüber kommt man viel mit Walen in Kontakt. Über Freunde kam ich schließlich in die Forschung“, erklärt er. Dafür sattelte er ein Masterstudium in Meeresbiologie drauf. Alles Weitere hat sich entwickelt.

Jochen Zaeschmar auf seinem Schiff. Hier verbringt er die meiste Zeit des Tages – 18 Jahre lang lebte er sogar an Bord. Foto: Privat
Jochen Zaeschmar auf seinem Schiff. Hier verbringt er die meiste Zeit des Tages – 18 Jahre lang lebte er sogar an Bord. Foto: Privat

Inzwischen erkennt Zaeschmar alle etwa 150 Kleinen Schwertwale im Nordosten Neuseelands an ihrer Rückenflosse. Von Dezember bis Mai kommen sie näher zur Küste. Aber Zaeschmar fährt manchmal auch 100 Kilometer weit raus, um sie zu beobachten. Wie geht es weiter? Gerade untersucht Zaeschmar die Verwandtschaftsverhältnisse seiner Wal-Gruppe, um Rückschlüsse auf die Sozialstruktur zu prüfen. Demnächst startet ein Projekt, in dem Walforscher und Maori ihr Wissen über Wale teilen. „Die Maori hatten immer ein besonderes Verhältnis zu Walen, das wollen sie wiederbeleben. Das wird bestimmt sehr spannend.“

Erste-Hilfe-Kurse für Wale und Feldforscher auf dem Meer

Leeraner Forscher schult Walretter in Neuseeland. Dort stranden regelmäßig vor allem Grindwale

Neuseeland - Forschung, Ökotourismus und die Betreuung von Filmteams gehören zu den Standbeinen, die der gebürtige Leeraner Jochen Zaeschmar sich in seiner neuen Heimat Neuseeland aufgebaut hat. Etwa 80 Prozent seiner Zeit verbringt der Meeresbiologe auf dem Wasser. Rund um die Bay of Islands im Nordosten des Inselstaates erfasst er mit vier weiteren Meeresbiologen alle Wale, denen sie auf ihren Touren begegnen. Die Forscher haben sich zum „Far Out Ocean Research Collective“ zusammengeschlossen. „Auch Meeresvögel und andere Lebewesen erforschen wir“, erklärt Zaeschmar. „Jeder von uns hat andere Schwerpunkte.“

Foto: Privat
Foto: Privat

Zaeschmar selbst hat sich auf den Kleinen Schwertwal spezialisiert. Er wird auch Unechter oder Schwarzer Schwertwal genannt, kommt in allen Ozeanen gemäßigter, subtropischer und tropischer Breiten vor und gehört zu den Delfinen. Kleine Schwertwale bilden Schulen von durchschnittlich zehn bis 100 Tieren, wobei sie sich auch mit anderen Delfinen vergesellschaften und sich meistens abseits der Küsten aufhalten. Er ähnelt dem Großen Schwertwal, ist aber einfarbig schwarz und mit maximal sechs Metern deutlich kleiner. Wie andere Delfine ist der Kleine Schwertwal ein aktiver Jäger und ernährt sich von größeren Fischen und Kopffüßern wie dem Tintenfisch. Im Vergleich zum Großen Schwertwal und anderen Delfinarten ist er nur wenig erforscht. Sichtungen sind relativ selten.

Grindwale stranden häufiger

Strandungen kommen beim Kleinen Schwertwal vor, auch Massenstrandungen mit mehreren Hundert Tieren. Sie sind jedoch nicht so häufig wie bei den bekannteren Arten. Vor allem Grindwale stranden an den Küsten Neuseelands häufiger. „Gerade in den letzten Tagen gab es wieder mehrere Strandungen“, so der Meeresbiologe. Sogar die Tagesschau hatte darüber berichtet.

An Stränden der neuseeländischen Chatham-Inselgruppe sind Hunderte Grindwale gestrandet. Um ihnen Leid zu ersparen, wurden 240 Tiere eingeschläfert, meldete die Regierung. Erst am Samstag waren mehr als 200 Grindwale ganz in der Nähe verendet. Die Massenstrandung ereignete sich auf der Insel Pitt Island im Südpazifik – mehr als 800 Kilometer von der Ostküste Neuseelands entfernt.

Meeresbiologin Marta Guerra gehört zum Forschungs-Kollektiv und belauscht die Wale unter Wasser. Foto: Zaeschmar
Meeresbiologin Marta Guerra gehört zum Forschungs-Kollektiv und belauscht die Wale unter Wasser. Foto: Zaeschmar

Nur selten könnten Wale, die in diesem Gebiet stranden, von Helfern wieder in tieferes Wasser gebracht werden, teilte die Walschutzorganisation Project Jonah mit. Es handelt sich um eine isolierte und abgelegene Region mit einer kleinen Bevölkerung. Auch in Australien verendeten vor rund zwei Wochen fast 200 Wale an einem abgelegenen Strand im Bundesstaat Tasmanien. Jochen Zaeschmar bildet selbst Menschen zu Walrettern aus und arbeitet ehrenamtlich für den Freiwilligenverband „Far North Whale Rescue“. „Gerade Grindwale stranden relativ häufig“, sagt der Meeresbiologe. Die Ursachen seien in den aktuellen Fällen wahrscheinlich natürlich. Grindwale gelten als sehr gesellig und folgen daher wohl Artgenossen, die sich in Gefahr begeben.

Glossar

Neuseeland: Neuseeland ist ein Inselstaat im südlichen Pazifik. Er besteht aus einer Nord- und einer Südinsel sowie zahlreichen kleineren Inseln. Zu den nächstgelegenen größeren Landmassen gehören Australien im Westen sowie die Antarktis im Süden. Die Hauptwirtschaftszweige sind die Land- und Forstwirtschaft, die Lebensmittelindustrie und der Tourismus. Die Landfläche beträgt 269.652 Quadratkilometer – damit ist Neuseeland etwas größer als das Vereinigte Königreich. Etwa 5,1 Millionen Einwohner hat der Inselstaat. Hier leben etwa 10.000 Deutsche (2017).

Neuseelands Bürger: Über 25 Prozent der Einwohner Neuseelands sind Einwanderer aus den letzten Jahren oder Jahrzehnten. Insgesamt 67 Prozent der Neuseeländer sind europäischer Abstammung, größtenteils von den Britischen Inseln, aber auch aus Deutschland, Italien, Polen, den Niederlanden und weiteren europäischen Ländern. Mit einem Anteil von 14 Prozent bilden die polynesisch-stämmigen indigenen Maori die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe, gefolgt von gut 10 Prozent Asiaten – hauptsächlich Chinesen und Inder.

Bay of Islands (Bucht der Inseln): Die Bay of Islands im Norden Neuseelands ist eine große Bucht vor der Nordinsel. Das Gewässer ist mit seinen Küstenabschnitten ein beliebtes Urlaubsziel und auch kulturhistorisch von Bedeutung.

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