Schwere Zeiten für Schuhe Anna Schilling kämpft seit der Eröffnung im Krisenmodus
Wie viele Unternehmer stehen auch die Schuhhändler unter Druck. Anna Schilling will in Wiesmoor nicht aufgeben und baut auf das kommende Jahr.
Wiesmoor - Der Schuhhändler Görtz ist insolvent, in Norden und Leer schließen Schuhfachgeschäfte. Wer seine neuen Schuhe nicht im Internet bestellen will, weil er auf das Anprobieren an Ort und Stelle setzt, dem kann angst und bange werden. Denn den inhabergeführten Schuhgeschäften setzt nicht nur seit Jahren der Online-Handel mächtig zu, zuletzt saß den Läden Corona, und aktuell sitzt ihnen der Ukraine-Krieg mit der Energiepreiskrise im Nacken. Doch es gibt auch Lichtblicke: „Bislang ist das Geschäft im Schuheinzelhandel in diesem Jahr gut gelaufen. Und ob wir eine Schließungswelle in den kommenden Monaten zu erwarten haben, ist noch lange nicht raus“, sagt Axel Augustin, Pressesprecher beim Handelsverband Textil, Schuhe, Lederwaren.
Was und warum
Darum geht es: Der Schuhhandel hat es derzeit schwer. Gründerin Anna Schilling, die Inhaberin des Wiesmoorer Schuhhauses Stiletto, bereut ihren Schritt in die Selbstständigkeit dennoch nicht.
Vor allem interessant für: Fans von Schuhen, und alle aus Wiesmoor und umzu
Deshalb berichten wir: Die Nachricht von Insolvenzen und schließenden Läden hat uns aufgeschreckt. Den Autor erreichen Sie unter: o.baer@zgo.de
Ihren Optimismus hat sich Anna Schilling, Inhaberin des Wiesmoorer Schuhhauses Stiletto, nicht nehmen lassen, obwohl sie seit der Eröffnung im März 2020 fast ununterbrochen im Krisenmodus unterwegs ist. „Der Oktober läuft ganz gut an und auch im September, als die neuen Modelle kamen, war das schon nicht so schlecht.“ Zuvor glich ihr Einstieg in die Selbstständigkeit einer wilden Fahrt auf der Achterbahn. „Kurz nach meiner Eröffnung 2020 kam der erste Corona-Lockdown. Das war ein Tiefschlag, den ich wegstecken musste.“ Danach ging es auf und ab: Lockdown, erste Lockerungen, wieder ein Lockdown. „Mit jeder Verschärfung der Corona-Regeln sind die Umsätze erst einmal eingebrochen“, erinnert sich die 47-Jährige. Das Jahr 2021 sei richtig schlecht gewesen, doch seit dem März sei es aufwärts gegangen.
Aufgeben will die 47-Jährige nicht
Eine Kaufzurückhaltung ihrer Kunden infolge der Energiepreiskrise spürt Schilling noch nicht. Sie setzt weiter auf die Zugkraft der neuen Modelle, wenn denn endlich alle geliefert wären. Denn auch bei den Schuhfabrikanten könnten nicht alle die üblichen Termine halten. Die Preise seien zumindest beim Großteil der Hersteller stabil geblieben. „Was dann weiter passiert, werde ich sehen“, blickt sie fast schon fatalistisch auf das, was noch kommen könnte. Noch hat sie keine Vorstellung, was an Energiekosten auf sie zukommen könnte. „Doch wir haben hier bereits LED-Beleuchtung. Und die Mauern im Altbau sind recht dick. Im Sommer bleibt es kühl, im Winter länger warm.“ Dass sie deswegen aufgeben müsse, befürchtet sie nicht. „Ich muss ja nicht davon leben.“ Und Angestellte gibt es in dem Ein-Frau-Betrieb auch nicht.
„Schuhhändler, die digital und in den sozialen Medien gut unterwegs sind, können sehr erfolgreich am Markt agieren“, sagt Claudia Schulz, Pressesprecherin beim Deutschen Schuhinstitut in Offenbach. „Die klassischen Filialisten haben es da schon schwerer.“ Und jetzt komme ja wieder die Zeit, in der neues Schuhwerk für den Herbst und Winter benötigt werde. Das sollte dem Umsatz noch einmal einen Schub geben können.
Online-Handel ökologisch ein Unding
Einen Online-Shop hat Schilling noch nicht eingerichtet. „Das würde sich bei mir nicht rentieren. Außerdem bin ich überzeugt, dass sich immer mehr Menschen wieder vom Online-Handel verabschieden.“ Dieser sei zwar bequem, aber gerade bei Schuhen sei es wichtig, diese auch anprobieren zu können. Dem „Wahnsinn“ des Online-Handels kann auch Cornelius Uphoff, Inhaber des Schuhhauses Bockstiegel in Leer, wenig abgewinnen. „Wir haben das im Lockdown auch gemacht“, berichtet er. Und auch von fünf Kubikmeter Verpackungsmüll, der Woche für Woche angefallen sei. „Wenn 57 Prozent der bestellten Schuhe zurückkommen, ist das ökologisch und ökonomisch ein Unding. Aber wenn ich einer Kundin im Laden eine Plastiktüte geben würde, wäre die Strafe richtig teuer.“
Uphoff gibt sein Geschäft in Leer zum Jahresende auf. Aber nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil er keinen Nachfolger findet. Die Problematik bei der Geschäftsübergabe wertet Axel Augustin als ebenso bedrohlich, wie die Energiekosten für den Fortbestand der Schuhgeschäfte. „Viele Läden schließen nicht, weil sie in finanziellen Schwierigkeiten sind, sondern weil es keinen gibt, der sie weiterführen will“, betont er. Auch das zeige, wie unterschiedlich die Voraussetzungen in der Branche seien. „In der Krise leiden die Großen meist, weil sie hohe Mieten für ihre Geschäfte in guten Lagen zu tragen haben. Bei den inhabergeführten Geschäften ist das oft nicht der Fall.“ Und gerade diese Diversität der Branche gibt Augustin die Hoffnung, dass es nicht zu einem großflächigen Ladensterben im Schuhhandel kommt.
„Für Schuhe gibt es immer Bedarf“, ist er sich zudem sicher. „Wenn gespart wird, sind es oft die großen Ausgaben, die gestrichen werden. Ein neues Paar Schuhe gönnt man sich dann noch.“ Darauf setzt auch Anna Schilling. Denn ihre Zielgruppe ist die modebewusste Frau. „Viele meiner Kunden kaufen sich nicht neue Schuhe, weil die alten nicht mehr tragbar sind, sondern weil sie sich etwas gönnen wollen.“ Für etwas Schönes und etwas Freude sei doch immer Bedarf.