Hamburg Von Krise zu Krise: Wie es in der Kreuzfahrt-Branche weitergeht
Urlaub zwischen Krieg und Corona: Die Kreuzfahrtbranche kommt einfach nicht zur Ruhe. Nach Lockdowns und Quarantäne kommen jetzt Inflation und Energiekrise. Wie sind die Aussichten?
Sie heißen „Tage des Lächelns“ oder „Perlen am Mittelmeer“ – und versprechen von „kleiner Auszeit“ bis zum „Wohlfühlwinter“ nach zwei Jahren der Corona-Krise wieder unbeschwerten Kreuzfahrtgenuss.
Reedereien, Personal und Passagiere hatten seit Beginn der Corona-Pandemie einiges mitgemacht: Passagiere mussten in Quarantäne, Schiffen wurde das Einlaufen in manche Häfen verboten, das Reisen mit einem Kreuzfahrtschiff geriet zum Glücksspiel: Noch gut davon kam, wessen lang geplante Reise einfach vorzeitig in irgendeinem spanischen Hafen endete. Wer Pech hatte, infizierte sich dabei auch noch.
Als die Kreuzfahrtbranche schließlich ganz stillstand, gab es in den Häfen nicht genug Platz für die Ozeanriesen, sie gingen irgendwo vor Anker. An Bord: Die Besatzung, die ausharren musste, um das Schiff zu warten und weil es in vielen Fällen aufgrund der Reisebeschränkungen überhaupt nicht möglich war, in die jeweiligen Heimatländer – vor allem nach Asien – zurückzureisen.
Eine lange Trennung von der Familie, die Enge an Bord und kaum eine Perspektive darauf, wie lange das noch so gehen würde, führte bei vielen zum sprichwörtlichen Lagerkoller. Für die Reedereien bedeutete die Pandemie wiederum vor allem eines: Schulden. Keine Einnahmen aus Reisen, dafür hohe Betriebs- und Wartungskosten drückten bei den Anbietern auf die Bilanzen.
Als es langsam wieder losging mit den Kreuzfahrten, unter hohen Hygieneanforderungen, einem strengen Impf- und Testregime, das auch dem Personal einiges abverlangte, zog am Horizont die nächste Krise auf.
Der russische Überfall auf die Ukraine bewirkte zunächst lediglich, dass St. Petersburg als Höhepunkt der Ostseekreuzfahrten ausfiel – die Reedereien routeten um. Seither laufen die Schiffe vermehrt baltische Städte wie Riga oder Tallinn an, auch Visby auf Gotland, Helsinki oder Kopenhagen und selbst Kiel verzeichnen mehr Anläufe.
Doch je länger der Krieg in der Ukraine dauert, um so klarer wird: Die Kreuzfahrtbranche steht vor dem nächsten großen Problem. Die Energiepreise steigen, die wirtschaftliche Lage wird immer unsicherer, auch den Reedereien fehlt wie überall sonst in Gastronomie und Tourismus Personal. Und ob die Menschen in den kommenden Jahren noch Geld für einen Urlaub haben, nachdem sie ihre Gasrechnungen beglichen haben, ist derzeit völlig unklar.
Mit Plantours hat eine erste Reederei bereits Treibstoffzuschläge erhoben, das ist rechtlich auch nach erfolgter Buchung möglich.
Andere wie etwa Aida Cruises wollen die Preise vorerst stabil halten, Tui wirbt sogar mit dem Satz: „Bei uns erhöht sich nur das Wohlbefinden“ und kündigt an: „In Zeiten, in denen vieles teurer wird, tragen wir schon beim Urlaubsbudget zur Entspannung bei. Denn unsere Preise bleiben wie sie sind.“ Man habe langfristige Verträge geschlossen, hieß es von Tui, und schließt Zuschläge zumindest für bestehende Buchungen aus.
Dass Kreuzfahrten fast ungebrochen im Trend liegen, zeigen aktuelle Zahlen von Statista: Mehr als 14 Millionen Deutsche favorisieren für ihren Urlaub eine Kreuzfahrt. Das betreute Reisen, bei dem man sein Hotelzimmer einfach überallhin mitnimmt und vom Essen bis zum Abendprogramm alles inklusive ist, hat über die Pandemiejahre offenbar nichts von seiner Faszination verloren.
Das ist auch kein Wunder: Wer sich heute auf den einschlägigen Buchungsportalen und den Websites der Reedereien umsieht, dem kommt angesichts der Nachrichtenlage allein das schon wie ein Kurzurlaub vor. Strahlende Menschen, sonnige Städte, glitzerndes Meer: Eine Kreuzfahrt verspricht derzeit vermutlich mehr denn je die von vielen ersehnte Auszeit von allen Sorgen.
Sieben Tage Orient ab 349,- Euro etwa bietet Aida an. Für Reisen unter 16 Tagen Länge entfällt sogar der Impfnachweis, lediglich einen zertifizierten Antigentest müssen die Passagiere nachweisen. Den Segen des Wirtschaftsministers jedenfalls haben die Reisewilligen: „Es gibt eigentlich kein besseres Gegenwicht zum Krieg als den Tourismus“, hatte Robert Habeck im März auf der Eröffnung der Internationalen Reisemesse ITB gesagt. Mit dem Reisen könne „Völkerverständigung als gelebter Alltag entstehen“. Es müssten allerdings dringend Lösungen gefunden werden, um die Belastungen für das Klima durch das Reisen zu reduzieren.
Kreuzfahrten gelten dabei als besonders klimaschädlich, vor allem weil viele Schiffe immer noch mit Schweröl fahren. Dabei machen sich auch die Reedereien längst Gedanken, wie ihre Flotten künftig energiesparender und umweltverträglicher betrieben werden können.
Das „Low Steaming“ ist so ein Konzept, das etwa Hapag-Lloyd bei seinen Bemühungen um eine bessere Ökobilanz hervorhebt. Denn was auf Autobahnen gilt, funktioniert genau so auf dem Meer: Wer langsam fährt, verbraucht weniger Sprit. Alternativen zum immer noch allgegenwärtigen Schweröl werden in den neueren Kreuzfahrtschiffen verbaut: Manche – wenige – fahren mit LNG, andere mit Salatöl.
Bis 2050 will etwa Tui Cruises, zu denen „Mein Schiff“ und Hapag-Lloyd gehören, seine Flotte klimaneutral betreiben. Die Reederei setzt dabei auf Bio- und synthetische Kraftstoffe, niedrigere Emissionen über Filter und Marinegasöl sowie die vermehrte Nutzung von Landstrom in den Häfen – sofern vorhanden.
Auf den Schiffen selbst scheint derzeit vieles unverändert. Während an Land abends die Lichter ausgehen, locken im Winter Eisbahnen, Glühwein und Lichtermeer an Bord. Die Branche zeigt sich zumindest mit der aktuellen Buchungslage zufrieden, gerade im Sommer hatten die Menschen nach den Corona-Jahren einigen Nachholbedarf. Prognosen über das Ende des Jahres 2023 hinaus jedoch wagt derzeit kaum jemand.
„Selbstverständlich verfolgen wir die neuesten Entwicklungen in allen Ländern, die besucht werden sollen, sehr genau – nicht nur im Hinblick auf die aktuelle Corona-Situation“, heißt es etwa von der britischen Cunard-Reederei auf Anfrage unserer Redaktion. „So konnte auch auf den Krieg in der Ukraine umgehend reagiert und einige Reiserouten geändert werden. Man sei „positiv gestimmt, mit den aktuellen Prämissen gut durch den Winter zu kommen.“
Vor dem Ukrainekrieg zeichnete sich immerhin ein Trend ab, der sich auch jetzt fortzusetzen scheint: „Man kann von einer Polarisierung des Marktes sprechen“, sagte Alexis Papathanassis, Professor für Cruise Management an der Hochschule Bremerhaven, unserer Redaktion noch vor Ausbruch des Krieges. Auf der einen Seite stehen die großen Kreuzfahrtschiffe mit mehreren tausend Passagieren, kleine Städte auf See, auf der anderen Seite gibt es zunehmend kleinere und luxuriösere Kreuzfahrtschiffe, sogenannte „Boutique-Schiffe“.
„Das Segment Boutique hat Potential für die nächsten Jahre, auch wenn es angesichts der Gesamtkapazität noch eine Nische ist.“ Expeditionsschiffe fallen unter diese Kategorie, Segelschiffe wie etwa die Sea Cloud II oder auch Megayachten.
Als erste Hotelkette überhaupt will sich „Ritz-Carlton“ künftig auch als Reederei aufstellen: Drei Luxusyachten sind in Auftrag gegeben, mit der „Evrima“ soll in Kürze das erste der drei Luxusschiffe in See stechen. 246 Crewmitglieder kümmern sich hier um maximal 298 Passagiere, die künftig wahlweise durchs Mittelmeer oder die Karibik schippern können.
Gegessen wird wahlweise in der eigenen Suite oder in einem von fünf Spitzenrestaurants. Schwerpunkt der exklusiven Seereisen liegt auf Entschleunigung: Wenige ausgewählte Landgänge mit Übernacht-Aufenthalten in exklusiven Orten wie St. Tropez und Portofino, viele Seetage mit Möglichkeiten zum Kajakfahren, Stand Up Paddling und Schnorcheln. Urlaub wie Abramowitsch: Fünf Nächte von Barbados nach St. Maarten sind ab 3500 Euro pro Person zu haben.
Aber auch auf den größeren Kreuzfahrtschiffen scheint der Hang zum Luxus zuzunehmen: So berichtet etwa Cunard von deutlich gestiegener Nachfrage nach höheren Buchungskategorien. Sie hat deshalb ihr neuestes Schiff, die „Queen Anne“, mit besonders vielen Kabinen der Britannia Club-Kategorie ausstatten lassen, die Balkonkabinen und das Essen in einem exklusiven Restaurant umfasst.
„Der Wunsch nach Individualität ist auch bei den Weltreisen spürbar“, heißt es von der Reederei. Sie bietet ihren Gästen deshalb auch sogenannte „Weltentdeckerreisen“ an: 117 Nächte an Bord der Queen Mary 2 kosten in der günstigsten Kategorie mit Innenkabine ab 20.000 Euro pro Person.
Wer es individuell mag und nichts gegen etwas rustikaleren Reisecharme hat, der kann die Welt auch mit einem Frachtschiff entdecken. Seit etwa 15 Jahren nimmt das Interesse an solcherart Schiffsreisen kontinuierlich zu, so dass einige Reedereien ihre neuesten Schiffe inzwischen schon mit einigen Kabinen extra für Gäste ausstatten. Während der Pandemie war eine Mitfahrt nicht möglich, inzwischen nehmen manche Reedereien vollständig geimpfte Passagiere wieder mit.
Die Kabinen sind funktionell, es gibt drei Mahlzeiten am Tag und die Möglichkeit, sich zwischendurch auch selbst mal einen Kaffee zu kochen. Entertainment fällt aus, Poollandschaft mit Riesenrutsche auch, dafür gibt es manchmal eine kleine Sauna und einmalige Einblicke in das Bordleben eines Arbeitsschiffes. Und günstig ist es obendrein: Rund 100 Euro pro Nacht muss rechnen, wer Binnen- oder Containerschiffluft schnuppern will.
Einen deutlichen Zuwachs an Passagieren verzeichnen außerdem auch die Fährbetriebe: Nicht nur der seit Jahren beliebte Colorline-Klassiker Kiel-Oslo kommt als Minikreuzfahrt für schmales Budget daher, auch Fähren ins Baltikum oder nach Schweden und Finnland werden beliebter. Der Grund ist – neben dem günstigen Preis – wiederum die Individualisierung: Hier kann das Auto mit und beliebig viel Gepäck, die Seereise ist zwar kurz, aber eindrucksvoll und lässt sich mit dem Urlaub im Zielland bestens kombinieren. Vor allem Jüngere setzen auf diese Art des Reisens.
Kreuzfahrt geht also sogar ohne Kreuzfahrtschiff: Während Boutique-Schiffe mit Oligarchenflair oder monatelange Luxuskreuzfahrten finanziell für viele unerreichbar sein dürften, gibt es neben den etablierten Kreuzfahrtanbietern, die preislich erschwinglich sind und den Komfort eines Pauschalurlaubes bieten, noch viel Raum für Kreativität auf See.