Osnabrück Klimaaktivisten attackieren van Gogh: Wer protestiert endlich gegen diese Form des Protests?
Klimaaktivisten attackieren schon wieder ein Kunstwerk. Legitimer Protest oder schlicht Gewaltakt? Der Anschlag auf die Sonnenblumen Vincent van Goghs trifft auch die Freiheit des Ausdrucks aller.
Vincent van Gogh kann nichts dafür. Sein ökologischer Fußabdruck ist winzig im Vergleich zu dem eines heute lebenden Jugendlichen, der ein Smartphone besitzt, viel unterwegs ist, und Kaffee aus Pappbechern trinkt. Wer sich einmal in das Kämmerchen gezwängt hat, in dem der bettelarme van Gogh 1890 in Auvers-sur-Oise unbemerkt verschied, der schämt sich schon für den Gedanken, Tomatensuppe auf eines seiner Bilder zu schütten. Aber es genügt offenbar, sich Aktivist zu nennen, um einen Blankoscheck für jeden Unfug, ja, für Gewaltakte in der Tasche zu haben.
Der Anschlag auf die Sonnenblumen van Goghs fügt sich in eine Reihe ähnlicher Aktionen der letzten Monate in Florenz oder Dresden. Der fatale Modetrend macht aber nichts besser. Wer Kultur attackiert, um für den Schutz der Natur zu streiten, übersieht, dass auch Kultur eine Umwelt bildet, auf deren intakten Zustand alle Menschen angewiesen sind. Wer alle Bilder abhängt und die Museumstüren ein für allemal schließt, hat nichts für den Regenwald erreicht oder für Menschen, die hungern und frieren. „Ist Kunst mehr wert als Leben? Mehr als Essen? Mehr als Gerechtigkeit?“: Die Frage der Aktivisten ist schlicht falsch gestellt, weil das niemand behauptet hat. Und die verschüttete Tomatensuppe hätte besser ein Hungriger gegessen.
Die Geschichte der Bilderstürmerei ist lang. Und voll von einschlägigem Personal wie religiösen Fundamentalisten, Diktatoren oder geistig gestörten Menschen. Die Attacke auf die Kunst trifft nicht bloß ein Bild, sie trifft die Freiheit aller, in der Kunst sich selbst als ganzheitliche Menschen wiederzufinden. Seltsam, dass Klimaaktivisten für ihren Protest Mittel und Aktionsformen gutheißen, die sonst in das Arsenal diktatorischer Kunstzerstörer gehören. Es gehört eine große Portion Geschichtsvergessenheit dazu, diese fatalen Anklänge nicht wahrzunehmen.
Die Geschichte der Diktaturen lehrt ja gerade, dass der Angriff auf die Kunst niemals allein Objekten galt, sondern immer auch der Freiheit der Meinung und Ausdrucks. Wer Kunstwerke attackiert, greift Kreativität und Kultur selbst an. Die 84 Millionen Dollar, auf die van Goghs „Sonnenblumen“ taxiert werden, schrumpfen da zur Nebensache. Was wirklich bestürzt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Aktivisten Gewalt ausüben, am Ende gegen jenen freien menschlichen Ausdruck, von dem alle Kunst zeugt. Wo bleibt der Protest gegen diese Form des Protests?