Bildung im Wandel Grundschul-Verfechter fühlen Politik auf den Zahn
In Jennelt wird befürchtet, dass Gutachter zur Schließung der Grundschule raten. Die Schulfreunde erklärten jetzt Ratsvertretern, warum Zahlen nicht alles sind.
Jennelt - Am Liebsten hätten sie mit allen gesprochen. Am Ende kamen von den 28 Ratsmitgliedern aber nur vier zur jüngsten Sitzung der „Bürgerinitiative für den Erhalt des Grundschulstandortes in Jennelt“. Trotzdem nutzten die Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) die Gelegenheit, um sich Gehör bei der Krummhörner Politik zu verschaffen. Auch wenn es die Firma Biregio aus Bonn ist, die jetzt die Jennelter sowie die anderen Krummhörner Schulen und Kitas untersucht und schlimmstenfalls ihre Schließung empfiehlt, sind es nämlich die Fraktionen, die in der Sache das letzte Wort haben. Der wohl eindringlichste Rat der BI-Mitglieder an die Gäste: Erhobene Daten zur Entwicklung der Schülerzahlen alleine sind nicht alles.
Was und warum
Darum geht es: Vertreter der Krummhörner Politik haben mit der „Bürgerinitiative für den Erhalt des Grundschulstandortes in Jennelt“ gesprochen und ihre Standpunkte verteidigt.
Vor allem interessant für: Bewohner von Orten, in denen die Schülerzahlen zurückgehen
Deshalb berichten wir: Die BI hatte uns zu der Sitzung im Dorfgemeinschaftshaus eingeladen. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Diese Meinung teilen auch Nadine Booken, Ralf Ludwig (beide SWK), Theodor Cirksena (SPD), Heiko Ringena (FBL) sowie dessen ehemaliger Fraktionskollege Henning Paulsen-Jacobs, der ebenfalls an der Sitzung im Dorfgemeinschaftshaus teilnahm. Allerdings: Wenn man weitere Faktoren bei der Entscheidung mit einbezieht, können auch diese nicht nur für, sondern auch gegen den Erhalt des Schulstandortes sprechen, wurde an dem Abend klar.
Qualität statt Quantität
Ludwig verteidigte die Ratsmehrheit bei der Frage, warum diese überhaupt für die Erstellung des Gutachtens gestimmt hatte. Es sei wichtig, eine sachliche aktuelle Grundlage für die Entscheidung zu haben, sagte er – zumal die jüngste Untersuchung zur Zukunft der Schulen schon acht Jahre zurückliegt. Natürlich seien kürzere Schulwege besser, aber auch jetzt gebe es viele Eltern, die ihren Nachwuchs ohnehin schon zur Schule bringen.
Man lebe in einer Flächengemeinde, in der es normal ist, dass viele Kinder ihre Schule nicht zu Fuß erreichen. Kleiner werdende Klassen machten zudem Zusammenlegungen mit weiteren möglich, ohne dass es zu voll werde. Im Zweifel sei es besser, auf nur zwei oder drei Schulen zu setzen und diese dafür in einem umso besseren Zustand zu halten. So erinnerte Ludwig an den schlechten baulichen Zustand in Jennelt, wegen dem die Diskussion über Neubau, Kernsanierung oder Abriss überhaupt erst aufgeflammt war.
Falsche Prognosen aus den Vorjahren
Die frühere Schulleiterin und Initiatorin der BI, Jutta Lerche-Schaudinn, entgegnete, dass sich Prognosen zu den Schülerzahlen in der Vergangenheit schon öfter als falsch erwiesen hatten. Dem stimmten auch Paulsen-Jacobs sowie Krummhörns früherer Bürgermeister Frank Baumann zu, der ebenfalls zu den Verfechter der vier Grundschulstandorte in der Gemeinde gehört.
Vor acht Jahren habe es geheißen, die Grundschule Greetsiel sei zu klein und müsse zusammen mit der Grundschule Loquard geschlossen werden – der Rat stimmte damals dagegen. Inzwischen gebe es viel mehr Kinder in dem Fischerdorf und Gutachter würden wohl zu einem anderen Ergebnis kommen, so Paulsen-Jacobs. In Hinte habe es einen ähnlichen Fall in Hinte-Ort gegeben. Jetzt handle es sich dort sogar um die größte Grundschule. Baumann ergänzte die Realschule Aurich als Fallbeispiel, die – anders als vorhergesagt – jetzt „aus allen Nähten“ platze.
Kinder entwickeln sich heute schlechter
Sollten die Schülerzahlen in Jennelt tatsächlich nicht ansteigen, sei aber auch das kein Argument für eine Schließung, betonte Jasmin Große, die dort als Lehrerin arbeitet. 13 Kinder betreue sie und es zeige sich immer mehr, dass kleine Klassen heute umso sinnvoller sind. Dem stimmte auch Lerche-Schaudinn bei. Wenn auch von Fall zu Fall unterschiedlich, steige der Förderbedarf generell. In vielen Familien kümmere man sich nicht mehr so sehr um die Erziehung, der Nachwuchs hänge häufiger vor dem Bildschirm anstatt ohne Technik zu spielen und die Welt zu erkunden. Gerade das aber fördere das Gehirn und die Konzentration. Dazu komme noch, dass im Rahmen der Inklusion weitere Kinder mit Förderbedarf hinzukommen, die früher an anderen Einrichtungen unterrichtet worden waren. „Schulen haben heute ein ganz andere Funktion“, so Lerche-Schaudinn.
Ringena entgegnete darauf, dass ihm schon immer klar gewesen sei, dass die jetzt anstehende Studie nur zum Teil zu einer Entscheidung beitrage. Zahlen seien zwar ein wesentlicher Faktor, aber eben nicht der einzige. So sind die Finanzen ein weiterer Gesichtspunkt, der nicht unbedingt für den Erhalt aller vier Grundschulen spricht, warnte er. Zum Jahresende belief sich der Schuldenstand der Gemeinde Krummhörn auf 18,7 Millionen Euro. Bis Ende kommenden Jahres könnten es sogar 31 Millionen werden. „Da muss die Gemeinde handlungsfähig bleiben“, sagte Ringena.
20 Millionen Euro in 30 Jahren
Aber es gehe doch um die Zukunft der Kinder, hieß es vonseiten der BI-Mitglieder und Paulsen-Jacobs erinnerte daran, dass die Pflege der Schulen zu den wenigen Pflichtaufgaben von Gemeinden gehörten. Kommunen würden deswegen allerdings auch schon mal auf Investitionskosten sitzen bleiben. Seiner Meinung nach sollte man sich daher besser noch einmal erkundigen, ob es nicht doch Fördermittel von Bund oder Land für den Erhalt aller vier Grundschulen gibt.
Aktionen gegen drohende Schulschließung in Jennelt
Prominente Unterstützung für Grundschulstandort
Initiative wartet auf Antworten
Mehr Druck zum Erhalt der Jennelter Grundschule
Große ließ das Argument der Finanzen nicht gelten. Jahrzehntelang sei nichts gemacht worden. Hätte man sich alle drei oder vier Jahre um kleinere Baustellen gekümmert, gäbe es die heutigen Probleme in Jennelt nicht, findet sie. Baumann entgegnete, dass in den vergangenen 30 Jahren 20 Millionen Euro für alle Krummhörner Grundschulen ausgegeben worden seien – auch wenn das noch immer nicht ausreiche, um diese auf dem neusten Stand zu halten. „Wenn man eine gute Schule will, muss man Geld in die Hand nehmen.“