Neustart nach der Flucht  Aus der Ukraine gekommen, um zu bleiben

| | 17.10.2022 09:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Olga Rudnieva und Oleg Polupudnov haben Mariupol Ende Mai verlassen. Ein Zurück gibt es für sie nicht. Nichts ist mehr übrig von ihrem alten Leben, sagen sie. Ihr Haus sei zerstört. Ihr Arbeitsplatz, ein Krankenhaus, verwaist. Foto: Ullrich
Olga Rudnieva und Oleg Polupudnov haben Mariupol Ende Mai verlassen. Ein Zurück gibt es für sie nicht. Nichts ist mehr übrig von ihrem alten Leben, sagen sie. Ihr Haus sei zerstört. Ihr Arbeitsplatz, ein Krankenhaus, verwaist. Foto: Ullrich
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Ein Zurück in die Heimat von Olga Rudnieva und Oleg Polupudnov scheint unmöglich: Nichts ist in Mariupol mehr von ihren früheren Leben übrig. Für einen Neuanfang aber fehlt ein wichtiger Baustein.

Wittmund - Für Olga Rudnieva und Oleg Polupudnov gibt es derzeit kaum etwas Wichtigeres, als Deutsch zu lernen. „Ohne Deutschkenntnisse gibt es kein normales Leben.“ Normalität dank Arbeit. So einfach ist das mit dem Deutschlernen für den Mann aus Mariupol. Und doch so kompliziert. „Eine Katastrophe“, urteilt die Frau. Denn noch steht das Ehepaar ziemlich am Anfang. Eine Dolmetscherin übersetzt das Gespräch am Rande einer Deutschstunde unter dem Dach des Ortsverbands Wittmund der Johanniter-Unfall-Hilfe. Statt in einem Krankenhaus Menschen zu helfen, drücken beide wie Erstklässler die Schulbank und lernen die Grundlagen der deutschen Sprache. Zu Hause sprechen sie russisch. Deutsch war ihnen bis Ende Mai gänzlich fremd.

Was und warum

Darum geht es: Zwei Ukrainer flohen mit ihrer Familie vor dem Krieg in ihrer Heimat. Sie kamen gezielt nach Wittmund, auf der Suche nach einem Neuanfang.

Vor allem interessant für: jeden, der das Geschehen in der Welt und vor der eigenen Haustür verfolgt

Deshalb berichten wir: Jeder einzelne Flüchtling in einer Statistik hat seine ganz eigene Geschichte. Zu schnell vergisst man die Menschen hinter den Zahlen.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

Oleg Polupudnov ist 48 Jahre alt und Neurologe. Seine 39-jährige Frau arbeitete als Sekretärin im gleichen Krankenhaus in Mariupol, erzählen sie. Sie zeigen nicht ohne Stolz auf ihrem Smartphone ein Bild eines modernen Gebäudes. Dann ein Wisch mit dem Finger: Das nächste Foto schon zeigt dasselbe Krankenhaus, nach Kriegsbeginn, erschüttert von einem Bombenangriff in der näheren Umgebung. Zwischen beiden Bildern liegt nur kurze Zeit. Dort zu arbeiten sei nicht mehr möglich gewesen. Mariupol war früh heftig umkämpft. Am 21. März verließ das Paar mit seinen beiden Töchtern die Hafenstadt, die einst fast 450.000 Einwohner hatte. Es floh zunächst ins dörfliche Umland. In einem kleinen Haus der Familie auf einem Dorf hätten sie Zuflucht gefunden. Viele hätten sich zunächst aufs Land gerettet, denn die gezielten Angriffe Russlands galten vorerst der Infrastruktur der Kernstadt.

Rudnieva suchte mehr als einen Monat nach ihrer Mutter

Wenn sie auch selbst dort erst einmal in Sicherheit waren, so sei die Angst um Familienangehörige doch allgegenwärtig gewesen. Die Infrastruktur ihrer Heimatstadt lag teilweise in Trümmern, Telefon und Internet funktionierten nicht. Olga Rudnievas Mutter habe in einer Wohnung in einem anderen Stadtteil gelebt. Es sollte mehr als einen Monat dauern, bis ihre Tochter sie wiederfand, erzählt die mit ruhiger Stimme, in der noch jetzt die Sorge zum Ausdruck kommt. Ihre Mutter habe zusammen mit anderen Bewohnern ihrer Nachbarschaft in einem Keller Schutz gesucht. Sie ausfindig zu machen sei schwierig gewesen. Auch der Weg zurück in den Innenstadtbereich von Mariupol, um die Frau dort herauszuholen. Erst nach mehreren Anläufen sei es gelungen. Sie nahmen sie mit in das Dorf, in dem schon sie untergekommen waren. Anschließend sei es ihrer Mutter gelungen, zu ihren Schwestern nach Sibirien zu reisen, erzählt Rudnieva erleichtert.

Olga Rudnieva und Oleg Polupudnov (im Hintergrund) setzen alles daran, möglichst schnell die Grundlagen der deutschen Sprache zu erlernen. Zweimal in der Woche besuchen sie einen freiwilligen Deutschkurs im Hause der Johanniter-Unfall-Hilfe. Foto: Ullrich
Olga Rudnieva und Oleg Polupudnov (im Hintergrund) setzen alles daran, möglichst schnell die Grundlagen der deutschen Sprache zu erlernen. Zweimal in der Woche besuchen sie einen freiwilligen Deutschkurs im Hause der Johanniter-Unfall-Hilfe. Foto: Ullrich

Oleg Polupudnovs Mutter hingegen blieb in dem Dorf zurück, als der Mediziner und seine Frau sich Ende Mai mit seinen beiden Töchtern auf den Weg raus aus der Ukraine machten. Sie kamen mit dem Auto gezielt nach Wittmund, sagt Olga Rudnieva auf Nachfrage. Sie habe von der guten Verbindung ihrer Stadt nach Wittmund gewusst, die Kleinstadt war ihr damit geläufig. Die Kooperative Gesamtschule Wittmund unterhielt über Jahren eine Partnerschaft mit dem Lyzeum Mariupol. Es gab mehrere Besuche von Schülern auf beiden Seiten. Freundschaften entstanden. Andere aus Mariupol Geflüchtete steuerten gezielt Bekannte, frühere Gastfamilien oder das Kollegium der KGS in Wittmund an. Nicht so Olga Rudnieva und Oleg Polupudnov.

Mittlerweile sind sie auch mit ihren Gedanken einigermaßen in Ostfriesland angekommen. Ein Zurück gibt es für sie nicht. Es gibt keine Zukunft in Mariupol, sagen sie traurig. Ihre Heimat sei nur noch eine Ruine: das Haus zerstört, das Krankenhaus verwaist. Die Endgültigkeit ist nur schwer zu ertragen; vor allem für das jüngste Familienmitglied kaum verständlich: Die Siebenjährige will nur zurück zu ihren Freunden in die Ukraine, verrät ihre Mutter mit einem liebevollen Klang der Stimme. Jetzt gibt es für die vierköpfige Familie nur eine Perspektive: Deutsch lernen. Sie nutzen, was ihnen aussichtsreich erscheint: den Integrationskurs der VHS an drei Tagen in der Woche, dazu das freiwillige Angebot der Johanniter an zwei Tagen. In ihrer Wohnung in Altfunnixsiel geht es weiter: das Gelernte vertiefen, Hausaufgaben machen und mit App und Internet immer weiter Grammatik und Vokabeln pauken. Es gibt noch so viel zu lernen, weiß Rudnieva. „Deutsch ist sehr, sehr schwierig.“

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