Serie „Unser Emden“  Conrebbersweg – im „Land des Lächelns“ blüht die Gemeinschaft

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 15.10.2022 15:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Heinz Gosciniak und Theda Geiken vor dem Bunker, in dem die Siedlergemeinschaft Conrebbersweg ihre Räume hat und ein Museum betreibt. Foto: Ortgies
Heinz Gosciniak und Theda Geiken vor dem Bunker, in dem die Siedlergemeinschaft Conrebbersweg ihre Räume hat und ein Museum betreibt. Foto: Ortgies
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Conrebbersweg wurde aus der Not geboren. Die Siedlung hat sich seit der Pionierzeit zu einem Viertel mit hoher Lebensqualität gewandelt.

Emden - Es galt früher als „Land des Lächelns“. Woher dieser Spitzname kommt, weiß in Conrebbersweg heute wohl niemand mehr genau. Möglicherweise stammt er aus der Gründerzeit dieses Stadtteils im Nordwesten von Emden, der von den Allermeisten nur Conrebbi genannt wird. Denn die ersten Siedler, die dort vor etwa 90 Jahren ihre Häuser bauten, wurden oft belächelt. Diese Pioniere entwickelten aber schon damals den starken Gemeinschaftsgeist, der diesen Stadtteil bis heute prägt.

„Ohne die Siedlergemeinschaft wäre hier tote Hose“ – Klaus de Grave

Es waren Langzeitarbeitslose, die Anfang der 1930er Jahre in schwierigen Zeiten dort ein Zuhause fanden. Die Pioniere erlitten viele Jahre Not und Entbehrungen, obwohl sie Grabeland bearbeiteten und Kleinvieh hielten. Für den Hausbau auf ihren Parzellen mussten sie noch alles selbst heranschaffen: Sand in Schuten, die vom Land aus gezogen wurden und Ziegel aus der Ziegelei in Harsweg in Loren, die an morastigen Stellen umzukippen drohten. Straßen gab es in den ersten Jahren nicht, auch keine Kanalisation, keinen Strom und kein Leitungswasser. In den kleinen Häusern lebten teilweise mehr als 20 Menschen.

Siedlergemeinschaft gründete sich 1932

Schon 1932 gründeten die ersten Bewohner die Siedlergemeinschaft Conrebbersweg. Sie trieb den Wandel der „Erwerbslosensiedlung“, wie sie zunächst genannt wurden, zu einer attraktiven Wohngegend am Rand des Stadtkerns voran.

Den „Ur-Conrebbianern“ fühlt sich der Verein auch heute noch verpflichtet. Er bildet den Kitt, der alles zusammenhält. „Ohne die Siedlergemeinschaft wäre hier tote Hose“, sagt Vorstandsmitglied Klaus de Grave. Der 81-Jährige lebt seit 1960 im Stadtteil.

Engagiert: Klaus de Grave im langen Gang des Bunkers am Radbod-Platz. Foto: Ortgies
Engagiert: Klaus de Grave im langen Gang des Bunkers am Radbod-Platz. Foto: Ortgies

Fragt man ihn, den Vorsitzenden Heinz Gosciniak und Schriftführerin Theda Geiken nach den Vorzügen von Conrebbersweg, kommen die Antworten wie aus einem Mund: „Es ist die Gemeinschaft“, sagen sie unisono. „Und die gute Nachbarschaft.“

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Das Herzstück des Stadtteils ist der Radbod-Platz am Stavorenweg. Er entstand in der ersten Hälfte der 1990er Jahre auf der alten Anlage des Sportvereins TuS Rot-Weiß. Auf dem Radbod-Platz ist oft etwas los: Dort versteckt der Osterhase die Ostereier, dort wird der Maibaum aufgestellt, dort begegnen sich Generationen und dort kommt der Nikolaus. Alles wird von der Siedlergemeinschaft organisiert. Sie macht ihren mehr als 400 Mitgliedern und auch anderen Bewohnern noch weitere Angebote.

Der Radbod-Platz ist der gesellschaftliche Mittelpunkt. Foto: Ortgies
Der Radbod-Platz ist der gesellschaftliche Mittelpunkt. Foto: Ortgies

Sicht- und greifbar wird die Identifikation der Bewohner mit ihrem Stadtteil auch in dem ehemaligen Luftschutzbunker am Radbod-Platz. Im Erdgeschoss des Betonklotzes dokumentiert die 1989 auf Initiative der Volkshochschule gegründete Geschichtswerkstatt in mehreren Themenräumen den Alltag in Conrebbi in den vergangenen Jahrzehnten. Es ist die Geschichte der Arbeit und der Anstrengungen, aber auch die der Lebensfreude und Nachbarschaftshilfe.

Arbeitsgruppe pflegt das Herzstück

Ausdruck des Gemeinschaftssinnes ist auch die aus etwa 30 Leuten bestehende Arbeitsgruppe, die regelmäßig den Radbod-Platz mit dem dazugehörigen Spielplatz sowie die Anlagen drumherum pflegt. Sie übernimmt damit Aufgaben der Stadt, bekommt im Gegenzug Material und Geräte vom Bauhof, falls etwas fehlt oder kaputt geht. „Das funktioniert bestens“, so Gosciniak.

Der komplette Stadtteil ist verkehrsberuhigt. Foto: Ortgies
Der komplette Stadtteil ist verkehrsberuhigt. Foto: Ortgies

Abseits des Zentrums ist der Stadtteil beschaulich. Dort liegen auch das Heim des Boßelvereins „Good voran“, das lutherische Gemeindehaus, die Fleischerei Zahmel und die im Jahr 1995 von der Siedlergemeinschaft errichtete Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs nahe beieinander. In den Straßen, die wie ein Gitter angelegt sind, reihen sich Einfamilien- und Doppelhäuser mit gepflegten Gärten aneinander. Mehrparteienhäuser gibt es nur im neuen Teil, der im Süden liegt.

Conrebbersweg hat noch eine Fleischerei. Foto: Ortgies
Conrebbersweg hat noch eine Fleischerei. Foto: Ortgies

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen es mehrere Gaststätten im Viertel gab. Gewerbe und Geschäfte sind Mangelware. Immerhin hat das Handwerk in Conrebbi einen echten „Exportschlager“. Es sind die Bratwürste der Fleischerei Zahmel, die weit über die Grenzen des Stadtteils hinaus berühmt ist.

Früher belächelt – heute bewundert

Und wo drückt der Schuh? Die Conrebbianer müssen bei dieser Frage lange überlegen. „Die Anbindung an den Busverkehr ist saumäßig“, sagt Klaus de Grave. Und seine Vorstandskollegin Theda Geiken stören Autofahrerinnen und Autofahrer, die sich nicht an das Tempo 30 halten. Diese Geschwindigkeitsbegrenzung gilt im gesamten Viertel. Das sind aber Probleme, die sich nicht von denen anderer Stadtteile unterscheiden. Das lässt auf eine hohe Zufriedenheit der Conrebbianer in ihrem Viertel schließen. Also doch ein „Land des Lächelns“ – im positiven Sinn.

Mehr zu Conrebbersweg

  • Einwohner: 2100
  • Fläche: rd. 2,4 Quadratkilometer
  • Ärzte: In Conrebbersweg praktiziert eine Frauenärztin. Weitere Arztpraxen befinden sich in den umliegenden Stadtteilen.
  • Bildung: Das DRK betreibt einen Kindergarten in Conrebbersweg. Die nächsten Schulen sind im benachbarten Kulturviertel.
  • Versorgung: Im Stadtteil gibt es eine Fleischerei und eine Bäckerei. Die nächsten Einkaufsmärkte befinden sich in Harsweg.
  • Kirche: In Conrebbersweg gibt es ein Gemeindehaus der lutherischen Kirche und das Gemeindehaus Gröne Stee der reformierten Kirche.
  • Sonstiges: Conrebbersweg hat einen „überdachten“ Radweg. Er verbindet den Stadtteil mit Harsweg und führt unter der A31 entlang.

Alle Teile der Serie „Unser Emden“ finden Sie hier.

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