Schuhverkauf im Wandel  Sein Opa hat noch Schuhe aus Gasmasken gefertigt

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 17.10.2022 18:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Insa Uphoff hält modische Pumps in die Kamera. Fotos: Ortgies
Insa Uphoff hält modische Pumps in die Kamera. Fotos: Ortgies
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Cornelius Uphoff vom Schuhhaus Bockstiegel in Leer blickt auf eine lange Unternehmenstradition zurück. Das diesjährige Jubiläum wird ihm aus einem bestimmten Grund vergällt.

Leer - Sein Blick ist diskret. Diskret und präzise. In dem Blick liegt das Wissen von vier Generationen im Dienst des Schuhverkaufs. Cornelius Uphoff würde niemals einen Kunden anstarren. Fast beiläufig registriert er am Gang, der Kleidung und der Größe, was der Kunde benötigt. Der verlässt das Leeraner Schuhhaus Bockstiegel an der Mühlenstraße deshalb manchmal mit einem anderen Fabrikat als dem, das er haben wollte. Ganz sicher wird er aber etwas gekauft haben, das ihm passt. Das sich wie eine zweite Haut um seine Füße schmiegt. „Nur ein paar Millimeter bestimmen beim Leisten darüber, ob ein Schuh passt oder nicht“, sagt Cornelius Uphoff. Der Leisten ist ein Modell des Fußes, nach dem der Schuh gefertigt wird. Seine Form entscheidet darüber, wie das Produkt später aussehen wird. Früher waren die Leisten aus Holz, mittlerweile sind sie vielfach aus Kunststoff. Sie sind für die Produzenten ein ganz wichtiges Kapital. Ihre Fertigung ist sehr aufwendig und kostspielig.

Cornelius und Insa Uphoff geben ihr Geschäft in Leer Ende des Jahres auf.
Cornelius und Insa Uphoff geben ihr Geschäft in Leer Ende des Jahres auf.

„Dies ist einer der Gründe für die Preisunterschiede bei Schuhen. Bei Markenschuhen mit guter Passform wurde viel Geld für die Leistenproduktion aufgewendet. Bei billigen Schuhen kann es hingegen sein, dass weniger Entwicklungsarbeit in den einzelnen Leisten gesteckt oder dass er aus minderwertigem Material hergestellt wird und sich daher auch leichter verformt“, sagt Dr. Claudia Schulz. Sie ist Sprecherin des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie. Von Berufs wegen schwört sie auf einen Schuh mit guter Passform. Das komme langfristig den Füßen, ja dem ganzen Körper zugute.

Diese Schuhe hat eine Frau aus dem Rheiderland mehrere Jahrzehnte lang getragen.
Diese Schuhe hat eine Frau aus dem Rheiderland mehrere Jahrzehnte lang getragen.

Firmen haben gutes „Leistenwissen“

Auch für Cornelius Uphoff ist das maßgeblich. Voller Respekt spricht er von dem „Leistenwissen“, das gute Traditionsfirmen haben. Gabor etwa oder die Pirmasenser Firma Peter Kaiser, die 1838 gegründet wurde und lange Zeit ein Zentrum der Schuhproduktion in Westeuropa war. 1914 gab es in der pfälzischen Stadt 240 Schuhfabriken mit 14.000 Beschäftigten. Zu diesem Zeitpunkt war Bockstiegel schon 42 Jahre lang am Markt. Das Unternehmen ging hervor aus einer Schuhmacherwerkstatt, die Harm Bockstiegel 1872 in Aurich gegründet hatte. Er fertigte selbst Schuhe nach Maß an, ein Prozess, der sich nicht mehr lohnte, als Fabriken wie in Pirmasens aufkamen. Sein Sohn Otto übernahm das Geschäft in den 20er Jahren. „Weil es nach dem Krieg kein Leder gab, hat er Schuhe aus Gasmasken hergestellt“, berichtet sein Enkel. Nach dem Krieg machte er Filialen in Leer und Emden auf, die später von seinen Kindern übernommen wurden. Tochter Helga bekam 1948 das Geschäft in Leer in der Mühlenstraße 10 und führte es mit ihrem Mann Cornelius Paul Uphoff.

Sohn Cornelius übernahm die Firma 1989 – und war, wie andere auch, mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Erst waren es die Discounter, gegen deren Preispolitik er ankommen musste, dann der Online-Handel. Der 69-Jährige erzählt im Gespräch mit dieser Zeitung von einer Frau aus Leer, die jüngst 35 Paar Brautschuhe im Internet bestellt haben soll. Hier ein Klick, dort ein Klick und ein paar Tage später wuchtete der Bote eines Online-Versender Dutzende Pakete in den dritten Stock. War es der dritte Stock? Upfhoff weiß es nicht. Er mag sich nicht vorstellen, wie viel Verpackungsmaterial für diese Bestellung verwendet wurde. Von der Ökobilanz ganz zu schweigen. Seine Firma betreibe selbst ein Online-Portal, sei über Amazon aktiv. „Aber 57 Prozent der Schuhe kommen zurück“. Das bedeute einen enormen Aufwand und vor allem einen entsprechend hohen Kostenfaktor.

In den 50er Jahren siedelte das Schuhhaus Bockstiegel von Aurich nach Leer um. Foto: Archiv/Stadt Leer
In den 50er Jahren siedelte das Schuhhaus Bockstiegel von Aurich nach Leer um. Foto: Archiv/Stadt Leer

Schuh als langlebiges Produkt

Brautschuhe sind das Paradebeispiel dafür, dass Schuhe Schönheit und vielleicht auch einen Hauch Extravaganz vermitteln können. Das ist die eine Seite. Es ist die, die Frauen beim Kauf von Schuhen die Welt vergessen lässt. Sie inspiriert Designer wie Manolo oder die Niederländerin Deniz Terli zu einzigartigen Kreationen, die eine „Hommage an die sinnliche Weiblichkeit“ sind, wie es auf der Homepage „Die-Welt-der Schuhe.de“ heißt. Auf der anderen Seite steht die Schutzfunktion des Schuhs. Sie sollen Dreck, spitze Steine, Kälte und Wärme abhalten. „Der Wechsel zwischen Schutzfunktion und Prestigeobjekt zieht sich durch die gesamte Geschichte der Schuhe“, sagt Dr. Claudia Schulz.

Aktuell steht die Schutzfunktion offenbar ganz hoch im Kurs. Sneaker oder Turnschuhe bestimmen das Sortiment. Cornelius Uphoff kann nicht verhehlen, dass er etwas unglücklich über diesen pragmatischen Trend ist. Wo bleibt die Vielfalt? Die ist für ihn eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Schuhfachgeschäft. „Wir selbst führen derzeit intensiv zehn Marken“, sagt der Geschäftsmann. Er deutet auf einen schwarzen Schnürstiefel, der im Regal oberhalb der Kasse steht. „Den hat eine Dame aus Ditzumerverlaat 1949 bei uns gekauft und ihn 50 Jahre später wiedergebracht – als eine Art Souvenir für uns. Trotz Gebrauchsspuren könnte man ihn heute noch tragen“, begeistert sich der Geschäftsmann für das langlebige Produkt. Aus jeder Silbe spricht die Leidenschaft für seinen Beruf und sein Geschäft. Dessen Tage sind allerdings gezählt. Ende des Jahres wird Cornelius Uphoff den Betrieb für immer schließen: „In der Familie gibt es keinen Nachfolger.“ Die Corona-Pandemie habe seinem Unternehmen überdies stark zugesetzt. „Die Maßnahmen waren schmerzhaft“, betont er mit Blick auf die vergangenen „sehr harten“ zwei Jahre. 350.000 Euro habe er zuschießen müssen. Jetzt muss sich sein präziser Blick auf Kalkulationen und Bilanzen richten. Und die zwingen ihn zum Aufgeben.

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