Folgen der Energiepreise „Kommt wieder bei uns einkaufen“ – Einzelhandel in Schwierigkeiten
Die Energiepreissteigerungen treffen Ladenbetreiber doppelt: Sie müssen selbst mehr bezahlen und ihre Kunden müssen sparen. Drohen in ostfriesischen Innenstädten zusätzliche Leerstände?
Ostfriesland/Berlin - Die steigenden Energiekosten machen dem stationären Einzelhandel zu schaffen, also den Ladengeschäften. „Neben dem allgemeinen Trend zum Online-Handel, der durch die Corona-Pandemie noch befeuert wurde, führen nun die steigenden Energiepreise in zweifacher Hinsicht zu einer Verschärfung der Lage“, berichtet Jörg Thoma, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands für Ostfriesland auf Anfrage.
„Auf der einen Seite müssen die Einzelhandelsbetriebe sich auch mit teilweise sehr hohen Energiepreisen auseinandersetzen, die es in dieser Form noch nie gab“, erläutert Thoma. Teilweise hätten sich die Kosten versechs- bis verzehnfacht. Da sich auch die Kunden mit teurer Energie konfrontiert sähen, könnten die höheren Kosten aber „kaum auf die Waren umgelegt“ werden – weil sie sonst womöglich nicht mehr verkäuflich seien.
Staatliche Hilfen für Händler gefordert
Aus dieser Zwickmühle kämen die Händler „nur mit einem gezielten und schnellen staatlichen Eingreifen heraus“, schreibt Thoma und fordert: „Die Entlastungen müssen nun schnell und unbürokratisch für Unternehmen und Bürger kommen!“ Ähnliches verlangt laut Deutscher Presse-Agentur (DPA) der Handelsverband Deutschland (HDE): Die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Milliardenhilfen gegen hohe Energiekosten müssten auch den Einzelhändlern zugutekommen. „Ansonsten könnten wir ein Desaster in vielen Innenstädten erleben“, sagt ein HDE-Sprecher und mahnt: „Stirbt der Handel, stirbt die Stadt.“ Gerade in der Krise gelte es zudem, mit Investitionen gegenzusteuern. Einer kürzlich vom HDE veröffentlichten Umfrage zufolge schränken sich bereits 60 Prozent der Verbraucher beim Einkaufen ein, und gut drei Viertel wollen in den kommenden Monaten den Gürtel enger schnallen.
Erneut dürfte es den stationären Mode- und Bekleidungshandel treffen, der seit Jahren schwächelt, so die DPA. Für die gesamte Branche stellt sich der HDE auf ein Umsatzminus von fünf Prozent im zweiten Halbjahr ein – und zwar im Vergleich zum bereits pandemiebedingt schwachen zweiten Halbjahr 2021.
Wie läuft es in Ostfriesland?
Eine leichte Zurückhaltung der Einkäufer sei in Ostfriesland bereits zu spüren, aber noch kein Anlass zur Panik, sagt Thoma. Die Krise könne auch dazu führen, dass Verbraucher bewusster einkaufen und zum Beispiel nicht nach Bremen oder Hamburg fahren, sondern sich in der Region umsehen. Erst zum Jahresende könne zuverlässig Bilanz gezogen werden.
Auch bei der IHK wird die Entwicklung noch vorsichtig bewertet. Im Lebensmittelhandel griffen die Kunden verstärkt zu den (günstigeren) Eigenmarken, sagt Kerstin Kontny, Abteilungsleiterin für Tourismus, Handel und Dienstleistungen der Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg. Aus dem Mode- und Bekleidungsbereich sei teilweise zu hören, dass zwar weniger Kunden kämen, aber die Umsätze noch passen würden.
Handeln für den Handel in den Innenstädten
Bei der Energieeffizienz seien viele Händler schon gut aufgestellt, sagt Kontny, so dass da nicht mehr viel rauszuholen sei. Daher werde teilweise versucht, durch eine Einschränkung der Öffnungszeiten Personalkosten zu sparen.
IHK und Einzelhandelsverband sind sich einig, wie gegengesteuert werden kann: Es gelte, Innenstädte lebendig zu gestalten. Leerstände würden schon heute oft mit provisorischen Geschäften für eine Übergangszeit vermieden. Handel, Gastronomie, Spielplätze, Ärzte und Behörden – all das bringe Frequenz. In diesem Jahr sind laut Kontny die Weihnachtsmärkte besonders wichtig.
Hilferuf des Leeraner Unverpackt-Ladens
Derweil schlägt der Leeraner Unverpackt-Laden „Loses Gut“ im Internet Alarm: Das dritte Jahr des Bestehens werde „vermutlich auch das letzte“. Denn: „Schon seit Ende des letzten Jahres verzeichnen wir einen Kunden- und Umsatzrückgang, der sich mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine und all seinen Folgen nochmals deutlich verstärkt hat.“
Zu einem Umsatzrückgang von mehr als 30 Prozent kämen „deutlich gestiegene Nebenkosten“ hinzu, schreiben die Ladenbetreiber auf Instagram. Was helfen würde? „Kommt wieder bei uns einkaufen.“