Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus  Nach langem Zögern gibt es die ersten Stolpersteine für Leer

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 18.10.2022 12:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Stolpersteine gibt es schon in vielen deutschen Städten – auch in Ostfriesland. Foto: Brahms
Stolpersteine gibt es schon in vielen deutschen Städten – auch in Ostfriesland. Foto: Brahms
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Der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg hatte sie sich gewünscht. Am Samstag werden 15 Stolpersteine für seine Verwandte verlegt. Es werden wohl nicht die letzten sein.

Leer - Am kommenden Sonnabend werden in Leer die ersten Stolpersteine verlegt. Die zehn mal zehn Zentimeter großen Messingsteine, die es mittlerweile in zahlreichen deutschen und europäischen Städten gibt, erinnern an Opfer des Nationalsozialismus und werden vor deren Wohnhäusern in den Boden eingelassen.

Auch in Ostfriesland sind sie schon in vielen Städten und Gemeinden zu finden, bisher aber nicht in Leer. Das habe daran gelegen, dass es bei der jüdischen Gemeinde in Oldenburg, in deren Zuständigkeit Leer fällt, Vorbehalte gegeben habe, hatte Wolfgang Kellner, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland, erklärt. Nicht allen Juden gefalle die Vorstellung, dass der Name ihrer Vorfahren im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten werde.

Schüler tragen Biografien vor

Die Stimmung in Leer änderte sich, nachdem der 97-jährige Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg, der seit zehn Jahren in Leer lebt, sich ausdrücklich Stolpersteine für seine Verwandten gewünscht hatte, die zuletzt in der Reimersstraße und in der Bremer Straße gelebt hatten. Ein Spendenaufruf brachte schnell genug Geld für die 15 Steine, die vom Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine Anfang der 1990er Jahre erfunden hatte, verlegt werden.

Schüler des Ubbo-Emmius-Gymnasiums und des Teletta-Groß-Gymnasiums aus Leer sowie des Albrecht-Weinberg-Gymnasiums in Rhauderfehn haben die Biografien der Opfer zusammengetragen und werden sie bei der Verlegung vortragen. Die ersten sechs Steine werden ab 9 Uhr in der Bremer Straße 70 für die jüdische Familie Cohen verlegt werden. Es folgen in der Bremer Straße 14a vier Stolpersteine für die Familie Grünberg und schließlich in der Reimersstraße 6 fünf Stolpersteine für einen weiteren Familienzweig der Grünbergs. Der Musiker Uwe Heger begleitet die Zeremonie. Es werden Familienmitglieder unter anderem aus Kanada, Israel und den Niederlanden erwartet.

Vortrag des Künstlers

Wie er bei seiner künstlerischen Arbeit zu den Stolpersteinen gelangt ist, wird Gunter Demnig am Tag vor der Verlegung in einem Vortrag schildern. Er findet am Freitag ab 18.30 Uhr im Veranstaltungs-Forum der Sparkasse in der Bürgermeister-Ehrlenholtz-Straße 14 statt, der Eintritt ist frei. „Gerade, weil es jahrelang Vorbehalte in Leer gegen die Verlegung von Stolpersteinen gegeben hat, ist es mir wichtig, dass das Projekt öffentlich vorgestellt wird“, sagt Projekt-Koordinator Bernd-Volker Brahms.

Die Stolpersteine werden ins Pflaster verlegt. Foto: Brahms
Die Stolpersteine werden ins Pflaster verlegt. Foto: Brahms

Auch ohne Stolpersteine wurde und wird die Erinnerungskultur in Leer bis heute groß geschrieben. So wurden 1985 zum ersten Mal ehemalige jüdische Mitbürger eingeladen. Einer von ihnen war damals Albrecht Weinberg mit seiner Schwester Friedel Weinberg. Sie lebten seinerzeit in New York. Es entwickelten sich enge Kontakte, das Synagogen-Denkmal entstand und die Ehemalige Jüdische Schule wurde zu einem Lern- und Erinnerungsort. Zuletzt wurde der Bahnhofsvorplatz im Sommer in Liesel-Aussen-Platz umbenannt.

100. Stein in Weener

Es ist davon auszugehen, dass die ersten 15 Stolpersteine nicht die letzten in Leer sein werden. Das Projekt hatte die Familie des 1939 nach Argentinien geflohenen Albrecht Speier elektrisiert, die vor wenigen Wochen in Leer zu Besuch war. „Das wünsche ich mir für meinen Vater auch“, hatte Miriam Speier der Redaktion im August gesagt.

Am Freitag ist der Künstler Gunter Demnig in Weener aktiv. Dort werden ab 13.30 Uhr in der Süder-, der Kreuz- und der Hauptstraße 25 Steine verlegt, es werden die Stolpersteine 76 bis 100 in Weener sein.

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