Krieg in der Ukraine Hoffen auf den neuen Anfang im alten Land
Olga Telebzda und Dmytro Lohvynov sagen, sie haben in Ostfriesland alles, was sie brauchen. Und doch wollen sie zurück in die Ukraine. Die Familie möchte nicht getrennt sein.
Wittmund - „Deutschland hat uns herzlich willkommen geheißen“, zeigt sich Dmytro Lohvynov dankbar. „Die Ostfriesen sind gute Nachbarn“, übersetzt die wie er aus der Ukraine stammende Elena Kalinina für ihren 48 Jahre alten Landsmann. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Olga Telebzda und zwei Kindern sei er im April nach Deutschland gekommen. Ihre 14-jährige Tochter hatte gesundheitliche Probleme. Schon vor einem Jahr gab ihre 32 Jahre alte Stiefmutter ihren Arbeitsplatz in einem Kino auf, um ganz für das kranke Kind da zu sein. Mit dem Beginn der Angriffe Russlands auf die Ukraine Ende Februar hätten ihr Gesundheitszustand und die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung sich verschlechtert. Sie stammen aus dem Süden der Ukraine, aus dem gleichnamigen Bezirk um die Stadt Mykolajiw, berichten sie.
Was und warum
Darum geht es: Nach ihrer Flucht aus der Ukraine im April fühlen sich Dmytro Lohvynov und Olga Telebzda in Wittmund sehr willkommen, wollen aber dennoch unbedingt zurück in ihre Heimat.
Vor allem interessant für: jeden, der das Geschehen in der Welt und vor der eigenen Haustür verfolgt
Deshalb berichten wir: Jeder einzelne Flüchtling in einer Statistik hat seine ganz eigene Geschichte. Zu schnell vergisst man die Menschen hinter den Zahlen. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Ärzte hätten dem Paar gesagt, das Kind müsse Ruhe haben. Telebzda trat mit dem Mädchen und seinem achtjährigen Bruder den Weg zur Grenze an. Lohvynov war in der Baubranche tätig und folgte seiner Familie zwei Wochen später. Seit dem Beginn der Angriffe auf seine Heimat habe er nicht mehr arbeiten können, erzählt er im Haus der Johanniter-Unfall-Hilfe in Wittmund, obwohl es mehr als genug zu tun gebe. Hier besucht er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin einen freiwilligen Deutschkursus an zwei Vormittagen in der Woche. Sie kamen durch Zufall in den Kreis Wittmund.
9,4 Prozent der Asylsuchenden kommen nach Niedersachsen
Geflüchtete, die in Deutschland ankommen, werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge registriert und auf die Bundesländer verteilt. Die Aufnahmequote, also die Anzahl der Menschen je Land, richtet sich nach dem Steueraufkommen und der Bevölkerungszahl zu zwei beziehungsweise einem Drittel. Konkret bedeutet es, dass Niedersachsen 9,4 Prozent der Menschen aufnehmen muss. Das Land unterhält für Asylsuchende an den Standorten Braunschweig, Bramsche und Friedland, Oldenburg und Osnabrück Aufnahmeeinrichtungen. Von dort aus werden Schutzsuchende wie Telebzda und Lohvynov auf die Landkreise verteilt. Ihre Familie wurde zunächst in Friedeburg untergebracht. Mittlerweile haben sie in Rispel eine Wohnung zur Miete gefunden.
Ihre Tochter bekomme medizinische Hilfe, berichten sie. Was ihr genau fehlt, können sie nicht sagen. Ein Teil der Untersuchungen stehe noch aus. Termine bei Fachärzten seien in Deutschland schwer zu bekommen, wissen sie mittlerweile. Sie sind in Sicherheit, fühlen sich wohl und um ihre Tochter wird sich gekümmert. Und doch ist Deutschland für sie nur ein Etappenziel. „Die Kinder wollen nach Hause“, übersetzt Kalinina. Sie alle wollen zurück in die Ukraine. Ihre Heimat ist auch jetzt noch stark umkämpft, dorthin werden sie nicht zurückkönnen, sagen sie mit einem deutlichen Bedauern in der Stimme. Lohvynovs ältester Sohn ist selbst bereits Familienvater und hat mit seiner kleinen Familie in einem anderen Teil der Ukraine neu angefangen. Dorthin, so hoffe der 48-Jährige, werde auch der Rest der Familie irgendwann gehen können. „Sie wollen alle zusammen sein“, unterstreicht die Übersetzerin.
Deutschlernen als Ablenkung
Bei aller Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende verschließt der Handwerker nicht die Augen vor der Realität. Wie sehr er sich Sorgen um die Sicherheit seiner in der Ukraine gebliebenen Familie macht, zeigt die Reaktion auf eine Nachfrage. Wir wollen wissen, ob unter diesen Umständen ein Kontakt überhaupt möglich ist – so dass er regelmäßig erfährt, ob alle wohlauf sind. Das sei zu schwierig, das könne er nicht beantworten. Lohvynov gibt uns deutlich zu verstehen, dass weitere Fragen dieser Art unerwünscht sind.
Das Pauken deutscher Vokabeln ist in seinem neuen Alltag eine willkommene Ablenkung. Und das, obwohl ihm das Lernen schwerfällt. „In dem Moment, in dem er Deutsch lernt, kann er nicht über seine Probleme nachdenken.“ Seine Motivation dazu ist groß, schon allein, um der Langeweile zu entfliehen und möglichst bald wieder eigenes Geld zu verdienen. Vorerst geht das nicht. Dabei werden in der Baubranche Leute gesucht. Dmytro Lohvynov muss sich gedulden, fleißig Deutsch lernen und darauf hoffen, dass seine Arbeitszeugnisse schnell anerkannt werden.