Serie „Leven van de See“ Das passiert nach 100 Jahren Meierei auf Langeoog
Seit dem Jahr 1930 betreibt die Familie Falke die Domäne Ostende auf der Ostfriesischen Insel Langeoog. Ein Jahr nach dem Jubiläum könnte es damit vorbei sein.
Langeoog - Dagmar Falke in der Saison für ein Gespräch zu fassen zu bekommen, ist nicht leicht. Rund um die Uhr ist sie für die Gäste der Meierei auf der Ostfriesischen Insel Langeoog auf den Beinen. Für die Feriengäste und die Gäste des Ausflugslokals. Hinsetzen und reden, dafür bleibt wenig Zeit. Ein Treffen klappt am letzten Tag des Aufenthalts. Zu einer Zeit, in der die Insel noch ruhig ist. Vor Abfahrt der Fähre zurück nach Bensersiel am Vormittag geht es noch einmal mit dem Rad acht Kilometer raus zur Meierei.
Die Serie „Leven van de See“
Die Nordsee. Mal malerisch ruhig, mal wild und stürmisch. Sehnsuchtsort und Arbeitsort in einem. Es gibt Menschen, die all ihre Facetten kennen, weil sie täglich mit ihr zu tun haben. Das Leben von und mit dem Meer prägt die ostfriesische Halbinsel sogar bis ins Landesinnere hinein. Es ist Nahrungsquelle, liefert Werkstoffe und Zutaten, ist Wasserstraße und manchmal auch Energiespender. In dieser Serie geht es darum, wie sich der Mensch an das Leben am und mit dem Meer angepasst hat. Unter dem Motto „Leven van de See“ berichten Ostfriesen von ihrer Verbindung zur Nordsee. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, ihren persönlichen Blickwinkel und ihre Wünsche für die Zukunft.
Die nächste Folge: Am nächsten Donnerstag berichtet der Langeooger Inselfotograf Deff Westerkamp von seiner Sicht auf das Wattenmeer.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de oder 04941/6077-519
Acht Kilometer sind im Vergleich zu anderen Ostfriesischen Inseln ein weiter Weg. Dagmar Falke weiß, wie sich die Strecke in den Ort bei Wind und Wetter anfühlt. Steife Brisen wehen oft, meist kommen sie von vorne. Falke ist hier aufgewachsen. Hier, im letzten Haus vor dem Ostende. Von der Meierei aus ist sie selbst als Kind diese acht Kilometer noch über den alten Sandweg ins Dorf zur Schule geradelt. Das war im Jahr 1969. Kurz darauf baute ihr Vater ein Haus im Ort, damit sie und ihr Bruder in der Woche dort bei der Oma leben und zur Schule gehen konnten.
Nicht einsam, sondern wunderschön
Bis zu dem Zeitpunkt gab es in ihrem Leben nur diesen Ort weit draußen. „Einsam war es nicht – es war wunderschön“, sagt sie, wenn sie nach der Zeit gefragt wird. „Ich bin nicht in den Kindergarten gegangen, wir haben draußen gespielt und nichts vermisst“, sagt Falke. Ihre Augen leuchten. Im Winter hatte sie hier ihre Familie, den zwei Jahre jüngeren Bruder und jede Menge Platz. „Im Sommer haben wir uns auf die Feriengäste gefreut. Damals hatten wir noch mehr als 40 Hausgäste“, erinnert sich die heute 59-Jährige.
Es ist windig. Ohne Motor ist die Fahrt zur Meierei eine kleine Quälerei. Trotz Schmuddelwetter wird wegen des Virus draußen geredet. Keine Inselgastronomie kann sich eine Corona-Infektion leisten. Bis Ende Oktober ist die Meierei noch geöffnet, dann hat auch Dagmar Falke wahrscheinlich wieder mehr Zeit für sich, für die Tiere und für ihre Insel. Es gibt Zeiten, da schafft sie es ein ganzes Jahr lang nicht ans Meer. Dabei sind es Luftlinie zum wahrscheinlich schönsten Strand der Insel gerade einmal 500 Meter. Etwas zu tun gibt es eigentlich immer.
Dickmilch als Kultobjekt
Wie viel Arbeit eine Gastronomie wie die Meierei und die Feriengäste bedeuten, weiß Falke schon lange. „Ich habe im Betrieb geholfen, seit ich etwa elf Jahre alt war“, sagt sie. Die Meierei ist ihr Leben. Hier verpflegt sie die Inselgäste seit Jahrzehnten mit Mahlzeiten, die schon fast einen Kultstatus erreicht haben – so wie die Meierei selbst. Es gibt Traditionelles wie Schwarzbrot, Dickmilch und Sanddornsaft, Hühnersuppe, Kuchen.
So war es schon, als die ersten Gäste vom Strand über die noch jungen Dünen zur damals landwirtschaftlich genutzten Meierei kamen und nach Verpflegung fragten. Dass sie den Betrieb einmal übernehmen würde, war immer klar. Über eine andere Option wurde nie gesprochen. Das war auch nicht notwendig, denn Dagmar Falke liebt diesen Ort. Doch jetzt will sie darüber reden. „In acht Jahren feiern wir 100-jähriges Bestehen“, sagt sie. 1930 hatte Erich Falke im Alter von 25 Jahren die Meierei gepachtet. 1971 wurde sie an ihre Eltern Klaus und Doris Falke weitergegeben. Dagmar Falke hat ihrem Großvater und ihrem Vater versprochen, ihnen ein Denkmal zu setzen. 100 Jahre sind dafür ein guter Anlass.
Die Zukunft ist noch offen
Seit 1995 ist Dagmar Falke mit ihrem Ehemann Klaus Jacobs am Ruder, kümmert sich um die Meierei samt der dazugehörigen Pferde, Ponys und Kleintiere. Wenn sie von dem großen Jubiläum spricht, redet sie auch davon, was ein Jahr danach passieren wird. Dann läuft die Pacht für den Hof aus. Dagmar Falke wird die letzte ihrer Familie in der Meierei sein. Sie hat keine Kinder. Darüber, was danach mit der Gastronomie passieren wird, denkt die gelernte Hotelfachfrau viel nach. „Vielleicht übernimmt unser Ziehkind“, sagt sie, „aber sie absolviert gerade erst ihre Ausbildung.“ Mehr als abzuwarten und die letzten Jahre zu genießen, bleibt ihr jetzt nicht übrig. Sollte die Übergabe klappen, wollen sie und ihr Mann bleiben und bei dem Betriebsübergang unterstützen.
Und wenn es 2031 nicht weitergeht? Das ist ein Gedanke, der ihr das Herz schwer macht. „Dann kann ich nicht auf der Insel bleiben“, sagt Dagmar Falke, obwohl sie noch ein Haus in der Stadt besitzt. „Ich könnte mir nicht vorstellen, zu bleiben und zu sehen, wie sich die Meierei verändert und vielleicht ihren Charakter verliert.“ Weggehen ist ein Gedanke, der sie nicht nur traurig macht, denn sie hat Ziele: eine Wohngemeinschaft mit Freunden in den Bergen vielleicht. Weit weg. Ein ganz anderes Leben führen. Schließlich kennt sie bis auf ihre Zeit an der Hotelfachschule in der Schweiz und später bei einer Anstellung in dem Gletscherdorf Saas-Fee kaum etwas anderes. Dorthin war sie damals gegangen, um einmal etwas ganz anderes als ihre Insel zu sehen. 1988 kam sie zurück. Seitdem lebte sie in der Meierei. Vielleicht ist es bald Zeit für etwas Neues. Bis sie weiß, wie es weitergeht, läuft es erst einmal wie gewohnt.
Glossar
Tourismus auf Langeoog: Im Jahr 1830 war Amtsrichter von Vangerow der erste Badegast der Insel Langeoog. Die Gästezahlen steigerten sich zunächst langsam. 1851 waren es 100. Als im Jahr 1867 eine regelmäßige Fährverbindung zwischen Bensersiel und der Insel eingerichtet wurde, zählte man bereits 365 Gäste. Kapitän Frerich Otten Leiß fuhr sie einmal wöchentlich mit einer kleinen Schaluppe rüber. 2019 waren es 243.975 Gäste.
Alte Meierei: Der Name Meierei stammt von einem Domänenverwalter aus Schleswig-Holstein, der diese Bezeichnung 1895 aus seiner Heimat mitbrachte. Damals gehörte die Meierei zum Kloster Loccum und versorgte das Inselhospiz mit Milch, Butter, Käse, Fleisch, Getreide, Eier und Gemüse. Die offizielle Bezeichnung blieb aber seit der Gründung im Jahr 1741 unverändert „Domäne Ostende“. Im Jahr 1953 wurde die Domäne aufgelöst und die Landwirtschaft aufgegeben. Der Name Meierei blieb.
Gastronomie in der Meierei: Im Jahr 1740 als „Domäne Ostende“ eingerichtet. Ein Jahr später baute Vogt Taaken dort eine Wohnstätte, die heutige Meierei. Bereits 1768 wurde dem Pächter vertraglich von der fürstlichen Verwaltung in Aurich das Recht erteilt, eine Krugwirtschaft zu führen. Im Jahr 1828 wurde die Krugwirtschaft eingerichtet, vermutlich mit lebhaftem Tagesverkehr.
Von einem besonderen Inselleben am Ostende von Langeoog
Geschichte Sturmfluten und die Abgeschiedenheit prägten das Leben am Ostende der Insel Langeoog bis in die 70er Jahre
Nicole Böning und Familie Falke
Langeoog - Wer auf einer Ostfriesischen Insel lebt, kommt der Nordsee manchmal näher, als ihm lieb ist. Vor allem die Bewohner der alten Meierei im Osten der Insel Langeoog haben vieles mitgemacht. Spannend ist, dass sie diese Erlebnisse aufgeschrieben haben. Über die Jahrzehnte sind so Zeugnisse der Geschichte des kleinen Domänenhofs entstanden, die das Leben dort greifbar machen. Ein Leben, das so anders ist, als sich viele Festländer vorstellen können. „Es war anfangs hart“, erinnert sich Dagmar Falke an ihre frühen Erfahrungen und die Erzählungen der Eltern und Großeltern. Auf der abgelegenen Meierei ist es nicht nur der Inselfaktor, der das Leben besonders macht. Baumaterial muss aufwendig mit dem Schiff hierher transportiert werden. Das war beim Umbau zur Gastwirtschaft nach dem Brand 1962 eine große Herausforderung. Bei der Meierei kommt die Abgeschiedenheit dazu – als Kind hatte Dagmar Falke, die heute die Meierei betreibt, neben ihrer Familie die Dünen und in der Saison die Feriengäste. Sie vermisste nichts, sagt sie. Noch immer streift sie über die Insel, wenn die Gäste weg sind. Genießt die Tiere, die Ruhe und die Weite.
1971 wurde der Weg zur Meierei ausgebaut. Das Ausflugslokal war jetzt über einen befestigten Plattenweg erreichbar, der seitdem bis zum Ostende führt und mehr Touristen brachte. „Seit 1972 ging es aufwärts“, sagt Falke. Ein weiterer Meilenstein: Seit dem Jahr 1975 ist die Gastwirtschaft mit einem Deich vor Sturmfluten geschützt. Kein Jahr zu früh, denn schon im Januar 1976 traf eine Sturmflut die Insel Langeoog, die es in sich hatte. Damals war Dagmar Falke 13 Jahre alt. „Ohne den Deich, hätte das Haus bis zu den Fensterbänken im Wasser gestanden“, sagt Falke. Was die Familie dann erwartet hätte, hat ihr Großvater in einem Bericht über die Jahrhundertflut im Jahr 1962 aufgeschrieben. Damals – ein Jahr vor ihrer Geburt – war die Meierei mit einem blauen Auge davongekommen. Ihr Großvater Erich Falke schrieb: „In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar wurde die gesamte Nordseeküste von einer schweren Sturmflut heimgesucht. Den ganzen Tag hatte ein schwerer Sturm getobt. Er kam aus West und nahm gegen Abend noch zu. Seit etwa 16 Uhr hatten wir auflaufendes Wasser. Um 22.15 Uhr war planmäßig Hochflut. Bereits um 20 Uhr lief uns das Wasser in die Ställe. Es war eine mondhelle Nacht und wir konnten die Flut kommen sehen. Welle für Welle rollte sie auf das Haus zu. Wir mussten das Vieh in die höhergelegenen Dünen treiben.
Eine unglaublich schwierige Arbeit. Die verängstigten Tiere versuchten, vor dem tosenden Weststurm nach Osten zu fliehen. Das wäre ihr sicheres Verderben gewesen. Das Nächste war dann die Bergung unserer Vorräte. Diese Aufgabe bewältigte meine Schwiegertochter allein. Währenddessen bemühten sich mein Sohn und ich um die Sicherung des Hauses. Wir rissen vor den Hauseingängen das Pflaster auf und schaufelten Sand meterhoch vor die Türen, um das Eindringen des Wassers zu verhindern. Es dauerte bis gegen 23 Uhr. Dann hatten wir es geschafft: Die Ebbe setzte ein, die Flut ging zurück, kein Tropfen Wasser war ins Haus eingedrungen. Die Gefahr war überstanden. Die Bilanz dieser Nacht: Bis auf ein paar ertrunkene Hühner konnten wir alles Vieh, unsere Vorräte und das Inventar retten. Trotzdem war der Schaden dieser Sturmflut beträchtlich. Er betrug 20.000 Mark, amtlich taxiert von der großen Schadenfeststellungskommission. Die Osterwiese, die völlig überflutet wurde, brauchte drei Wochen zum Abtrocknen und war anschließend durch das Seewasser so versalzen, dass die Vegetation stark beeinträchtigt war. Erst Ende Juni konnten wir unser Vieh austreiben.“
Die große Sturmflutim Jahr 1962
20.000 Mark Schaden in einer Nacht
Von Leer zu den Walen Neuseelands
Der Mann und die Insel-Teiche von Norderney
Vom Segeln und Lernen auf See
Vom Schreibtisch ins Nichts am Meer
Der Reeder-Rebell von Juist
Mittler zwischen Meer und Mensch