Hilfswerk in Wiesmoor  Mehr verarmte Ältere suchen Hilfe bei „Hermas Box“

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 20.10.2022 18:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Herma Schoon sortiert gespendete Marmeladengläser im Gemeindehaus in Marcardsmoor. Dort darf ihr Hilfswerk einen Raum als Warenlager nutzen. Foto: Cordsen/Archiv
Herma Schoon sortiert gespendete Marmeladengläser im Gemeindehaus in Marcardsmoor. Dort darf ihr Hilfswerk einen Raum als Warenlager nutzen. Foto: Cordsen/Archiv
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Energie-Mehrkosten treiben Menschen mit kleiner Rente verstärkt in Finanznot. Eine Hilfswerk-Gründerin erklärt, warum es ihnen schwer fällt, Unterstützung anzunehmen.

Wiesmoor - Gerade in den vergangenen Wochen hat das Telefon von Herma Schoon merklich häufiger geklingelt, sagt die Gründerin der kleinen Wiesmoorer Hilfsorganisation „Hermas Box – Spenden hilft“. „Es waren oft Freunde oder Bekannte von mir, die sagten, dass in ihrer Nachbarschaft alte Menschen leben, denen bei schmaler Rente die Kosten über den Kopf wachsen. Menschen, denen es plötzlich am Nötigen fehlt – die sich aber schämen, Hilfe von außen anzunehmen, weil sie ihr Leben lang gearbeitet haben und sich nun fühlen, als hätten sie versagt, weil sie ohne fremde Hilfe eigentlich nicht mehr über die Runden kommen.“ Gerade die drastisch gestiegenen Energiekosten, aber auch die deutlich erhöhten Lebensmittelpreise machten diesen Leuten zu schaffen. „Die sind ja oft vorher nur knapp klar gekommen. Und jetzt reicht es eben nicht mehr“, sagt Herma Schoon.

Was und warum

Darum geht es: „Hermas Box spürt wachsende Altersarmut.

Vor allem interessant für: alle, die selbst finanziell in die Klemme geraten sind und Hilfe benötigen könnten, und alle, die selbst unterstützen möchten

Deshalb berichten wir: An diesem Dienstag ist „Hermas Box“ fünf Jahre alt geworden. Zu dem Anlass haben wir uns mit der Gründerin über die aktuelle Situation unterhalten.

Die Autorin erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

Sie versuche dann, vorsichtig auf die Altersarmen zuzugehen, bringe ein kleines Hilfspaket mit. „Ich sage den Menschen auch, dass sie sich nicht schämen müssen, denn sie können doch nichts für die Situation. Und viele tauen dann auch bald auf, erzählen ihre Geschichten und man spürt die Dankbarkeit. Und so zurückhaltend viele sind, trauen sie sich dann auch zu sagen, was ihnen alles fehlt. Und dann versuchen wir, ihnen zu besorgen, was geht.“ Fünf Jahre ist es jetzt her, dass die Wiesmoorerin sich entschied, Armen und Obdachlosen helfen zu wollen und „Hermas Box – Spenden hilft“ gründete. Seit Anfang Juli ist ihre kleine Organisation als gemeinnütziger Verein eingetragen.

Dankbar für Unterstützung der Kirchengemeinde

Die Gründung und Anerkennung hatten sich über Monate hingezogen. „Aber es ist gut, dass wir jetzt auch Spendenquittungen ausstellen dürfen und eine Rechtsform haben“, sagt sie. Um die Helfer rechtlich und versicherungstechnisch bei ihren Besorgungsfahrten abzusichern, war „Hermas Box“ zuvor offiziell eine Gruppe der Kirchengemeinde Marcardsmoor. Deren Gemeindehaus dürfen die inzwischen 19 Helfer nutzen, um Spenden anzunehmen, unterzubringen und zu verteilen. Von dort aus schwärmen sie aus, um diejenigen zu bedenken, die nicht mobil sind, um sich selbst Spenden im Gemeindehaus abzuholen. Und dort geht es freitagnachmittags zu wie im Taubenschlag, wenn Bedürftige sich anstellen und Lebensmittel entgegennehmen, die die Helfer eingesammelt haben und nun kostenlos verteilen. Mehr als 200 Menschen sind es, die sich an „Hermas Box“ für Hilfe wenden, sagt Schoon. „Genau beziffern kann man es nicht, aber gerade bei den Altersarmen werden es jede Woche mehr.“

Der Kirchengemeinde und Pastor Martin Kaminski sei sie „sehr, sehr, sehr, sehr dankbar für alle Unterstützung und dafür, wie unkompliziert, kulant und verständnisvoll das Miteinander ist – auch, wenn wir von Sachspenden überhäuft werden und gar nicht sofort schaffen, alles zu sortieren und wegzuräumen“. Kaminski selbst sagt: Die Arbeit der Helfer sei „wichtiger denn je“ und so sei es gut, „dass unsere Gemeinde diese Arbeit unterstützt“.

Kiez-Erlebnis führte zur Hilfswerkgründung

Den Entschluss zur Gründung ihres kleinen Hilfswerks fasste sie damals nach Erlebnissen auf dem Kiez in Hamburg: Bitterkalte Böen bissen und nasse Kälte kroch in alle Glieder, als sie abends auf der Reeperbahn einem Obdachlosen begegnete. „Der saß direkt an der Fahrbahn mit seinem Hund. Zusammengekauert. Er starrte ins Leere und fror sich auf gut Deutsch gesagt den Arsch ab. Ich habe erst gezögert, dann aber Mut gefasst, ihn angesprochen und gefragt, was ich für ihn tun kann“, sagt sie. „Und er sagte, ein warmer Kaffee und etwas warmes Essen wären schön.“ Die Wiesmoorerin lief los, kaufte dem Obdachlosen Currywurst mit Pommes, einen warmen Kaffee, entdeckte in einem Geschäft während ihrer Besorgungen auch noch eine warme Decke, die sie kaufte und ihm schenkte.

Sie setzte sich zu dem Obdachlosen und fragte ihn, ob er seine Geschichte erzählen möge. „Er sagte, dass er ein gutbürgerliches Leben geführt hat, selbst Chef einer erfolgreichen Firma war, die in die Pleite gerutscht war. Infolge der Insolvenz fehlte auch privat das Geld – war kein Platz mehr für Luxus, den seine Frau liebte, und sie verließ ihn und nahm beide Töchter gleich mit. Nur weil kein Geld mehr da war, verlassen zu werden, hat ihm das Herz gebrochen – und er ist nach diesem Schicksalsschlag bewusst auf die Straße gegangen, auf Distanz zum alten Leben.“ Dies habe ihr gezeigt, „wie schnell es passieren kann, dass jemand obdachlos wird – und dass es jeden treffen kann“, und sie habe den Beschluss gefasst, auch zurück in der Heimat Bedürftigen zu helfen.

Ein Hilfswerk hilft dem anderen

Die Helfer holen Lebensmittel ab, die das Mindesthaltbarkeitsdatum hauchdünn überschritten haben und die eine gute Handvoll Supermärkte im Umkreis spenden. Bringen sie auch zum Tagesaufenthalt der Obdachlosen in Aurich. Das soll bald nicht mehr mit Privatautos und Styroporkisten geschehen, sondern mithilfe eines Kühltransporters. Für dessen Anschaffung hatte „Hermas Box“ 14.400 Euro als Zuschuss vom gemeinnützigen Hilfswerk von Ostfriesen-Zeitung, Ostfriesischen Nachrichten und General-Anzeiger, „Ein Herz für Ostfriesland“ bekommen. Das Fahrzeug werde aktuell umgerüstet, sagt Schoon.

Herma Schoon (von rechts), Dirk Sondermann und Karl-Heinz Münk beim Verladen von Spenden. Dank der Spende von „Ein Herz für Ostfriesland“ sollen Kühlboxen wie die auf der Ladefläche bald ausgedient haben. Foto: Schönig/Archiv
Herma Schoon (von rechts), Dirk Sondermann und Karl-Heinz Münk beim Verladen von Spenden. Dank der Spende von „Ein Herz für Ostfriesland“ sollen Kühlboxen wie die auf der Ladefläche bald ausgedient haben. Foto: Schönig/Archiv

Und die Helfer besorgen, sortieren und vermitteln Sachspenden. Immer wieder auch per Aufruf über das soziale Netzwerk Facebook. Auch Menschen in der Ukraine helfen die Wiesmoorer. „Wir haben Kontakt zu einem gebürtigen Barßeler, der dort lebt und hilft und für den wir versuchen, zu besorgen, was die Menschen dort brauchen: Decken, feuerfeste Schutzkleidung, Feuerlöscher etwa.“

Zuletzt deutlich weniger Lebensmittelspenden

Das fünfjährige Bestehen will Herma mit ihren Helfern am 6. November im kleinen Rahmen bei einem gemeinsamen Essen feiern. Rückblickend sei es schon „besonders, wie sich ,Hermas Box‘ entwickelt hat“, sagt Schoon. „So schön es ist, dass sich mehr Unterstützer und Helfer gefunden haben – erst waren wir zu zweit, dann zu viert, inzwischen fast 20 –, so ist aber ja auch die Armut gewachsen, gerade zuletzt. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter, wir sind ein reiches Land, und trotzdem können viel zu viele sich viel zu wenig leisten. Das macht mich wütend“, sagt sie.

Zugleich sei gerade in den vergangenen Wochen spürbar, dass die Menge an Lebensmittelspenden schwinde. „Allen fehlt ja aktuell Geld. Da ist nur verständlich, wenn Leute seltener als vorher etwas übrig haben, mit dem sie Lebensmittel für uns kaufen und spenden.“

Gerade die, die selbst wenig hätten, seien die, die ihrer Organisation auch viel geben, sagt Herma Schoon. „Da würde ich mir in der Gesellschaft schon mehr Miteinander wünschen. Denn aus meiner Wahrnehmung, kommt im Vergleich von denen, die weiterhin im Überfluss leben, fast nichts.“

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