Hamburg Warum ist es schlimm ein Schönling zu sein, Emilio Sakraya?
Er war lange der süße Kerl von „Bibi und Tina“, nun spielt er einen deutschen Gangsta-Rapper: Emilio Sakarya ist als Xatar im neuen Film „Rheingold“ zu sehen. Aber passt das Bad-Boy-Image zum 26-jährigen Sänger und Schauspieler?
In diesem Artikel erfährst Du:
Eghbal Hajabi ist ein angesehener Komponist. Er möchte, dass sein Sohn, Giwar Hajabi, eine musikalische Karriere einschlägt. Doch statt Klassik entscheidet sich der junge Kurde für Rap. 2007 gründet er sein Label „Alles oder Nix“ und veröffentlicht unter dem Künstlernamen Xatar (kurdische Bezeichnung für Gefahr) sein erstes, gleichnamiges Album. Xatar macht aber nicht nur musikalisch auf sich aufmerksam: Am 15. Dezember 2009 überfällt der Rapper mit drei Komplizen einen Goldtransporter. Er landet für mehrere Jahre im Knast.
Ein Leben, das für die Kinoleinwand wie gemacht scheint: Regisseur Fatih Akin hat die Geschichte verfilmt, „Rheingold“ erscheint am 27. Oktober 2022 in den deutschen Kinos.
Hier siehst Du den Trailer zu „Rheingold“:
In die Rolle des Xatars schlüpft Schauspieler Emilio Sakraya. Der 26-jährige Berliner, dessen Mutter aus Marokko und sein Vater aus Serbien stammt, fängt früh an, sich für Musik und Schauspiel zu interessieren. 2014 ist er das erste Mal in „Bibi und Tina“ zu sehen, gefolgt von vielen weiteren Kinofilmen („Die Rettung der uns bekannten Welt“) und Serien („4 Blocks“). 2022 landet er mit seiner Single „Ausmacht“ einen viralen Hit auf Tiktok. Nun spielt er einen Gangsta-Rapper, der Gold im Wert von mehreren Millionen klaut.
Wir haben Emilio Sakarya gefragt, inwiefern die Rolle zu ihm passt.
Frage: Emilio, was ist das Verbotenste, das Du jemals gemacht hast?
Antwort: Einen Lolly geklaut.
Frage: Xatar war im Knast, Du hast eine Waldorfschule besucht. Das sieht auf dem Papier so aus, als würde es Dir an Streetcredibility fehlen.
Antwort: Nein, das stimmt nicht. Ich habe in meiner Jugendzeit auch die ein oder andere Erfahrung gemacht. Ich hatte mal einen Autounfall, das war richtig uncool. Da musste ich meinen Lappen abgeben, für eine lange Zeit. Daraus habe ich aber etwas lernen können. Jetzt passiert mir so etwas nicht nochmal.
Frage: Du meintest in einem Interview mal, dass Dir die Rolle des Xatars geholfen hat, endlich das „Schönling“-Image abzulegen. Warum ist es schlimm, ein Schönling zu sein?
Antwort: Viele in der Gesellschaft, insbesondere in der Schauspielbranche, glauben: Der sieht gut aus, also kann der nichts. Das ist ein Konflikt, den man oft hat. Ich arbeite als Schauspieler, seit ich acht Jahre alt bin. Natürlich ist dann der Schritt von der Kinder- in die normale Filmwelt sehr schwierig. Aus einem Hobby wird ein professioneller Beruf. Es geht darum, ernst genommen zu werden. Das schafft nicht jeder. In Deutschland gibt es zudem nicht oft die Chance, eine Rolle wie die von Xatar anzunehmen. Eine Rolle, in der man sich physisch krass verändern soll.
Frage: In einem Facebook-Beitrag von Xatars Label „Alles oder nix“ schreibt er: „Emilio und ich haben viel Zeit miteinander verbracht, in der er mich studiert hat.“ Wie studiert man einen Xatar?
Antwort: Ich hatte das große Glück, dass Giwar sehr offen war und mich in seinen Kopf reingelassen hat. Ich habe mich an ihn dran gehängt, war wie sein Personal Assistent 24/7 an seiner Seite – ob im Studio, beim Spazieren durch die Stadt oder in Meetings. Dabei habe ich ihn analysiert, ihm viele Fragen gestellt. So habe ich versucht herauszufinden, wie er tickt, was seine Macken sind. Wie bewegt er sich? Wie gestikuliert er, wenn er mit seinen Jungs unterwegs ist und wie, wenn er in einem Meeting sitzt? Das war wahnsinnig aufregend, weil er eine spannende Persönlichkeit hat.
Frage: Aber wie muss man Xatar spielen, damit man ihn sofort erkennt – und nicht mit einem x-beliebigen anderen Rapper verwechselt?
Antwort: Was ihn unterscheidet? Alles. Er ist zum Beispiel ein sehr gestikulierender Mensch, der sehr oft seine Hände benutzt. Sein Gang ist sehr speziell. Er humpelt ein ganz bisschen.
Frage: Wie hat er sich gefühlt, als er sich auf der großen Leinwand gesehen hat – von Dir gespielt?
Antwort: Ich war leider nie dabei, als er den Film gesehen hat. Aber ich glaube, er war sehr gerührt. Er rief mich nach dem ersten Screening an und hat mich gelobt. Für ihn war es anscheinend total krass, das so zu sehen. Von Anfang an war für mich klar: Das Wichtigste ist, wie er den Film findet. Er muss es gut finden.
Hier kannst Du das Musikvideo von Xatar zu „Schwesterherz“ anschauen:
Frage: In „Rheingold“ geht es unter anderem um die Frage: Wie wird man seinen Eltern gerecht? Muss man das denn?
Antwort: Ich glaube, es kommt sehr darauf an, aus welchen Verhältnissen man kommt. Oft macht man sich den Druck, seinen Eltern gerecht zu werden, weil man früher nicht genügend Liebe und Zuneigung bekommen hat. Aber müssen muss man gar nichts.
Frage: Der Vater von Xatar, Eghbal Hajabi, ist ein bekannter Musikprofessor und Komponist. Sein Sohn wird Rapper. Gibt es so etwas wie gute und schlechte Musik? War er stolz auf seinen Sohn?
Antwort: Hm. Ich glaube, das ist ein Narrativ. Ich finde schon, dass es schlechte und gute Musik gibt, aber ich kann nicht behaupten, was schlecht und was gut ist. Ob Xatars Vater stolz auf ihn war, das musst Du ihn fragen.
Hier kannst Du das Musikvideo von Emilio zu „Ausmacht“ anschauen:
Frage: Warum sind Filme wie Rheingold wichtig?
Antwort: Es ist wichtig, weil er ein großes Oberthema hat: Integration, es geht um Geflüchtete. Giwar hat in vielen Vorgesprächen erzählt: Für uns war das damals nicht so, dass wir vom Weg abgekommen sind. Für uns war das der einzige Weg, den es gab. Es gab gar keine andere Option. Er selbst hatte eigentlich eine Gymnasialempfehlung, die Lehrer haben ihn aber nicht auf das Gymnasium gelassen. Das sind alles Dinge, die erzählt werden müssen. Der Film ist für die Straße. Ich glaube, es gibt wahnsinnig viele Leute, die sich da wiederfinden. Auch ich erkenne Parallelen und kann mich mit seiner Geschichte identifizieren – zwar nicht in so einer Extremwelt, sondern viel weicher. Abgesehen davon ist der Film sehr politisch erzählt. Und es ist faszinierend, wie jemand zu seiner Leidenschaft findet, zur Musik.
Frage: Hast Du denn selbst mal daran gedacht zu rappen - das muss man schließlich üben, wenn man einen Xatar spielt?
Antwort: Da ich auch Musiker bin, ist das nicht so weit weg vom Sprechgesang.
Frage: Klar, aber Rapper?
Antwort: Nein. Der Gedanke, Rapper zu werden, der existierte nie so wirklich.