Bühnen spielen wieder  Corona lässt das plattdeutsche Theater noch nicht ganz los

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 20.10.2022 17:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Szene aus der Komödie „De Gigolo-Lehrjungs“ in der Inszenierung der Emder Friesenbühne. Foto: Friesenbühne
Eine Szene aus der Komödie „De Gigolo-Lehrjungs“ in der Inszenierung der Emder Friesenbühne. Foto: Friesenbühne
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Die Ostfriesen können sich bei Lustspielen wieder auf die Schenkel klopfen. Doch für die Spöldeels gibt es noch Risiken. Einige Ensembles können ein Lied davon singen.

Emden/Ostfriesland - Ostfriesinnen und Ostfriesen können sich wieder auf die Schenkel klopfen: Nach etwa zweieinhalbjähriger Corona-Zwangspause kehren viele plattdeutschen Theatergruppen der Region in diesem Herbst auf die Bühnen zurück. Vereinzelt wurden sie aber auch vor und während der Vorstellungen nicht von dem Virus verschont. Längst noch nicht alle Ensembles haben die Spielzeit wieder begonnen und warten lieber bis zum kommenden Frühjahr.

Was und warum

Darum geht es: die Situation der plattdeutschen Volkstheater in der ersten Spielzeit nach langer Corona-Zwangspause

Vor allem interessant für: alle, die gerne plattdeutsches Theater sehen, und diejenigen, die in den Spöldeels aktiv sind

Deshalb berichten wir: In diesem Herbst starten viele Bühnen wieder durch.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Ostfriesischer Volkstheater, Marina Bohlen (Hatshausen), geht davon aus, dass in diesem Herbst „ein gutes Drittel“ der etwa 50 Bühnen, die diesem Verein angeschlossen sind, wieder spielen oder bis in den November hinein ihre Spielzeit noch eröffnen werden. Der Rest bereite sich auf das kommende Frühjahr vor, sagte Bohlen. Sie stützt ihre Angaben auf die jüngste Herbstversammlung der Arbeitsgemeinschaft.

„Die Leute wollen wieder Theater sehen“

Der Herbst und das Frühjahr sind die klassischen Jahreszeiten, in denen die plattdeutschen Theatergruppen in der Regel ihre Vorstellungen geben. Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie gebe es gegenwärtig nicht. Sie selbst habe bereits einige Aufführungen unter anderem in Aurich-Wallinghausen und Rechtsupweg gesehen, so Bohlen. Alle seien gut besucht gewesen. „Die Leute wollen wieder Theater sehen“, sagt die Vorsitzende. Seit dem Frühjahr 2020 habe bei den plattdeutschen Bühnen praktisch nichts mehr stattgefunden.

In dieser Saison komme es aber vereinzelt auch vor, dass Darstellerinnen und Darsteller plötzlich ausfallen, weil sie sich mit dem Corona-Virus infiziert haben. Wenn ihre Rollen nicht allzu groß seien, könnten sie noch durch andere Darsteller oder Laienspieler befreundeter Bühnen ersetzt werden. Andernfalls müssten Aufführungen abgesagt und verschoben werden.

Drei von vier Darstellern erkrankt

So ist es auch der Friesenbühne in Emden ergangen, die zu den ältesten und renommiertesten niederdeutschen Theatern in Ostfriesland gehört. Coronabedingt legte sie einen holprigen Neustart nach etwa zweieinhalb Jahren Pause hin. Die Bühntjer mussten laut ihrer Sprecherin und Regisseurin Birgit Frerichs vier von insgesamt zehn Aufführungen der Komödie „De Gigolo-Lehrjungs“ im Oktober um eine beziehungsweise zwei Wochen verschieben und eine komplett absagen.

Im neuen Stück der Spöldeel Transvaal wird auch staubgesaugt. Foto: Spöldeel Transvaal
Im neuen Stück der Spöldeel Transvaal wird auch staubgesaugt. Foto: Spöldeel Transvaal

Laut Frerichs hatte sich zunächst einer der vier Darsteller dieses Stücks das Virus eingefangen und während der fünften Vorstellung am letzten September-Wochenende vermutlich zwei weitere Mitspieler angesteckt, ohne bis dahin von seiner Infektion gewusst zu haben. „Theater kann man nicht mit Abstand spielen“, sagt Birgit Frerichs. Unglücklicherweise kam hinzu, dass das Buch des Stückes verlangt, dass sich Männer auf der Bühne küssen. Nur einer der vier Laiendarsteller in dieser Inszenierung kam davon: Er hatte kurz zuvor bereits eine Infektion überstanden.

Im Frühjahr 2020 war Schluss mit lustig

Doppeltes Pech: Die Friesenbühne hatte die ersten Aufführungen extra früh in den Herbst gelegt, um die Risiken möglichst gering zu halten. „Denn im Sommer war schon klar, dass es im Herbst kritischer wird“, so die Sprecherin.

Wie viele andere Theatergruppen in der Region war auch für die Friesenbühne im Frühjahr 2020 Schluss mit lustig gewesen. Geplante Aufführungen mussten damals kurzfristig abgesagt werden. Danach habe es zunächst auch keine Proben oder andere private Zusammenkünfte der Mitglieder gegeben. Das gesamte Vereinsleben habe förmlich stillgelegen. Während dieser Zeit seien Laiendarsteller vereinzelt auch abgesprungen. „Das war schon ganz, ganz merkwürdig“, sagt Frerichs. Sie ist seit 36 Jahren bei der Friesenbühne aktiv.

Die Zuschauerzahlen gehen zurück

Umso mehr habe sie sich auf den Neustart im September gefreut. Als sie in ihrer Funktion als Regisseurin bei der Premiere das Publikum begrüßt habe, sei sie „so aufgeregt wie selten zuvor“ gewesen. Es habe aber „sehr gutgetan, mal wieder in vergnügte Gesichter zu sehen und die Leute lachen zu hören“.

Während die Emder in der Zeit vor Corona stets vor ausverkauftem Haus spielten, gab es diesmal aber Lücken im Publikum. Frerichs schätzt, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Zuschauer fehlten. Von Rückgängen in dieser Größenordnung berichten auch andere Bühnen. Frerichs führt das ebenfalls auf die Corona-Pandemie und damit verbundene Unsicherheiten zurück. Die Bühne zählt pro Saison mehr als 1000 Abonnenten, bot die Karten für die jüngsten Vorstellungen aber nur im freien Verkauf an.

Diese Aufführungen stehen noch an

Ihre Premieren dieses Herbstes noch vor sich haben die Larrelter Spöldeel und die Spöldeel Transvaal. In der Turnhalle der Grundschule in Larrelt hebt sich an diesem Freitag um 19.30 Uhr zum ersten Mal der Vorhang für „Kabeljau un witte Rosen“, einer Komödie in vier Akten. Weitere Aufführungstermine sind am 22., 28., 29. Oktober jeweils ab 19.30 Uhr sowie am 23. Oktober ab 16 Uhr (mit Kaffeetafel ab 15 Uhr).

Die Hinter Spöldeel zeigt noch zweimal das Stück "Neurosige Tieden". Foto: Hinter Spöldeel
Die Hinter Spöldeel zeigt noch zweimal das Stück "Neurosige Tieden". Foto: Hinter Spöldeel

Die Aktiven der Spöldeel Transvaal fiebern unterdessen der Premiere am 5. November entgegen. Es ist der zweite Anlauf für die Inszenierung des Lustspiels „Een Froo mutt her“. Ursprünglich sollte dieses Stück schon im März dieses Jahres gezeigt werden. Damals machte Corona den Transvaalern aber einen Strich durch die Rechnung. Wegen der Infektion eines Bühnenmitglieds mussten die Aufführungen damals kurzfristig abgesagt werden.

In Hinte geht die erste Spielzeit nach der Corona-Zwangspause an diesem Wochenende schon wieder zu Ende. Nach drei Aufführungen in der ersten Oktober-Hälfte zeigt die Hinter Spöldeel an diesem Freitag und am Sonnabend noch zweimal die Komödie „Neurosige Tieden“ . Beginn ist jeweils um 20 Uhr in der Aula der Integrierten Gesamtschule Hinte. Die Hinteraner mussten ebenfalls lange bangen, denn Anfang Oktober waren zwei Darsteller positiv auf Corona getestet worden. Entwarnung gab es erst sieben Tage später – am Tag der Premiere.

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