Landkreis Aurich verhandelt mit Gemeinden Übernahme der Kitas vorerst gestoppt
Anfang des Jahres erregte der Auricher Landrat Aufsehen. Der Landkreis werde zum Jahreswechsel sämtliche Kitas übernehmen, kündigte er an. Doch die Revolution fällt vorerst aus.
Aurich - Es klang nach einer Revolution. Was Landrat Olaf Meinen (parteilos) am 21. Februar in einer öffentlichen Sitzung eher beiläufig erwähnte, versetzte Bürgermeister, Kita-Personal und Eltern im Landkreis Aurich in Aufregung: Der Landkreis Aurich wolle zum Jahreswechsel 2022/23 sämtliche Kindertagesstätten im Kreisgebiet übernehmen, insgesamt 126 Krippen und Kindergärten zwischen Juist und Wiesmoor, zwischen Baltrum und Großefehn. 66 davon werden von freien und kirchlichen Trägern betrieben, 60 von Städten und Gemeinden. Salopp gesagt: Statt sich mit den Gemeinden über die Finanzierung der Kitas zu streiten, will der Landkreis die Kinderbetreuung selbst in die Hand nehmen und die Gemeinden von ihrer Verantwortung entbinden. Der Jahreswechsel rückt näher, doch es zeichnet sich ab: Aus der Übernahme wird nichts, die Revolution bleibt vorerst aus.
Auf Meinens Ankündigung folgte seinerzeit ein Sturm der Entrüstung. Eltern und Kita-Beschäftigte sammelten rund 2000 Unterschriften und übergaben sie in der Kreistagssitzung am 31. März dem Landrat. Sie fürchten um die Qualität der Einrichtungen und um ihre Arbeitsplätze. Zu Unrecht, wie der Erste Kreisrat Dr. Frank Puchert betonte. Es solle keine Qualitätseinbußen für die Kitas geben, ganz im Gegenteil: „Unser klarer Anspruch ist, insgesamt die Qualität zu erhöhen“, sagte Puchert. Maßstab seien diejenigen Kitas mit den höchsten Standards, personell und konzeptionell. Bei der Kita-Qualität gebe es innerhalb des Kreisgebietes große Unterschiede, sagte Puchert, auch bei den Gebühren. Das wolle der Landkreis ändern. Das Kita-Angebot dürfe nicht vom Wohnort abhängen.
„Wir können Qualität“
Insgesamt ist das Angebot an Betreuungsplätzen im Landkreis Aurich nach Erkenntnissen der Kreisverwaltung unterdurchschnittlich. Ziel sei es, für 50 Prozent der Ein- bis Dreijährigen einen Krippenplatz anzubieten. Die Versorgungsquote der Gemeinden schwanke zwischen 24 und 54 Prozent, nur auf den Inseln sei sie höher. Auch das Angebot an Ganztagsplätzen sei viel zu niedrig.
Die Bürgermeister fühlten sich vom Landkreis überfahren. Sie möchten den Betrieb der Kitas in der eigenen Hand behalten. Die Qualität sei ihnen genauso wichtig wie dem Landkreis, entgegneten sie. „Wir können Qualität“, sagte Erwin Adams (parteilos), Bürgermeister von Großefehn. Er bezeichnete die Kinderbetreuung als kommunale Kernaufgabe, „der wir gerne nachkommen“. Das Problem sei die Finanzierung.
„Nie an eine Übernahme geglaubt“
Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet, zumindest in der Öffentlichkeit. Landkreis und Kommunen verhandeln weiter und lassen sich nicht in die Karten gucken. Noch sagt niemand, dass die Übernahme endgültig vom Tisch ist. Doch die Zufriedenheit, mit der Erwin Adams über das Thema redet, lässt keinen anderen Schluss zu: „Die Gemeinden haben nie an eine Übernahme geglaubt, und wir stehen in guten Gesprächen“, sagt der Bürgermeister von Großefehn. „Ich war immer sehr zuversichtlich und bin es noch.“ Es gebe in den Verhandlungen verschiedene Arbeitskreise, darunter einen für Qualität. Auch über die Finanzierung werde verhandelt. Voraussichtlich zum Jahresende werde man Ergebnisse vorlegen. „Gutes will gut vorbereitet und durchdacht sein.“
Die Kreisverwaltung gibt sich noch zugeknöpfter. Pressesprecher Rainer Müller-Gummels sagt nur, dass es „gute und konstruktive Gespräche zwischen Landkreis und den Vertretern der Städte und Gemeinden gibt, die aber noch nicht abgeschlossen sind“. Bis Ende November seien weitere Treffen in der Sache geplant.
Die Eltern sind „ganz klar“ dafür, dass die Verantwortung für die Kitas bei den Städten und Gemeinden bleibt. Das sagt Kurt Graf (Brookmerland), Vorsitzender des Kreiselternrats. Die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden und den Kitas laufe sehr vertrauensvoll. „Man kennt sich seit Jahren und weiß, wo Hand angelegt werden muss.“ Es sei nicht richtig, den Kitas mangelnde Qualität zu unterstellen. „Das ist die schlimmste Aussage, die man als Landkreis treffen kann.“