Osnabrück Jobwechsel: Fünf Gründe, warum gute Mitarbeiter kündigen
Kündigt ein guter Mitarbeiter, ist das ein Rückschlag fürs Unternehmen. Die Gründe dafür haben häufig mit den Vorgesetzten zu tun. Karriereberaterin Karin Volbracht erklärt die häufigsten Ursachen.
Bei Unternehmen sollten die Alarmglocken schrillen: Die Bereitschaft zum Jobwechsel war unter den deutschen Angestellten noch nie so hoch wie zuletzt. Dem Engagement Index 2021 des Meinungsforschungsinstitutes Gallup zufolge, der jährlich die Mitarbeiterzufriedenheit der Belegschaften misst, sind 14 Prozent aller Beschäftigten aktiv auf Jobsuche. Mehr als ein Viertel sieht sich zumindest gelegentlich nach einer neuen Stelle um.
Mit anderen Worten: Viele Mitarbeitende sind gedanklich schon halb auf dem Sprung. Insgesamt hegen gar 42 Prozent der Befragten Wechselabsichten, das aber erst innerhalb der nächsten drei Jahre.
Klar ist: Niemand kündigt ohne Grund seinen Job. Dabei geht der tatsächlichen Kündigung oftmals ein längerer Prozess voraus, ausgelöst durch Spannungen im Arbeitsverhältnis, die sich über die Zeit langsam aufbauen, sagt Coach und Karriereberaterin Karin Volbracht. „Die häufigsten Argumente, warum gute Team-Mitglieder das Unternehmen verlassen, hängen vor allem mit den Vorgesetzten und enttäuschten Erwartungen zusammen“, sagt sie.
So fehle es einerseits oftmals an Respekt und Dankbarkeit, andererseits sorgen viele Entscheidungen und Handlungen von Vorgesetzten für Unverständnis bei den Beschäftigten. Ein relevanter Punkt hierbei sei auch der Wertewandel in der Arbeitswelt. „Die Ansprüche und die Leitmotive gerade von jüngeren Menschen in Bezug auf Leben und Arbeit haben sich stark verändert.“ Leider sei das immer noch nicht bei jeder Führungsperson angekommen. „Durch die Art der Führung kann dann beim Mitarbeiter Unzufriedenheit und Frustration entstehen“, erklärt Volbracht.
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Gute Mitarbeiter sind fachlich top, überdurchschnittlich engagiert, haben zudem das richtige Mindset und Sozialkompetenz. „All das leisten sie im Arbeitsalltag gerne, fordern dabei aber zugleich ein regelmäßiges entwicklungsorientiertes Feedback ein“, sagt Volbracht. Der Frust dieser Mitarbeiter entsteht der Expertin zufolge dann, wenn es an Wertschätzung für ihre Leistungen sowie an Feedback und Anerkennung fehlt.
„Gute Mitarbeiter fühlen sich beispielsweise nicht wertgeschätzt, wenn sie merken, dass weniger engagierte Kollegen gleichbehandelt werden. Die Top-Leister bekommen dann das Gefühl, dass sie die weniger guten Kollegen mit durchziehen. Das frustriert.“
Entsprechend wichtig ist es der Expertin zufolge, im Unternehmen eine Feedback-Kultur zu etablieren, die auf konstruktiven Rückmeldungen über Arbeitsleistung, Verhalten und Wirkung auf Dritte beruht. „Dies impliziert auch, dass Führungskräfte ein Bewusstsein für Spannungen im Team haben müssen“, sagt Volbracht.
Mitarbeiter verlassen keine Unternehmen, sondern Chefs, heißt es. Dies bestätigt auch ein Gallup-Report von Januar, wonach Vorgesetzte ziemlich häufig der Grund sind, warum Mitarbeiter kündigen. Jeder Zweite gab darin an, einen Job bereits verlassen zu haben, weil man Probleme mit der Führungskraft habe. Tatsächlich sollen 70 Prozent der Faktoren, die zu einer beruflichen Unzufriedenheit beitragen, direkt mit dem Vorgesetzten zusammenhängen – so ein Fazit des Berichts.
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Dass Kündigungen häufig mit dem jeweiligen Vorgesetzten zusammenhängen, bestätigt auch Volbracht:
Viele könnten ihre Chefs dann nicht mehr ernst nehmen. Gute Unternehmen stellten sicher, dass ihr Führungspersonal weiß, wie es ein Gleichgewicht zwischen Professionalität und Menschlichkeit herstellen kann. „Das sind die Chefs, die sich aktiv um ihre Mitarbeiter kümmern und einen offenen und vertrauensvollen Führungsstil pflegen“, sagt die Expertin.
Wer mit seinen Aufgaben im Job unterfordert ist, sich langweilt und kein Interesse hat für die Arbeit, läuft Gefahr irgendwann an einem Boreout-Syndrom zu leiden. Es handelt sich hierbei also um den gegenteiligen Effekt zum Burnout, bei dem sich Betroffene innerlich wie ausgebrannt fühlen.
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„Möglichkeiten des individuellen Lernens und der eigenen Weiterentwicklung sind ganz wichtige Aspekte für gute Mitarbeiter“, sagt Volbracht. Sie bräuchten Freiräume, um eigenverantwortlich, selbstbestimmt und autonom handeln zu können sowie Herausforderungen und Rückenwind für ihre berufliche und persönliche Entwicklung. „Sind diese Möglichkeiten nicht gegeben, werden sie kleingehalten und können folglich ihr Potenzial nicht zeigen. Eine Kündigung ist dann ein Ausweg.“
Fühlen sich Mitarbeiter dem Unternehmen verbunden, sind sie in der Regel schwerer abzuwerben. Für Arbeitgeber sind loyale Mitarbeiter deshalb ein großes Pfund.
„Gute Mitarbeiter brauchen das Gefühl der Zugehörigkeit“, erklärt Volbracht. „Das bedeutet, dass Mitarbeiter sich als Teil des Unternehmens verstehen und gemeinsame Ziele verfolgen.“ Dies entstehe dadurch, dass ihnen das Gefühl vermittelt wird, als Person einen wertvollen Beitrag für das Unternehmen leisten zu können, „indem sie bei verschiedenen Themen einbezogen und gefragt werden und ihre Meinung gehört wird“, so die Expertin.
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Der Karriereberaterin zufolge ist auch das Thema Geld ein Kündigungsgrund, „wenn es einen eindeutigen Unterschied macht“, sagt Volbracht. „Ab einem Jahresgehalt von 80.000 Euro muss bei einem Stellenangebot der Lohnunterschied schon deutlich mehr als zehn Prozent betragen. Gute Mitarbeiter, die glücklich in ihrem Job sind, würden ansonsten nicht kündigen.“
Allerdings: In Branchen, in denen traditionell eher schlecht gezahlt wird, bekommt der Expertin zufolge eine leichte Gehaltsverbesserung bei der Entscheidung zu kündigen mehr Gewicht, „weil das Geld einfach zum Leben reichen muss.“