Wandel im Handel  Die „Flotte Nadel“ geht, aber nicht so ganz

Jens Schönig
|
Von Jens Schönig
| 22.10.2022 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Statt von ihrer Ladentheke wird Inga Heyen Stoffe, Wolle und Handarbeitszubehör künftig vom heimischen Online-Shop aus verkaufen. Foto: Schönig
Statt von ihrer Ladentheke wird Inga Heyen Stoffe, Wolle und Handarbeitszubehör künftig vom heimischen Online-Shop aus verkaufen. Foto: Schönig
Artikel teilen:

Die steigenden Energiekosten haben ein weiteres Opfer im Wiesmoorer Handel gefordert. Für Inga Heyens Geschäft ist das Ende aber zugleich ein neuer Anfang.

Wiesmoor - Ein nostalgischer Koffer voll mit preisreduzierten Wollknäueln empfängt derzeit den Besucher, der Inga Heyens Laden „Flotte Nadel“ in Wiesmoor betritt. Hinter der Ladentheke stapeln sich Stoffbahnen und um den Verkaufsbereich herum warten noch mehr Wolle sowie Ständer mit Garnen, Kurzwaren und Handarbeitszubehör auf Käufer. Aber nur noch bis zum kommenden Freitag. Dann schließt Inga Heyen die Ladentür nach sechs Jahren ein letztes Mal ab.

Steigende Kosten bei weniger Umsatz haben das Ende der „Flotten Nadel“ besiegelt. „Ich habe Corona wirklich noch gut überstanden“, sagt die 61-jährige Inhaberin. „Dann kam der Krieg und mit den steigenden Preisen wurden die Kunden deutlich weniger. Als ich mich auch davon noch ein bisschen erholen konnte, kam vor ein paar Wochen die Ankündigung meines Gasversorgers, wie weit die Preise demnächst erhöht werden.“ Die steigenden Kosten auf die Ware umzulegen, kam für Heyen nicht in Frage. „Dann wären erst recht keine Kunden mehr gekommen“, ist sie sicher. „Das war dann eben der Punkt, wo ich wusste, jetzt ist Schicht im Schacht.“

Ausverkauf fällt aus, die Ware kommt nach Haus‘

Doch schon Trude Herr wusste Ende der 1980er Jahre: „Niemals geht man so ganz“. Und das hat auch Inga Heyen nicht vor. Sie macht aus der „Flotten Nadel“ kurzerhand einen Online-Shop. „Ich muss nur das Ladengeschäft ausräumen“, sagt sie. „Bei mir zuhause habe ich ein Zimmer freigemacht, wo die ganze Ware Platz hat und dann kann der Handel von dort aus weitergehen. Dabei spare ich 1100 Euro für Ladenmiete, Energie, Versicherung und sonstige laufende Kosten.“

Für Inga Heyen hat ihr Rückzug vom Laden noch einen weiteren Vorteil: Sie hat dann mehr Zeit für ihre große Leidenschaft, das Nähen von Kostümen für Kreuzfahrt-Shows. „Vor etwa fünf Jahren kam über eine Freundin der Kontakt zu einer Agentur in Großefehn zustande, die Showprogramme für Kreuzfahrten veranstaltet“, erzählt Heyen. „Seitdem war ich schon auf einigen Schiffen und hab dort Kostüme für Shows angepasst oder ganz neu kreiert.“ 2020 war sie auch auf das ZDF-„Traumschiff“, die „Artania“ eingeladen. „Dann kam Corona und es wurde nichts draus.“

Viele Ideen für die „Flotte Nadel 2.0“

Mittlerweile hat Heyen neue Aufträge für Kreuzfahrt-Einsätze und wird im Dezember wieder an Bord sein. „Dafür bin ich künftig viel flexibler“, sagt sie. „Und während dieser Zeit kann meine Tochter Bestellungen im Shop bearbeiten.“ Neben dem Versand ihrer Ware bietet Heyen künftig auch die Abholung vor Ort an. „Ich denke außerdem über einen Lieferservice für den Nahbereich nach“, sagt die Geschäftsfrau. „Mein Mann geht bald in Rente und muss dann ja auch beschäftigt werden. Außerdem wäre das auch nachhaltiger als etwa zwei Wollknäuel per Paketboten nach Spetzerfehn zu schicken.“ Ihr Angebot möchte sie zusätzlich um selbst genähte Jacken und Pullover erweitern.

Was Inga Heyen über Stoffe und Textilien weiß und was sie an der Nadel kann, hat sie sich selbst beigebracht. „Stricken habe ich noch von meiner Mutter gelernt, die Handarbeitslehrerin war“, sagt sie. „Nähen und alles Weitere war ‚Learning by doing‘. Darüber hinaus habe ich viele Lehrgänge bei Herstellerfirmen besucht. Eigentlich waren Handarbeiten schon immer mein Ding.“

Online ist nicht das Gleiche

Ihre Kundinnen wissen schon, dass die „Flotte Nadel“ schließt. „Das ist schade, jetzt gibt es in Wiesmoor kein Handarbeitsgeschäft mehr“, sagt eine Stammkundin, die bei Inga Heyen gerade Stoff gekauft hat. Vor allem Heyens kompetente Beratung habe sie geschätzt. „Ich habe früher selbst in einem Handarbeitsladen gearbeitet, deshalb kenne ich mich da aus“, sagt die Kundin. Zwar findet sie gut, dass Heyen wenigstens im Internet weiter verkauft. „Aber online kaufen ist nicht so mein Ding“, fügt sie hinzu. „Ich muss die Stoffe auch anfassen und fühlen können.“

Das habe sie auch schon von anderen Kundinnen gehört, sagt Heyen. „Das kann ich auch verstehen“, fügt sie hinzu. „Ich würde zum Beispiel auch nie Schuhe online kaufen, die muss ich anprobieren können.“ Auch der Kundenkontakt werde sie vermissen. „Mit vielen Kunden habe ich auch schon mal einen Kaffee getrunken und gefachsimpelt“, erzählt Heyen. „Das wird mir fehlen.“ Trotz des Einschnitts sieht sie aber insgesamt optimistisch in die Zukunft. „Ich kann mein Hobby immer noch ausüben und von dem leben, was mir Spaß macht.“

Wie man Einzelhändler online präsentiert, weiß unter anderem Friedrich Musolf von der Hamburger Agentur 360 Grad Creations. Gemeinsam mit der Stadt Aurich hat er vor zwei Jahren das Portal „Ich-kaufe-in-Aurich.de“ entwickelt, mit dem Auricher Geschäfte sich während der Corona-Pandemie zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten online erschließen konnten. Ob ein kompletter Umstieg in den Online-Handel eine Option für Ladengeschäfte ist, mag er nicht beurteilen. „Als zweites Standbein ist der Online-Handel aber auf jeden Fall sinnvoll und hilfreich“, sagt er. „Die Innenstädte werden sich langfristig ohnehin von Handelszentren zu Begegnungs- und Erlebnisorten entwickeln, an denen Ladengeschäfte nicht mehr die große Rolle spielen.“

www.flottenadel.org

Ähnliche Artikel