Berlin  Produzentin von Böhmermann-Porno bietet dem ZDF Sex-Serie an

Daniel Benedict
|
Von Daniel Benedict
| 24.10.2022 19:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Öffentlich-rechtliche Pornos: Paulita Pappel schlägt Namen für ein Sexportal von ARD und ZDF vor. Foto: Lukas Papierak
Öffentlich-rechtliche Pornos: Paulita Pappel schlägt Namen für ein Sexportal von ARD und ZDF vor. Foto: Lukas Papierak
Artikel teilen:

Die Frau hinter dem Böhmermann-Porno: Paulita Pappel schlägt dem ZDF eine Sex-Serie vor und erfindet einen Namen für ein öffentlich-rechtliches Porno-Portal.

Die Berliner Jusos fordern öffentlich-rechtliche Pornofilme. Ein erster Testballon existierte schon vor ihrem Antrag: Mit dem „ZDF Magazin Royale“ hat Jan Böhmermann einen gebührenfinanzierten Porno ins Netz gestellt. Die Frau dahinter ist Paulita Pappel. Sie ist Produzentin, Feministin und Gründerin der Pornoseiten „Lustery“ und „Hardwerk“ – und gerade hat sie eine aufklärerische Porno-Serie gedreht, die sie dem ZDF anbietet. Was sie sich von öffentlich-rechtlichen Pornos erhofft und welcher Name ihr für ein Sex-Portal von ARD und ZDF vorschwebt, erzählt sie im Interview.

Jusos fordern Pornos von ARD und ZDF: Hier lesen Sie alles zum Antrag

Frage: Frau Pappel, die Berliner Jusos fordern öffentlich-rechtliche Pornos. Trauen Sie den Redaktionen hinter dem „Spreewald-Krimi“ und Pilcher einen heißen Sexfilm zu?

Antwort: ARD und ZDF haben nicht die Qualifikation für Pornos. Sie müssen sich Externe holen. Pornos erfordern besondere Sicherheitsmaßnahmen; gerade die Filmindustrie ist von gefährlichen Machtstrukturen geprägt. Im Pornofilm haben wir höhere Standards.

Antwort: Aber zu Ihrer Frage: Einerseits ist für jeden etwas anderes heiß, andererseits müssen Pornos nicht nur heiß sein. Mein nächstes Projekt ist ein Spielfilm, der eine richtige Geschichte erzählt – aber auch explizite Sexszenen hat. Auch so etwas könnten ARD und ZDF zeigen. Damit mal einer die Trennlinie aufbricht: Film ist zum Gucken, Porno zum Masturbieren. Ich glaube an fließende Übergänge – und das in beide Richtungen. Der erste Film, der Sie sexuell erregt hat, war vermutlich kein Porno. Das können auch Spielfilme.

Frage: Den ersten gebührenfinanzierten Porno haben Sie mit Jan Böhmermann schon umgesetzt und …

Antwort: … das ist medial leider ziemlich untergegangen. Unser Beitrag lief parallel zum Kriegsbeginn in der Ukraine; es gab andere Themen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir auffällig wenig diskutiert wurden. Die „Bild“ hat sich wahrscheinlich nicht empört, weil sie weiß: Ihre Leser würden so ein Angebot wahrscheinlich ganz gern nutzen. Und die Politik will sich nicht damit beschäftigen – weil niemand der Porno-Politiker sein will. Schade, wir hatten mit mehr Aufregung gerechnet und dann auf eine gute Debatte gehofft.

Frage: Was läuft denn falsch?

Antwort: Die Grundannahme der politischen Debatte ist, dass Pornografie schädlich ist. So schädlich, dass sie nicht nur reguliert, sondern zensiert werden muss. Das ist falsch. Es gibt keine Studien, die einen negativen Impact von Pornografie bestätigt; es hat immer mit anderen Faktoren zu tun, zum Beispiel damit, dass wir keine Ressourcen für Aufklärung haben. Trotzdem zieht die Landesmedienanstalt NRW gegen Pornoportale wie PornHub und YouPorn vor Gericht.

Frage: Warum sind öffentlich-rechtliche Pornos wichtig?

Antwort: Öffentlich-rechtliche Pornos könnten uns helfen, Pornos nicht mehr zu dämonisieren, zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Sie könnten dazu beitragen, dass Menschen sich für ihren Pornokonsum nicht mehr schämen. Damit wäre schon mal viel Leidensdruck aus der Welt.

Antwort: Und wenn wir es Pornos erlauben, dieselben Vertriebswege zu gehen wie alle anderen Filme auch – dann hätten auch alternative Anbieter eine wirtschaftliche Chance. Die profitorientierten Riesen-Plattformen mit ihren zum Teil fragwürdigen Geschäftsmodellen wären auf einmal nicht mehr so wichtig.

Frage: Welche Hürden müssten für Pornoseiten wie Ihre denn fallen? Die größte Hürde bleibt doch: YouPorn ist gratis, bei Ihnen muss man bezahlen.

Antwort: Das stimmt. Für Spotify und Netflix zahlen die Leute aber auch. Bei uns leidet die Bereitschaft auch darunter, dass unser Produkt so tabuisiert ist.

Antwort: Und solange Pornografie kein normales Produkt ist, können wir die gesamte Infrastruktur nicht nutzen: Verkaufsplattformen im Netz, Newsletter-Dienste, Paypal – bei alldem ist Pornografie ausgeschlossen. Wenn wir unsere Verkäufe über einen Payment-Provider abwickeln, gelten wir als Risikogeschäft, gemeinsam mit Glücksspiel und Waffenhandel. Das bedeutet: Von unseren Einnahmen gehen nicht die üblichen zwei Prozent ab – sondern 16 Prozent. Und so ist es bei allem: Wenn ich zehn Studios anrufe, bekomme ich acht Absagen.

Frage: Sie wollen also gar nicht an den großen Gebührentopf, sondern vor allem: mehr Akzeptanz für Pornos.

Antwort: Exakt.

Frage: Ich würde trotzdem gern wissen, wie Pornos bei ARD und ZDF aussehen würden. Ihr Prototyp ist ganz anders als der Mainstream, schon wegen der Kondome und Leckfolien.

Antwort: „Ganz anders“ würde ich gar nicht sagen. Der Mainstream-Porno ist nicht schlecht. Das ist ganz wichtig: Die Idee hinter der Wut auf Mainstream-Pornos ist komplett sexistisch: Frauen sind objektifiziert, sie sind nur Opfer, und immer geht es nur um männliche Fantasien. Das stimmt alles nicht. Natürlich gibt es im Mainstream viele Produkte, die ästhetisch nicht anspruchsvoll sind. Das heißt aber nicht, dass sie schlimm sind. Mainstream-Pornos sind nicht schlechter als jede x-beliebige RTL-Sendung. Das einzige Problem dabei: Es gibt fast nichts anderes. Das ist so, als würde alle nur die „Bild“-Zeitung lesen.

Frage: Und ARD und ZDF …

Antwort: ARD und ZDF sind nicht profitorientiert und könnten deshalb eine Nische für andere Pornos bieten. Die Öffentlich-Rechtlichen können diverse Pornos machen, sie können aufklärerische Elemente wie Safer Sex integrieren. Deshalb zeigen wir im ZDF-Porno Kondome, Handschuhe und Lecktücher. Wir könnten auch sexuelle Kommunikation abbilden, Einvernehmlichkeit thematisieren und zeigen, wie echte Menschen vor dem Sex über den Sex sprechen. Wir könnten neue Formate entwickeln, die den Zuschauer nicht nur als Voyeur sehen, sondern die eine bessere filmische Erfahrung bieten, mit einem künstlerischen Anspruch.

Frage: Gibt es ein Publikum für Pornos mit Kondomen? Taucht das bei Ihrem eigenen Portal häufig auf?

Antwort: Unser Portal zeigt Filme, die echte Paare für uns drehen. Es gibt keine Regeln, was sie machen sollen oder dürfen. Aber die Realität ist, dass die meisten Menschen in einer festen Beziehung keine Kondome nutzen – weil sie anders verhüten. Deshalb tauchen die Kondome auch in unseren Filmen nicht auf. Das müssen sie auch nicht. Es ist auch nichts Ungewöhnliches. In wie vielen TV-Filmen und Serien, die mit deutschen Geldern gefördert wurde, taucht irgendwo ein Kondom auf? Pornografie ist Unterhaltung – genau wie Action-Filme. Wenn Superhelden vom Hochhaus springen, ist auch das etwas, das echte Menschen besser nicht tun. Trotzdem fordert von Hollywood niemand Sicherheitshinweise zum richtigen Springen von Wolkenkratzern.

Bei den Venus Awards wurde der ZDF-Porno von Paulita Pappel und Jan Böhmermann prämiert:

Frage: Die Jusos fordern in ihrem Antrag tatsächlich einen „feministischen, aufklärenden, suchtpräventiven Clip“ vor Pornos. So ähnlich wie die Piraterie-Warnung bei DVDs oder beim Navi der Hinweis, dass man sich nicht ablenken lassen soll.

Antwort: Von mir aus gern. Aber ich glaube, die meisten Menschen können auch so zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Sinnvoll wäre es vielleicht bei Fetisch-Filmen, in denen gefesselt oder geschlagen wird; hier könnte man auf die Einvernehmlichkeit hinweisen. So wie in Kinofilmen betont wird, dass keine Tiere zu Schaden kamen.

Frage: Die Öffentlich-Rechtlichen sind zurzeit ein beliebtes Streitthema. Haben Sie keine Angst, dass der polarisierende Porno-Vorschlag am Ende den Falschen Argumente liefert?

Antwort: Das ist eine gute Frage. Wir können uns nicht von der AfD bestimmen lassen. Eine Demokratie muss es aushalten, dass faschistoide Menschen sich aufregen.

Frage: Minderjährige dürften natürlich auch bei ARD und ZDF keine Pornos gucken; bleibt die sensibelste Zuschauergruppe im Juso-Konzept weiter bei den Mainstream-Diensten?

Antwort: Vielleicht sollte man bestimmte Pornos für 16-Jährige freigeben. In der Schweiz ist das so; da sind Pornos ab 16 erlaubt. Dafür müsste man in Deutschland natürlich den Paragrafen 184 zur Verbreitung pornografischer Inhalte abschaffen.

Frage: Welches Begleitprogramm müssten die Öffentlich-Rechtlichen im linearen Fernsehen ausstrahlen?

Antwort: Making-ofs und Behind-the-Scenes-Dokus. Es ist ganz wichtig zu dokumentieren, wie die Filme gemacht wurden.

Frage: Gibt es dafür ein Publikum?

Antwort: Die Leute lieben das. Ganz viele Porno-Plattformen machen es, weil es Nähe zu den Darstellern herstellt. Und so wie Dokus über Actionfilme ihre Tricks erklären, könnten wir zum Beispiel transparent machen, wie die weibliche Ejakulation spektakulärer wird – indem die Darstellerin vorher zwei Liter Wasser trinkt. Oder dass Männer Viagra nehmen, um die Erektion zu halten.

Frage: Haben Sie ein Format in petto, das Sie dem ZDF hier und jetzt anbieten könnten?

Antwort: Ja, habe ich. Wir drehen gerade einen achtteiligen Online-Kurs: „How to watch porn“. Da geht’s um alles, was man unter „Porn Literacy“ versteht, also die Lesekompetenz für Pornos. Es geht um die Unterschiede von Porno und Wirklichkeit, um Porno-Sucht, um ethischen Pornokonsum. Dazu gibt es bislang überhaupt nichts. Im November kommt das raus – und ich werde das Format dem ZDF jetzt als Serie vorschlagen. So was sollte öffentlich-rechtlich finanziert werden.

Frage: Was wäre ein guter Name für ein ARD-ZDF-Pornoportal?

Antwort: „Der Porno im Ersten“ vielleicht? Oder „Die Pornschau“? „Porno-Journal“? „Porno nach 8“?

Frage: Paulita Pappel, bei allen Gedankenspielen über öffentlich-rechtliche Pornos sind wir uns aber einig, oder? Das alles wird nie passieren.

Antwort: Wer weiß? Ich habe öffentlich-rechtliche Pornos schon vor Jahren gefordert und das damals selbst noch für reine Provokation gehalten. Dann hat mich Jan Böhmermann angeschrieben. Jetzt habe ich Hoffnung.

Ähnliche Artikel