Weinanbau in Ostfriesland  Klimawandel beschert Breinermoor einen Weinberg

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 27.10.2022 16:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Reiner und Thekla Schulte kümmern sich vor Ort um den Weinberg. Fotos: Ortgies
Reiner und Thekla Schulte kümmern sich vor Ort um den Weinberg. Fotos: Ortgies
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Der Anbau mancher Rebsorten verlagert sich immer weiter in Richtung Norden. Davon profitiert Niedersachsen, wo es 40 Winzer und eine Genossenschaft gibt. Deren Weinberg heißt Wilderfang.

Ostfriesland - Wer eine Vision hat, muss geduldig und hartnäckig sein. Niemand weiß das vielleicht besser als Prof. Dr. Torsten Oltmanns, der 2017 die Erste Ostfriesische Winzergenossenschaft (OWG) mit derzeit 55 Genossen gegründet hat. Damit ist der Rasteder in Niedersachsen ein Mann der ersten Stunde. In dem nördlichen Bundesland ist es nämlich erst seit 2016 erlaubt, Wein anzubauen. Die Idee dazu kam dem 58-Jährigen, als er von einem Wein hörte, der auf Sylt gekeltert wird. Über eine seiner Mitarbeiterinnen kam der Kontakt zu der jungen Winzerin Angelina Schmücker aus Rheinhessen zustande, die sofort mit im Boot war.

Die Suche nach einer geeigneten Fläche war schwierig. Zwei Äcker, die man in Moormerland ausgeguckt hatte, erfüllten nicht die Voraussetzungen. Der Boden war ungeeignet. Die Genossen fanden dann vor zwei Jahren in Breinermoor (Gemeinde Westoverledingen) ein ein Hektar großes Areal, auf dem sie 4000 Reben der Sorten Solaris und Souvignier Gris anpflanzten. Doch wie der Wein schmecken wird, können die Genossen noch nicht sagen. „Wir haben noch nichts geerntet“, sagt Torsten Oltmanns. Das könne man erst nach drei Jahren. In diesem Herbst seien die Genossen mehrfach zu Arbeitseinsätzen vor Ort gewesen. Die Rebstöcke mussten beschnitten werden. „Sonst werden sie zu buschig“, erklärt der Hobby-Winzer.

Widerstandsfähig gegen Pilze

Man habe Rebsorten gewählt, die so gezüchtet seien, dass sie mit niedrigen Temperaturen klarkommen und widerstandsfähig gegen Pilze sind. Torsten Oltmanns betont, dass er selbstverständlich nicht froh über den Klimawandel sei. Der Weinanbau in der nördlichen Region habe allerdings davon profitiert, dass die Zahl der Sonnenstunden stark zugenommen habe. Neulich habe er in einem Fernsehbeitrag gesehen, dass selbst in einem Fjord in Norwegen Rebstöcke gepflanzt worden seien. 2019 kam von dort die Meldung, dass es erstmals gelungen sei, Riesling zu keltern.

Diese Rebsorte, die im 19. Jahrhundert den ausgezeichneten Ruf des deutschen Weins in aller Welt begründet hat, verträgt keine sehr hohen Temperaturen. Darauf macht Jan Brinkmann im Gespräch mit dieser Zeitung aufmerksam. Der Vorsitzende des niedersächsischen Weinbauverbandes sagt, dass die übermäßige Sonneneinstrahlung den Gehalt an Apfel- und Weinsäure im Riesling minimiere. Außerdem wird die Gefahr erhöht, dass die Trauben Sonnenbrand bekommen. Dadurch verschorft die Frucht und fällt frühzeitig ab. Die mittelfristige Folge des Klimawandels: Die Hänge, die früher mit Riesling bestückt wurden, müssen jetzt mit Rotweinrebsorten bepflanzt werden. Denen kann die starke Sonneneinstrahlung nicht so viel anhaben.

3000 Flaschen sollen es werden

Die Weinlese im vergleichsweise jungen Anbaugebiet Niedersachsen ist bereits abgeschlossen − mit höheren Erträgen als vor einem Jahr. Jan Brinkmann selbst ist im Nebenerwerb als Winzer in Bad Iburg (Landkreis Osnabrück) tätig. Auf einer Fläche von 1,5 Hektar keltert er Wein aus den Rebsorten Helios und Solaris, beides sind Neuzüchtungen. Solaris ist erst 2001 vom Bundessortenamt zugelassen worden. Nach Angaben des niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dürfen derzeit landesweit 40 Menschen professionellen Weinanbau betreiben. Laut Weingesetz darf der in Niedersachsen angebaute Wein nicht regional gekennzeichnet werden, sondern nur pauschal als deutscher Wein. Außerdem darf kein Wein mit einem Alkoholgehalt von mehr als 15 Prozent vermarktet werden.

Torsten Oltmanns ist das gleichgültig. Seine Genossen wollen die rund 3000 Flaschen, die sie im nächsten Jahr voraussichtlich ernten werden, unter den Genossen aufteilen. Eine kleine Menge werde vielleicht auch im lokalen Handel oder in hiesigen Restaurants zu bekommen sein. Einen Namen wird der Rebensaft aus Ostfriesland dann auch erhalten. Weil der Weinberg am Wilderfang in Breinermoor liegt, soll er voraussichtlich auch so heißen.

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