Protest in Jennelt  Wenn Dörfer plötzlich nichts mehr für Familien sind

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 26.10.2022 17:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hier sieht man Carolin Akkermann zusammen mit ihrer Tochter Nia. Foto: Hillebrand
Hier sieht man Carolin Akkermann zusammen mit ihrer Tochter Nia. Foto: Hillebrand
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Wer bauen will, sucht sich seinen Wohnort genau aus. Wie aber ist es, wenn dieser familienunfreundlicher wird? Darauf haben wir Mütter in Jennelt angesprochen.

Jennelt - Entschieden ist noch nichts, aber die Sorgen sind groß: Wird die Grundschule schließen oder nicht? Diese Frage stellt sich gerade zwar vor allem in Jennelt, wo an diesem Mittwoch für den Erhalt protestiert wurde. Sie könnte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aber noch viele weitere Dorfbewohner in Ostfriesland beschäftigen. Je kleiner der Ort, desto weniger neue Baugebiete dürfen nämlich entstehen. Das schreibt das Regionale Raumordnungsprogramm (RROP) vor, das die etwas zentraleren Orte stärken will, um besser für den demografischen Wandel gewappnet zu sein. Die kleinen Dörfer wie Jennelt haben dabei das nachsehen.

Was und warum

Darum geht es: Schulschließungen machen Orte unattraktiv. Gerade in kleinen Dörfern könnte es jedoch immer häufiger dazu kommen. Schuld daran ist auch das Raumordnungsprogramm.

Vor allem interessant für: Bewohner von kleinen Dörfern

Deshalb berichten wir: Die Bürgerinitiative hat uns zu ihrem stillen Protest vor der Jennelter Grundschule eingeladen.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Wo keine Bauplätze für junge Familien sind, da gibt es nämlich auch weniger Nachwuchs und die Schulen und Kitas machen dicht. Das ist umso bitterer für Familien, die sich wegen der Ruhe oder aufgrund von familiären Wurzeln ganz bewusst für das Leben in einem kleinen Ort entscheiden. So beispielsweise auch Carolin Akkermann, die am Mittwoch dabei war, als die Bürgerinitiative (BI) für den Erhalt des Schulstandortes in Jennelt protestierte.

In Neubaugebieten wachsen Schüler nach

Im Kinderwagen schob die Mutter ihre ein halbes Jahr alte Tochter Nia zu der Schule. Sie hat zudem noch zwei Söhne: den vierjährigen Arne und den dreijährigen Thilo. Alles Kinder also, die in den nächsten Jahren auf ein Kita- und Schulangebot angewiesen sind oder es noch sein werden. „Ich bin positiv gestimmt, dass die BI Druck auf die Politik ausüben kann“, sagt sie unserer Zeitung auf Nachfrage.

Beim stillen Protest gab es nur ein kurzes Gespräch zwischen dem Biregio-Gutachter (von links), Wolfgang Beek und Jutta Lerche-Schaudinn. Foto: Hillebrand
Beim stillen Protest gab es nur ein kurzes Gespräch zwischen dem Biregio-Gutachter (von links), Wolfgang Beek und Jutta Lerche-Schaudinn. Foto: Hillebrand

Noch könne sie ihre Kinder zu Fuß bringen, sagt sie. Es sei schön, dass es die Einrichtungen vor Ort gebe. Das sei auch ein Grund dafür gewesen, weshalb ihre Familie im Neubaugebiet am Kornweg in ein Haus zog. Es sei in Jennelt einfach familiärer und man kenne jeden – anders als beispielsweise in Pewsum. Außerdem könne ihr Nachwuchs so erst einmal Freunde vor Ort kennenlernen. „Es wäre sehr schade, wenn die Schule schließen würde.“

Rundgang hinter verschlossener Tür

Ob es dazu kommt, hängt letztendlich von der Krummhörner Politik ab. Um ihr bei der Entscheidung zu helfen, ist in diesen Tagen die Bonner Gutachter-Firma Biregio in der Gemeinde unterwegs, um alle Schulen und Kitas unter die Lupe zu nehmen. So am Mittwoch auch in Jennelt, wo rund 70 Personen aus dem Umfeld der BI samt Kindern einen stillen Protest organisiert hatten. Sie empfingen den zuständigen Gutachter, der anschließend zusammen mit dem zuständigen Krummhörner Fachbereichsleiter Wolfgang Beek durch die Schule ging. Zwischen den beiden Männern und der BI-Sprecherin und früheren Jennelter Rektorin Jutta Lerche-Schaudinn gab es nur ein kurzes Gespräch.

Etwa 70 Personen nahmen an dem kurzen Protest teil und brachten Schilder mit. Foto: Hillebrand
Etwa 70 Personen nahmen an dem kurzen Protest teil und brachten Schilder mit. Foto: Hillebrand

Was drinnen bei der Begutachtung des stark sanierungsbedürftigen Gebäudes gesagt wurde, ist indes erst einmal nur für einen geschlossen Kreis bestimmt. Das sagte jetzt auf Nachfrage Gemeindesprecher Fritz Harders. Wann die endgültigen Ergebnisse der Bedarfsanalyse zu den Krummhörner Schulen und Kitas vorliegen, weiß er noch nicht. Bekannt ist lediglich, dass Biregio bereits vor acht Jahren unter anderem auch in der Krummhörn unterwegs war und damals zur Schließung der Grundschulen Loquard und Greetsiel riet. Damals stimmte die Politik dagegen – in der aktuellen Diskussion hingegen legt sich lediglich die SPD schon jetzt auf ein klares Nein gegen jegliche Schließungspläne fest. Komme was wolle. Sie bildet allerdings nicht die Mehrheit im Gemeinderat.

Wie sieht es in den anderen Schulen aus?

Inwiefern sorgt das auch in den anderen Krummhörner Schulen für Verunsicherung? Bei zurückliegenden Anfragen unserer Zeitung verwiesen uns die Einrichtungen bei Fragen in dieser Sache an die Gemeinde. Jetzt haben wir auch einmal bei den Schulfördervereinen angefragt.

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Aus Loquard war – wohl auch bedingt durch die Ferien – bislang keine Auskunft zu bekommen. In Greetsiel habe sich der Förderverein bislang noch nicht zu dieser Frage ausgetauscht, heißt es von dort. Eine ausführlichere Rückmeldung kommt indes von Tina Saathoff, Elternratsvorsitzende sowie Schriftführerin im Pewsumer Förderverein. Dort befürchte man keine Schulschließung – weder in der Elternschaft, noch im Förderverein, schreibt sie. Immerhin habe Pewsum die größte Grundschule in der Krummhörn und eine Schließung sei „wenig sinnvoll“. Zudem sei die Einrichtung derzeit nicht voll ausgelastet. Das könnte die Dinge im Falle einer Fusion etwas einfacher machen.