Serie „Leven van de See“ Der Wandel Langeoogs im Fokus der Kamera
Deff Westerkamp hält im Bild fest, was die Nordseeinseln lebendig macht. Dabei sieht er viele Dinge, die sich verändern – vor allem im Inselleben. Nicht immer zum Vorteil.
Langeoog - Es war die Corona-Pandemie, die den gebürtigen Langeooger Deff Westerkamp wieder in seine alte Heimat brachte. Der Fotograf war zufällig auf der Insel, als der erste Lockdown kam. Er musste sich entscheiden: Zurück nach Hamburg, oder bleiben? Er blieb, meldete seinen Erstwohnsitz um und wurde wieder Langeooger – zum ersten Mal seit 30 Jahren. Jetzt sitzt er bei einem Bier vor dem Dwarslooper, einem gemütlichen Bistro unterhalb des Langeooger Wasserturms, und erzählt von der Insel und wie es war, wieder zurückzukommen.
Die Serie „Leven van de See“
Die Nordsee. Mal malerisch ruhig, mal wild und stürmisch. Sehnsuchtsort und Arbeitsort in einem. Es gibt Menschen, die all ihre Facetten kennen, weil sie täglich mit ihr zu tun haben. Das Leben von und mit dem Meer prägt die ostfriesische Halbinsel sogar bis ins Landesinnere hinein. Es ist Nahrungsquelle, liefert Werkstoffe und Zutaten, ist Wasserstraße und manchmal auch Energiespender. In dieser Serie geht es darum, wie sich der Mensch an das Leben am und mit dem Meer angepasst hat. Unter dem Motto „Leven van de See“ berichten Ostfriesen von ihrer Verbindung zur Nordsee. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, ihren persönlichen Blickwinkel und ihre Wünsche für die Zukunft.
Die nächste Folge: Dunkle Zeiten: Am nächsten Donnerstag erzählt Sophie Lehmann, wie sie Spiekeroog zu einer Sterneninsel gemacht hat.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de oder 04941/6077-519
Auch nach fast drei Jahren mit der Pandemie hat Westerkamp nicht vor, Langeoog wieder in Richtung Großstadt zu verlassen. Stattdessen bereist er die Inseln der Nordsee und fängt mit seiner Kamera die Kräfte ein, die sie entstehen ließen und formen. Mit seinem speziellen Blick durch den Sucher macht er die Gestalter und ihr Werk für andere sichtbar. Eine Auswahl seiner Arbeiten hat er im August in dem Bildband „Schwestern – Panoramafotos der Nordseeinseln“ herausgebracht.
Das Watt war früher sein Spielplatz
Mit dem gleichen Blick schaut der studierte Umweltwissenschaftler auf die Veränderungen seiner Heimat. Nicht alle findet er gut. Denn im Gegensatz zur Macht von Wind und Wellen verschlucken die Menschen gemachten Veränderungen Stück für Stück die Identität der Inseln, findet der Künstler. Für seine Fotografien ist er deshalb dort unterwegs, wo sie noch ihr ursprüngliches Gesicht zeigen. Er fotografiert, wo früher sein Spielplatz war: im Watt, in den Dünen und an der Wasserkante.
Einer der Orte, die er oft besucht, ist das Ostende der Insel Norderney. Die Insel bringt es mit Sylt auf die meisten Übernachtungszahlen aller Nordseeinseln. „Das Ostende mit seinem alten Schiffswrack ist trotzdem einer der ursprünglichsten Orte auf allen Inseln“, sagt Westerkamp und fügt hinzu: „Es ist noch richtig wild.“ Das Ostende ist abgelegen und nur zu Fuß erreichbar. Norderneys Partytouristen kommen nicht dorthin. So findet Westerkamp Ruhe und freien Raum für seine Aufnahmen. Für manche braucht der Fotograf Tage. Das Licht muss stimmen, der Himmel ausdrucksvoll sein, Mond und Sonne in genau dem richtigen Winkel stehen.
Einige Dinge gehören zur Identität einer Insel
Blickt er auf die Inselorte, vermisst Deff Westerkamp diese Ursprünglichkeit oft. Nicht alles müsse bewahrt werden, sagt er, „aber einige Dinge gehören einfach zur Identität einer Insel“. Kutschen wie auf Juist habe es bis in die 70er Jahre auch auf Langeoog gegeben. Pferde dienten auf den Inseln nicht nur der Fortbewegung, sondern gestalteten die Landschaft für die Wiesenvögel. Der Fotograf hofft, dass sie auf Juist auch weiterhin zum Bild der Insel gehören werden. „Wir haben sie leichtfertig aufgegeben“, sagt Westerkamp. Wie so vieles.
Die Inseln sollten darauf achten, ihre Besonderheiten zu erhalten – findet der Künstler. Dazu zählt er außer den Pferden auf Juist auch den ursprünglichen Ortskern der Insel Spiekeroog. Auf Langeoog seien die alten Insulanerhäuser fast vollständig verschwunden. Sie machten Hotels und Gästehäusern Platz. „In diesem Gebäude haben einmal meine Urgroßeltern gelebt“, sagt Westkamp und deutet mit einem Nicken auf die Front des Bistros an der Hauptstraße des Ortes.
Das Wohnhaus gehörte im Sommer den Feriengästen
Von dem ursprünglichen Charakter des Gebäudes sei nichts mehr übrig. Die Geschichten, wie es einmal war, erzählt ihm seine 102-jährige Großtante. „Die Menschen waren früher im Winter sehr auf sich gestellt, haben sich in Vereinen organisiert und auf die Saison gefreut“, sagt Westerkamp. In diesem Haus sei früher im Winter ein Kuhstall gewesen. Im Sommer kamen die Kühe raus, der Stall wurde gekalkt und zum neuen Zuhause der Bewohner. Das Wohnhaus bekamen die Feriengäste.
Natürlich gehe es nicht darum, wieder so zu leben, „aber darum, ein Stück der Verbundenheit mit der Insel und untereinander wiederherzustellen“, findet Westerkamp. Wie sich die Inseln verändert haben, werde deutlich an der Zahl der Kinder an der Inselschule. 2021 wurden sieben Kinder eingeschult. „Früher waren wir 29 in einem Jahrgang“, so der 53-Jährige. „Heute ist die Insel nicht mehr familienkompatibel. Wer eine Familie gründen möchte, zieht aufs Festland.“ Auch aus seinem Jahrgang seien kaum welche geblieben. So fehle der Insel der feste Unterbau.
Noch findet der Fotograf auf Langeoog Motive für seine Aufnahmen – vor allem am Strand auf der Höhe der Melkhörndüne mit seinen Prielen und jungen Dünen. Noch gibt es Reste des alten Langeoogs, wo er in den Dünen Möweneier sammelte, ein Inselleben mit viel Freiheit, Segeln und Watt. „Wir müssen uns viel mehr auf die Natur besinnen“, findet Westerkamp. „Sie ist für uns so selbstverständlich, dass wir uns nicht vorstellen können, dass es auf der Insel einmal anders aussehen könnte.“
Die Inseln werden aus Sturm geboren und von ihm geformt
Östliche Nordsee Inseln entstehen durch Wind und Vegetation – Der Mensch nutzt das Prinzip zum Bau von Dünen Langeoog - Die Ostfriesischen Inseln sind durch die Gewalten entstanden, die sie noch heute regelmäßig in die Schlagzeilen bringen. Wind und Sturmfluten gaben ihnen ihre Gestalt und veränderten sie immer wieder. Wie wichtig gerade Sturmfluten für die Inselentstehung und ihr Wachstum sind, war lange nur eine Theorie. Bis Forscher sie von 2007 bis 2013 auf der Kachelotplate unterhalb von Juist belegen konnten. Dort verfolgten sie in Echtzeit, wie diese Kräfte eine neue Insel entstehen ließen. Für Dr. Achim Wehrmann vom Forschungsinstitut Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven sind gerade diese Sturmfluten ein wichtiger Schlüssel im Gleichgewicht des Wattenmeeres. Der Ablauf klingt naheliegend: An einer Untiefe lagert sich über eine lange Zeit Sand ab, bis sich auf der Sandbank in den Sommermonaten die ersten Dünen bilden. Wellenenergie, Wind und die Gezeiten lassen sie entstehen. Sie transportieren den Sand des Meeres. „Wichtig ist in diesem Prozess die Vegetation, wie zum Beispiel Binsen-Quecke und Strandhafer“, so Wehrmann. Die Pflanzen fixieren die Dünen mit ihren Wurzeln bis in den Kern hinein. „Dann kommen die Winterstürme und bringen drei Meter höhere Wasserstände als gewöhnlich“, so der Geologe. „Die Dünen werden überspült und der Sandkörper gleichmäßig verteilt.“ Wie die Planierraupe auf einer Baustelle arbeitet die Sturmflut. Dabei passiert etwas, das Wehrmann das Paradoxon der Inselbildung nennt. Genau dieser Prozess sorgt dafür, dass die Insel immer weiter wachsen kann: „Jedes Mal, wenn die Sturmflutsaison vorbei ist, waren die Dünen weg und die Insel ein Stück höher.“ So geht es immer weiter: Im Sommer wachsen neue Dünen, im Herbst und Winter werden sie planiert. Irgendwann ist die Sandbank an einigen Stellen so hoch, dass sie nicht mehr überflutet werden kann und Dünen dauerhaft bleiben – eine Insel ist geboren. Die Insel Langeoog besitzt ihr heutiges Aussehen noch nicht lange. Noch in den 60er Jahren war von den heute riesigen Dünen rund um das Pirolatal nicht viel zu sehen. Im Gegensatz zu den Dünen im Inselosten sind dort nicht alle natürlich entstanden. Ihr Wuchs wurde von Menschen beeinflusst, um Langeoogs Süßwasservorkommen zu schützen: eine für die Bewohner überlebenswichtige Süßwasserlinse. Würde eine Flut die Dünenkette durchbrechen, würde sie mit einsickerndem Salzwasser den Süßwasservorrat auf unabsehbare Zeit verderben. Deshalb werden die Schutzdünen seeseitig durch Strandaufspülungen geschützt und am Dünenfuß durch Sandfangzäune verstärkt. Das ist eine alte Art, mit der Natur zu bauen. Dort fängt sich der vom Westwind herangetragene Sand, sodass die Düne von ihrer Basis her wächst. Um den so gewonnenen Sandzuwachs zu sichern, wird er mit Strandhafer und anderen Pionierpflanzen wie Strandquecke und Meersenf bepflanzt.
Glossar
Geschichte Langeoogs: Wie alle Ostfriesischen Inseln entstand Langeoog nach der jüngsten Eiszeit, als Sandbänke zu Dünen und schließlich zu Inseln wuchsen. „Langeoch“ wurde 1398 erstmals urkundlich erwähnt. Die Insel besitzt eine bewegte Vergangenheit: Sturmfluten veränderten ihre Gestalt immer wieder. Auch der Wind und die Meeresströmungen gestalteten das Landschaftsbild. Wegen der zerstörerischen Kraft des Meeres konnte die Insel nicht durchgehend besiedelt werden.
Besiedelung Langeoogs: Ständig besiedelt ist die Ostfriesische Insel Langeoog erst seit 1740. Bis in die 1780er Jahre lebten die Langeooger vom Fisch- und Walfang sowie vom Verkauf von Muschelschalen, die für die Kalkherstellung gebraucht wurden. Nachdem 1797 das Seebad Norderney eröffnet wurde, lieferte Langeoog Möweneier für die dortigen Kurgäste. Touristisch entwickelte sich die Insel Langeoog ab 1830 mit der ersten Fährverbindung.
Natur der Insel Langeoog: Fast zwei Drittel der Fläche von Langeoog gehören seit 2009 zum Nationalpark Wattenmeer. Auf dem Naturpfad Flinthörn führt der Weg zu einem der bedeutendsten Brut- und Rastgebiete verschiedener Watt- und Wasservogelarten. Der Lehrpfad Osterhook führt durch eine der naturbelassensten Landschaften des Wattenmeeres.
Das passiert nach 100 Jahren Meierei auf Langeoog
Von Leer zu den Walen Neuseelands
Vom Segeln und Lernen auf See
Vom Schreibtisch ins Nichts am Meer
Der Reeder-Rebell von Juist
Mittler zwischen Meer und Mensch